07.03.2014

Wir sollten an der Tradition eines feministischen und sozialistischen Internationalismus anknüpfen

Rede anlässlich der Verleihung des Clara-Zetkin-Preises 2014

- Es gilt das gesprochene Wort -

Eine Preisverleihung ist immer eine Anmaßung. Wer kann schließlich wessen Schaffen, wessen Kämpfe als „preiswürdig“ anerkennen? Das habe ich zumindest bis letztes Jahr gedacht.

Liebe Feministinnen, liebe Frauen, liebe Gäste, liebe Verbündete,

vor einem Jahr haben wir hier an dieser Stelle den Clara-Zetkin-Preis Frigga Haug für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre Texte und die Diskussionen mit ihr, haben mich und viele andere Feministinnen politisch geprägt.

Frigga Haug einen Preis verleihen? Einer Frau, die seit Jahrzehnten feministische und marxistische Diskussionen gleichermaßen prägte? Eine Anmaßung?!?

Nein. … bzw. nicht nur. Denn eine Preisverleihung ist immer auch ein Akt der Kommunikation.

Der Name eines Preises ist immer auch Reibungsfläche. Clara Zetkin, die Namensgeberin des heute zu verleihenden Preises, sorgt auch heute noch für Reibung. Reibung, die bestenfalls Wärme oder sogar Hitzigkeit angeregter Debatten erzeugt.

Das Zetkin-Bild, das in der DDR vermittelt wurde, hatte wenig Ecken und Kanten. Clara Zetkin lächelte mild vom Zehn-Mark-Schein und von der 10-Pfennig-Briefmarke.

Als Denkmal war sie in jeder größeren Stadt auf ihrem Sockel zur Säulenheiligen erstarrt. Mittlerweile haben Denkmalsstürmer ihr Werk getan.

Die Straße, die an dem Parlament vorbeiführt, dessen Alterspräsidentin sie einst war, heißt seit vielen Jahren nicht mehr Clara-Zetkin-Straße. Sie trägt den Namen einer Kurfürstin: Dorotheenstraße. Clara-Zetkin-Schulen und Clara-Zetkin-Parks gibt es kaum noch.

Vielleicht können wir gerade deswegen wieder unbefangener über Clara Zetkin reden, weil wir nicht mehr im Schatten überlebensgroßer Denkmäler sprechen.

Heute können wir sie als eine kämpferische Frau, die sich in einem von Männern dominierten Terrain behauptet hat, sehen.

Die in Männerparteien gekämpft hat: erst in der SPD, dann in der KPD. Oft an der Seite ihrer Genossen, aber oftmals auch gegen sie.

Sie trat, als die Sozialistengesetze noch galten, in eine sozialistische Partei ein. Sie war Politikerin, als Frauen noch nicht einmal wählen durften.

Frigga Haug hat im letzten Jahr beschrieben, wie das Nachdenken über den Preis eine Auseinandersetzung angestoßen hat. Dass die erneute Lektüre und die Lektüre ihrer noch gegenwärtigen Anfeindungen sie zu einem differenzierten Bild führte.

Eine Preisverleihung verändert im besten Fall auch die Perspektive der Auslobenden. Sie müssen sich Rechenschaft darüber ablegen, an welche historischen Kämpfe sie erinnern, aber auch welche eigene blinde Flecken kritisch anzuerkennen sind.

Ich muss zugeben, dass ich froh war, nicht die schwere Aufgabe der Jury schultern zu müssen, aus den Vorschlägen vieler beeindruckender Projekte auswählen zu müssen.

Ich konnte stattdessen eine freie Stunde nutzen und eine Ausgabe der von Clara Zetkin herausgegebene Zeitschrift „Die Gleichheit“ aufgeschlagen. Genauer: Die Ausgabe von vor genau hundert Jahren, die März-Ausgabe 1914.

Ein Erlebnis, das mir vor Augen geführt hat, wie stark feministische Kämpfe die Welt verändert haben. Aber auch, dass vieles noch unvollendet ist.

So kritisierten die Sozialistinnen bereits vor 100 Jahren den Hebammenmangel im damaligen Deutschen Reich.

Der Grund: ihre schlechte soziale und materielle Situation. Der Präsident des kaiserlichen Gesundheitsamtes antwortete im Reichstag. Die Antwort kam mir sehr, sehr bekannt vor. Er stimmte einen — Zitat:

„Dankeshymnus auf die nicht hoch genug anzuerkennende Bestrebungen der privaten Mildtätigkeit und der privaten Fürsorge“ an.

Diesem Hymnus kann man auch heute noch bei vielen politischen Debatten lauschen.

Und wie ist es heute um die Situation der Hebammen bestellt? Horrende Haftpflichtversicherungsprämien machen ihnen zu schaffen. Viele haben, weil sie die Prämien nicht mehr zahlen konnten, ihren Beruf an den Nagel gehangen.

Der erste Antrag meiner Fraktion, an den ich mich entsinne, ist von 2010! Seither wurden Banken gerettet und milliardenschwere Drohnen gekauft.

Manche Drohne so schwer, dass sie immer am Boden bleiben wird.

Die Situation der Hebammen hingegen wurde nicht wirklich verbessert.

Wer Rüstung produziert, wer also mit dem Tod Geschäfte macht, muss es mit der Haftung nicht so ernst nehmen.

Wer beim Ankommen auf dieser Welt hilft, wer dem Leben hilft, wird hingegen durch die Haftpflichtversicherung an den Rand des Ruins getrieben.

