27.05.2015

Vertrauensbildende Maßnahme

Aus meiner Rede zur Eröffnung der Wanderausstellung des Deutschen Bundestags

Herr Eid, Centermanager des Prohliszentrums

Im vorigen Jahr hat ein bekanntes Nachrichtenmagazin ein Ranking der Berufsstände veröffentlicht, bei dem für die Platzierung das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger maßgeblich war. Sie ahnen sicher, was jetzt kommt: Mit 15,1% sind Politiker ganz am Ende des Rankings gelandet. Selbst Versicherungsvertreter genießen mehr Vertrauen, als Politikerinnen und Politiker. Ich finde ja, dass hier etwas nicht stimmt, im Lande, wenn den gewählten Vertretern des Volkes weniger vertraut wird, als einem Profifußballer, der es immerhin auf 38,8 % Vertrauen bringt.

Herr Eggert und Herr Kresin, Fachbetreuer der Ausstellung

Aber es muss wohl tatsächlich so sein, denn ein Markt- und Meinungsforscher ist mit 58,1% immerhin fast viermal so vertrauenswürdig, wie eine Politikerin - also z.B. als ich! Ich würde Ihnen deshalb dringend empfehlen, meine eben gemachten Angaben gleich heute Abend zu überprüfen! Man kann ja nie wissen!

Schwerer noch als das geringe Ansehen von Politiker_innen wiegt die steigende Zahl an Nichtwählenden. Es kann uns nicht kalt lassen, wenn bei Landtagswahlen, wie kürzlich in Bremen, nicht mal mehr jeder zweite an der Wahl teilnimmt.

Ich meine, wir müssen hier tiefgründig analysieren.Wenn Politik den Eindruck hinterlässt, es gäbe sowieso keine Alternative zur Verwaltung des Sachzwangs, stärkt das nicht gerade die Begeisterung für Wahlen.

Zudem ist auffällig, dass der Anteil der Einkommensschwachen an den Nichtwählenden steigt. In sozialen Brennpunkten ist die Wahlbeteiligung besonders gering. Dabei sind diese Stadtteile in besonderem Maße angewiesen auf

-ein Bildungssystem, bei dem die Bildungschancen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen

-eine Sozialpolitik, die Armut sicher verhindert

-ein Gemeinwesen, das Bus und Bahn preiswert oder gar kostenlos anbietet

Wenn wenigstens die Wahlverweigerung zu einem Nachdenken oder zu besonderen Anstrengungen für mehr soziale Gerechtigkeit führen würde. Aber mein Eindruck ist, viele ziehen genau den umgekehrten Schluss daraus. Insofern kann ich nur empfehlen, den möglichen Unmut über die Politik auf andere Art als durch Wahlenthaltung zum Ausdruck zu bringen. Manchmal ist es ja schon ein Anfang, sich mit anderen zu verbünden. Ich weiß, auch hier in Prohlis gibt es dafür Anlaufstellen, wie die Erwerbslosen-Initiative Querbeet.

Genug geredet - lassen Sie uns die Ausstellung betrachten und ich habe natürlich auch noch Zeit für Gespräche mit Ihnen. Für eines aber möchte ich diese Gelegenheit auch noch nutzen: Mich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutschen Bundestages zu bedanken, weil ja zwei von ihnen hier sind und ich hoffe, dass sie es weitersagen. Ob wissenschaftlicher Dienst, Verwaltung, Besucherdienst, Sicherheitsdienst, Reinigungskräfte, Kraftfahrer, Köche, Handwerker, Techniker, Praktikanten, Honorarkräfte - es wäre schlicht unmöglich, das Volk zu vertreten, ohne gemeinsam mit ihm zu arbeiten. Wir alle sind Menschen - mit und ohne Mandat!

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