29.08.2013

An Mascha und Nadja

Vor kurzem hatte ich in Berlin Besuch von zwei Mitgliedern von Pussy Riot, die mich über die Haftbedingungen von Mascha und Nadja informiert haben. Ich hab beiden Frauen einen Brief ins Lager geschickt. Da ihre Post der Zensur unterliegt, habe ich auf politische Stellungnahmen verzichtet und einen eher privat gehaltenen Gruß geschrieben.

Aktuelle Informationen über die Situation der Frauen unter: http://freepussyriot.org/de/news-de.

Für jene, die des Russischen nicht mächtig sind, hier eine deutsche Übersetzung.

Liebe Nadja,

da wir noch niemals miteinander Kontakt hatten, möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Katja Kipping und ich bin 35 Jahre alt. Seit dem Jahr 2005 bin Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Vor über einem Jahr wurde ich zu einer von zwei Vorsitzenden der Partei DIE LINKE gewählt.

Als Mitglied der deutsch-russischen Parlamentariergruppe verfolge ich mit Interesse, was in Russland passiert. Doch mein Interesse an diesem Land und seinen Menschen hat darüber hinaus noch eine persönliche Wurzel. Direkt nach dem Abitur habe ich als Freiwillige ein Jahr in Gatschina in einem Wohnheim gearbeitet. Und dieses Jahr war eines der bisher spannendsten von vielen aufregenden Jahren in meinem Leben. Aus Begeisterung für die russische Literatur entschied ich mich, dann zurück in Deutschland, für ein Studium der russischen Literaturwissenschaft. Leider bin ich inzwischen so sehr in die deutsche Politik involviert, dass ich kaum noch dazu komme, russische Literatur im Original zu lesen.

Die vielen Berichte über den Prozess gegen Dich und Deine Freundinnen hingegen habe ich - und nicht nur ich - mit viel Interesse und Anteilnahme verfolgt. Nun möchte ich, dass dieser Brief Dich auch wirklich erreicht, insofern will ich hier gar nicht die politischen Dimensionen erörtern. Wie heißt es doch so schön: Das Private ist politisch. Besonders berührt haben mich nämlich die Berichte über Deine kleine Tochter. Ich habe selbst eine kleine Tochter. Sie ist jetzt 20 Monate alt. Allein die Vorstellung, von ihr jahrelang getrennt zu sein, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren und führt dazu, dass der Blick auf den Bildschirm meines Computers beim Schreiben verschwimmt.

Schon deshalb ist es mir ein großes Bedürfnis, Dich einfach wissen zu lassen, dass ich voller Solidarität und Anteilnahme an Dich und Deine Freundinnen denke. Und damit bin ich nicht allein. Hier in Deutschland gibt es ganz viele Fans. Es gibt zum Beispiel Modeartikel, die auf ästhetisch-grafische Weise ihre Solidarität mit Dir ausdrücken.

Ich hoffe, Du wirst im Lager gut behandelt und erhältst die Ernährung und die medizinische Behandlung und den Zugang zu Kommunikation, die Dir zustehen. Ich weiß aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, dass es in der gesamten Europäischen Union viele Abgeordnete gibt, die das sehr interessiert und die die russische Regierung auch daran messen, wie mit Dir und Mascha umgegangen wird.

Von Herzen wünsche ich Dir viel Kraft für die noch schwere Zeit, die vor Dir liegt. Mögest Du die Energie und den Optimismus aufbringen, die notwendig sind, damit trotz all dem Beschwerlichen Du die Zuversicht beibehältst.

In solidarischer Verbundenheit

Katja Kipping

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