09.02.2015

André Gorz - Sozialphilosoph und Mensch

André Gorz, österreichisch-französischer Sozialphilosoph, wäre heute 92 Jahre alt geworden. Seit den 1950er-Jahren lebte er als Publizist in Frankreich, war Mitarbeiter Jean-Paul Sartres und Mitbegründer des Nachrichtenmagazins Le Nouvel Observateur. Im Jahr 2007 nahm er sich gemeinsam mit seiner schwerkranken Frau Dorine das Leben. Ihr widmete er sein letztes Buch.

Gorz inspiriert die sozialen Bewegungen noch heute mit seiner politischen Philosophie: Kritik der Lohnarbeit und der Prekarisierung, Grundeinkommen, selbstbestimmte Arbeit und Umverteilung von notwendiger Arbeit – das waren seine Themen.

Für Gorz galt, dass linke Reformprojekte erstens bestehende Tendenzen in der Gesellschaft aufgreifen, zweitens aber über das Bestehende hinausweisen müssten – also Reformprojekte mit revolutionärem Anspruch sein müssten. Ein Herumdoktern an Symptomen kapitalistischer Produktions- und Lebensverhältnisse war für ihn keine politische Option, löst sie doch das Problem der Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse nicht grundsätzlich. Seine linke Kritik galt dem Ansatz, lediglich Lohnarbeit und daraus abgeleitete Sozialsysteme reformieren zu wollen. Dieser politische Ansatz verharrt nicht nur in der Lohnarbeitslogik, die tagtäglich das Kapital und Privateigentum (re-)produziert, ob nun mit höheren Löhnen und etwas besseren Arbeitsbedingungen oder nicht. Er verkennt, dass in einer entwickelten kapitalistischen Produktionsweise, in der die entscheidende Produktivkraft der Mensch ist, Arbeit sich nicht in das begriffliche und organisatorische Korsett der Lohn- bzw. Erwerbsarbeit pressen lässt. Vergesellschaftete Arbeit kann nicht mehr privatisiert werden – eine Erkenntnis, die Karl Marx schon in den "Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie" angesichts der von ihm erahnten Produktivkraftentwicklung hatte. Ein Versuch der Privatisierung vergesellschafteter Arbeit läuft aber zwangsläufig in die Prekarisierungsfalle.

Gorz setzt auf den grundlegenden Marxschen Ansatz der Befreiung der Arbeit aus dem Lohn- und Erwerbsarbeitskorsett. Anders als Marx argumentiert er, dass die Arbeiterklasse und deren Organisationen dazu nicht befähigt sind, weil sie – anders noch als zu den Zeiten von Karl Marx – systemisch vollends in die kapitalistische Logik eingebunden seien. Wie Karl Marx vertrat André Gorz auch die Auffassung, dass entfremdete Arbeit, also Erwerbsarbeit, nicht das menschliche Bedürfnis befriedige: "Das unabdingbare Bedürfnis nach einem ausreichenden und sicheren Einkommen ist eine Sache, das Bedürfnis zu werken, zu wirken und zu handeln, sich an anderen zu messen und von ihnen anerkannt zu werden, eine andere, die weder in der ersten aufgeht noch mit ihr zusammenfällt. Der Kapitalismus dagegen verkoppelt diese beiden Bedürfnisse systematisch, verwirrt, und verschmilzt sie und gründet darauf die Macht des Kapitals und seine ideologische Vorherrschaft."

Gorz entwickelte Ideen und verwies auf reale politische Ansätze und Projekte, mit denen das menschliche Bedürfnis "zu wirken und zu handeln, sich an anderen zu messen und von ihnen anerkannt zu werden" gefördert, die nötige Frei-Zeit und den nötigen Frei-Raum erhalten könne: Grundeinkommen, Zeitsouveränität (das Recht auf Unterbrechung der Erwerbsarbeit und auf Multiaktivität), öffentliche Freiräume für selbstorganisierte, kooperative Arbeit und Betätigung (z. B. das Recht auf Stadt und öffentliche Räume). Gorz war wie Marx der Auffassung, dass die unter diesen veränderten Rahmenbedingungen sich vollziehende freie Entwicklung der Fähigkeiten der Menschen auch auf die Lohnarbeit-/Kapitalebene zurückwirken würde. Wer gelernt hat, frei und solidarisch zu kooperieren, wird dies auch in der Erwerbsarbeit tun wollen, somit sich auch dort für andere Rahmenbedingungen der Produktion engagieren, also die Arbeit sich aneignen.

Wer auf auf der Suche nach revolutionären Reformpolitiken ist, für den ist es auch heute noch sehr lohnenswert André Gorz zu lesen.

Literaturauswahl:

A. Gorz: Abschied vom Proletariat, Frankfurt/Main 1980

A. Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983

A. Gorz, Garantierte Grundversorgung aus rechter und linker Sicht, in: M. Opielka/G. Vobruba (Hg.): Das garantierte Grundeinkommen. Entwicklung und Perspektiven einer Forderung, Frankfurt/Main 1986, S. 53-62

A. Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Hamburg 1994

A. Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/Main 2000

A. Gorz, Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie, Zürich 2004

A. Gorz, Seid realistisch – verlangt das Unmögliche, in: A. Exner/W. Rätz/B. Zenker (Hg.), Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit, Wien 2007, S. 70-78

A. Gorz, Brief an D. Geschichte einer Liebe, Zürich 2007

A. Gorz, Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie, Zürich 2009 (gesammelte Beiträge)

Ausdrucken | Seitenanfang

Wer flchtet schon freiwillig?
Prager Frühling - Magazin fr Freiheit und Sozialismus