05.11.2015 / Katja Kipping

Flüchtlinge, dem Amt ausgeliefert

„Das Staatsversagen ist erst auf den zweiten Blick erkennbar, denn die Freiwilligen gleichen es aus“ – über die Arbeit der Helfer vor dem Lageso in Berlin.

Bangladesch, Türkei, China, die Etiketten der Kinderbekleidung, die ich nach Größen sortieren soll, haben eine weite Reise hinter sich und dabei viele Grenzen überschritten. Eine halbe Stunde später helfe ich Menschen beim Anprobieren, die eine ebenso weite Reise hinter sich haben. Für sie sind die überwundenen Grenzen, anders als für die T-Shirts und Pullover, kräftezehrende Hürden. Vielen sieht man die Strapazen noch an. Sie alle warten am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) auf ihre Registrierung oder sind gerade registriert worden.

Wartende werden mit warmen Getränken, mit Hygieneartikeln und Informationen versorgt. Im Nebengebäude behandeln überwiegend ehrenamtliche Ärzt*innen Krankheiten. Nicht zuletzt solche, die sich Geflüchtete durch die ewigen Wartezeiten vor dem Lageso zugezogen haben. Hebammen kümmern sich um werdende Mütter.

Ich habe eine Schicht bei den Freiwilligen übernommen, die sich hier um so ziemlich alles kümmern. Schon lange wollte ich einmal eintauchen in die Arbeit der Freiwilligen und meinen bescheidenen praktischen Beitrag zur Solidarität mit Geflüchteten leisten – Ende Oktober ist es endlich so weit.

Mit fünf anderen helfe ich bei der Ausgabe und Sortierung von gespendeter Kleidung, die dem Wetter angemessen ist. Nacheinander gehen die Geflüchteten durch den Raum, dürfen sich Dinge, die sie benötigen, selbst auswählen. Wir helfen aussuchen und einschätzen, was im beginnenden Winter insbesondere die durch den Raum wuselnden Kinder halbwegs warm halten soll.

Verständigungshilfe

Andere Freiwillige besorgen Kinderwägen. Die sind Mangelware, viele Familien müssen ihre Kinder den ganzen Tag tragen – und immer wieder wird nach Dolmetscher*innen gerufen. Arabisch, Farsi, Bosnisch, ganz oft braucht es Verständigungshilfe. Fast immer findet sie sich nach kurzem Warten.

Durch die Eröffnung einer Zweigstelle ist die Lage am Lageso auf den ersten Blick nicht mehr so katastrophal wie noch vor einigen Wochen. Tausende Leute standen manchmal tagelang im Regen auf dem schlammigen Vorplatz. Übergriffe durch Security-Mitarbeiter beschäftigten erst jüngst das Abgeordnetenhaus. Heute sind immer noch einige hundert Menschen auf dem Platz, aber immerhin gibt es ein paar Zelte, die Schutz bieten.

Auf den zweiten Blick fällt auf, was sich alles nicht verändert hat. Ich schwanke daher zwischen dem Respekt vor der Leistung der Freiwilligen und der Fassungslosigkeit darüber, wie die Freiwilligen derartig alleingelassen werden und Arbeiten übernehmen, die sonst Menschen ausüben, die dafür jahrelang ausgebildet wurden und bezahlt werden müssten.

Nicht, dass die Helfenden nicht professionell arbeiten würden. Im Gegenteil. Nicht nur die Logistik ist beeindruckend. Das Staatsversagen ist nicht erkennbar, denn die Freiwilligen gleichen es aus. Wie schon bei meinem Besuch in Heidenau und in der Dresdner Zeltstadt: Den ganzen Tag höre ich von keiner/m der Unterstützer*innen ein harsches Wort, auch nicht in stressigen Situationen. Stattdessen ein sorgsamer Umgang miteinander und mit den Angekommenen. Immer wieder wird man gefragt, wie es einem geht. Ob man eine Pause oder eine Erfrischung brauche.

Manche der Geflüchteten sind nach einigen Tagen selbst zu Freiwilligen geworden. Sie dolmetschen, ordnen und packen mit an. Mehr als ein Namensschild an der Jacke und ein Kürzel, welche Sprachen gesprochen werden, braucht es nicht, um sich in die UnterstützerInnenstrukturen einzufügen.

Wie wenig selbstverständlich dieser sorgsame Umgang miteinander ist, wird mir noch einmal in der Pause klar. Maria (Name geändert), die mit mir in der Kleiderkammer arbeitet, spricht davon, wo sich das Fehlen professioneller Strukturen für sie bemerkbar macht. Neben der organisatorischen Arbeit ist sie mit Schicksalen von Menschen konfrontiert, die einen selbst dann überfordern können, wenn man sie nicht selbst erlebt hat, sondern sie eben nur aus Erzählungen erfährt.

Unter den Ankommenden sind Menschen, die Kinder, Partner und Freund*innen im Mittelmeer ertrinken sahen. Es sind Menschen unter ihnen, die Gewalt erfahren und erlebt haben, die man sich in Deutschland kaum vorstellen kann. Und es sind Menschen, die in einer Situation ankommen, in der sie halbwegs sicher sind, aber noch lange nicht souveräne Gestalter*innen ihres Lebens und ihres Alltags sind. Wartende, deren Leben von der Wartenummernanzeige des Lageso strukturiert wird. Diese Fluchtschicksale und das Ausgeliefertsein beschäftigen und belasten auch die Unterstützenden. Sie nehmen dies mit nach Hause.

In stressigen Situationen bleibt wenig Zeit, Missverständnisse auszuräumen. Maria, die selbst eine Mediationsausbildung hat, meint: Es kann nicht sein, dass es bei so einer wichtigen Arbeit keine professionelle Supervision gibt. Verantwortungslos findet sie das, gegenüber den Freiwilligen, aber auch gegenüber den Geflüchteten. Recht hat sie.

Kein akzeptabler Zustand

Auch mehrere Monate nachdem die angebliche „Flüchtlingskrise“ ausgerufen worden ist, ist die oft beschworene Überforderung der Unterstützer*innen nicht eingetreten. Die Lücken, die das beginnende Semester reißt, weil viele Studierende wieder in die Seminare müssen, schließen andere. Anders geht es auch nicht, ich will mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn sie nicht da wären. Ein akzeptabler Zustand ist das nicht.

Die Freiwilligen wollen eigentlich das tun, was ein Staat in dem Maße nicht leisten kann: persönliche Unterstützung, den Ankommenden helfen. Stattdessen müssen sie sich damit beschäftigen, das Existenznotwendige bereitzustellen.

Der Beitrag erschien am 05.11.2015 auf den Berlin-Seiten der taz.

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