Wie bezeichnend für eine patriarchale Werteordnung!

In einem anderen Beitrag in der vor hundert Jahren erschienen Zeitschrift „Gleichheit“ geht es um die Organisierung der Dienstboten.

Heute würde man Dienstbotinnen sagen, schließlich waren sie zu 95 Prozent weiblich.

Gemeint sind damit die Hausmädchen, Köchinnen und Kinderfräulein der bürgerlichen Haushalte. Sie verdienten fast nichts, schufteten nicht selten 16 Stunden am Tag. Für Gewerkschaften waren sie in den Haushalten der Bürger fast unerreichbar.

Und heute? Heute erleben wir die Wiederauferstehung der Dienstbotenklasse. Schätzungsweise vier Millionen Haushaltshilfen arbeiten in Deutschland. Nur einige davon sozialversicherungspflichtig.

Die Lücken in der Pflege alter und kranker Menschen werden meist durch Frauen aus den osteuropäischen Nachbarländern oder aus Lateinamerika geschlossen. Schlecht bezahlt. In den Haushalten von Pflegebedürftigen lebend, sind sie über lange Zeit getrennt von ihren eigenen Kindern und Eltern.

Oft ohne Ansprechpartner, wenn es Konflikte gibt. Meist hochgradig prekär, manchmal illegalisiert. Waren es früher oft junge Frauen vom Land, ist der Arbeitsmarkt für Reproduktionsarbeit global geworden.

Gewerkschaften und soziale Bewegungen stehen oft am Anfang, wenn es darum geht, solidarische Strukturen aufzubauen.

Liebe Frauen, liebe Feministinnen, liebe alle jenseits der Zwei-Geschlechter-Ordnung,

mich hat noch etwas an der „Gleicheit“ beeindruckt. In einer Zeit, in der im kaiserlich-wilhelminischen Deutschland vom Erbfeind Frankreich oder vom perfiden Albion gesprochen wurde, fehlt in der Märznummer 1914 jeder nationalistische Unterton.

Wenige Monate vor der Katastrophe des Ersten Weltkrieges warnt die „Gleichheit“ vor der sich abzeichnenden Kriegsgefahr.

Ja, der Frauentag war und ist auch ein Tag im Zeichen des Friedens.

Angesichts der sich zuspitzenden Situation um die Ukraine heute werden wieder Stimmen laut, die meinen: Reden allein sei Ausdruck von Hilflosigkeit.

Wir jedoch halten dagegen. Säbelrasseln, das Setzen auf die Spirale der Eskalation und Gewalt – das ist Ausdruck von Hilflosigkeit. Das führt in die Katastrophe. Deshalb sagen wir nein zu militärischer Logik.

Der Frauentag war und ist ein internationaler Kampftag. Das ist auch in der Gleichheit vor hundert Jahren zu lesen. So berichtete man über den kommenden ersten Frauentag in Paris und über die Schwierigkeiten, diesen im zaristischen Russland vorzubereiten.

Aber: Es gibt auch keinen Grund, die Vergangenheit zu verklären. Der Internationalismus der ersten proletarischen Frauenbewegung hatte blinde Stellen.

Über Menschen aus Asien und Afrika wird zum Teil auch in der „Gleichheit“ in der kolonialen Sprache der Kolonialwissenschaftler geschrieben. Der Anspruch der „Gleichheit“ damit konterkariert.

Wir sollten an der Tradition eines feministischen und sozialistischen Internationalismus anknüpfen. Ohne zu übersehen, dass auch der damalige Feminismus von den umgebenden gesellschaftlichen Strukturen geformt und manchmal auch verformt war.

Wir sollten heute genau hinhören und nicht schon ein genaues Bild davon haben, wie Unterdrückung funktioniert, wie Kämpfe zu führen sind.

Auch heute gibt es viel zu berichten über notwendige Kämpfe weltweit, zum Beispiel wenn es um reproduktive Rechte und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung geht. Drei Beispiele:

  • In Spanien wird gerade ein vollständiges Abtreibungsverbot vorbereitet.
  • In Bolivien ist die Klage von Feministinnen gegen die Strafbarkeit von Abtreibungen gerade gescheitert.
  • In Griechenland und Spanien bricht gerade das Gesundheitssystem zusammen.

Jedoch gibt es auch Erfolge zu feiern. Und diese sollten wir ruhig weitererzählen, da sie Mut machen. Mich jedenfalls ermutigt es, wenn ich folgendes höre:

  • In Frankreich ist es gelungen, das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen über den eigenen Körper zu stärken.
  • In der neuen, nachrevolutionären Verfassung in Tunesien ist der Schutz von Frauenrechten Staatsaufgabe; die Geschlechter sind in Rechten und Pflichten gleichgestellt.
  • In Arizona ist gerade ein Gesetz gekippt worden ist, das die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transpersonen aus religiösen Gründen erlaubt hätte.

Es gibt viele Gelegenheiten, unsere Erfolge zu feiern, zum Beispiel heute hier, morgen auf der Frauen*kampftags-Demonstration zum 8. März und in einer Woche auf der Care-Revolution-Aktions-Konferenz

Bei der Eröffnung der Clara-Zetkin-Preisverleihung im letzten Jahr sagte ich, der Internationale Frauentag ist nicht beim Kaffeekränzchen entstanden, er ist nicht aus Blumenrabatten entsprungen sondern aus Kämpfen. Also lasst uns an dieser politisch-widerständischen Tradition anknüpfen.

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