05.03.2013

Auf Tour

Oschatz-Leipzig-Bautzen-Netzschkau-Fichtelberg - eine Sachsentour

Eine Reise kreuz und quer durch Sachsen sollte es sein, mitten im Winter. Dazu hatte ich mir vier Tage Zeit eingeplant, um mich wieder einmal längere Zeit in meiner Heimat umzutun, zu erfahren, was es spannendes zu entdecken gibt, zwischen Fichtelberg und Landeskrone. Für letztere war leider keine Zeit - dafür habe ich es bis auf Sachsens Scheitel, den Fichtelberg geschafft - aber dazu später.

Kontroversen in der Collm-Klinik

12.Februar. Start für die Tour ist Oschatz, genauer gesagt in der Collm-Klinik. Die ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Landkreises Nordsachsen und des privaten Klinikbetreiber Asklepios. Mit von der Partie sind Susanna Karawanskij, Vorsitzende der LINKEN im Kreisverband Nordwestsachsen, Thomas Kind und Heike Werner, MdL der LINKEN und Genossen aus unserer Kreistagsfraktion. Nach einem Rundgang durch die sehr moderne und angenehm wirkende Klinik gibt es beim gemeinsamen Gespräch mit Geschäftsleitung und Betriebsräten eine Überraschung: Just an diesem Tage, sprich am Nachmittag, sind Tarifgespräche angesetzt. Entsprechend lebhaft ist auch die Diskussion am Tisch und Geschäftsführer Dr. Rottleb wie auch Betriebsratschef Frank Max lassen schon mal aufblitzen, dass es wohl einige Stunden später hart zur Sache gehen wird. Größtes Problem - wenig überraschend - die Finanzausstattung des Hauses. Sowohl Dr. Rottleb als auch Frank Max und der leitende Chefarzt Dr. med. Leff bestätigen, was schon die Krankenhausgesellschaft Sachsen als großes Problem benannt hat: Der massive Rückzug des Freistaates aus der Investitionsfinanzierung in den letzten Jahren hat den wirtschaftlichen Druck auf die Krankenhäuser und damit letztlich zu Lasten von Beschäftigten und Versorgung dramatisch erhöht. Letztlich können und wollen die Krankenhäuser den Ersatz medizinischer Geräte nicht aufgeben und insofern ist der Ausgleich fehlender Investitionsmittel auch aus dem Personalbudget unvermeidlich.

"Auch Du, Prekäre/r, bestimmst den Diskurs!"

Weiter geht es nach Leipzig, wo es am Nachmittag Treffen mit jungen Leuten aus dem Bereich der Kreativwirtschaft gibt. Dabei ist der Begriff "Kreativwirtschaft" ein recht ungenauer. Hierzu zählt der mittelständische Großgalerist ebenso, wie Menschen, die sich in Leipzigs Industriebrachen mit kleinen Kunsthandwerks-, Bildungs- und Kulturprojekten angesiedelt haben und dabei meist von der Hand im Mund leben. "Eine stabile Förderung, mit der man seine Existenz halbwegs planen kann - das wäre toll" meint Ariane von der "Essential Existence Gallery". Die studierte Immobilienwirtschaftlerin, die statt Häuser zu verkaufen verschiedene Kinder- und Erwachsenenbildungsprojekte betreibt, hat in ihrem Leben bislang nur ein einziges Jahr durchgehend Geld bekommen, über ein EU-Projekt - ansonsten lebt sie von einzelnen, kleinen Aufträgen und kurz befristeten Förderprogrammen. "Das geht irgendwann an die Substanz." Es ist in der Tat ein hoher Preis, dieser Spagat zwischen gelebter Kreativität und prekärer Lebenssituation.

"Auch Du, Prekäre/r, bestimmst den Diskurs!" ist dann am Abend der Titel einer Diskussionsrunde in einer leerstehenden Fabrikhalle des Westwerks, eine ehemaligen Armaturenfabrik in Leipzig Plagwitz, in der sich viele alternative Kleinunternehmen angesiedelt haben. Nicht nur die Leere in der Halle wirkt kalt - es ist auch kalt und so sitze ich mit etwa 30 jungen Menschen dick eingemummelt um eilig aufgestellte Heizpilze und höre mir an, was die Leute zu sagen haben. Die Frage, ob es einer Organisationsform der Kreativen bedarf, um ihre Interessen durchzusetzen, ist durchaus umstritten, während man sich in einer Sache weitgehend einig scheint: Das Bedingungslose Grundeinkommen würde den Leuten viel Angst nehmen und die Kreativität eher beflügeln, als hemmen. Das alberne Argument, Künstler müssten arm sein, um Großes zu schaffen, welches mir kürzlich von einem künstlerisch zweitklassigen, aber erstklassig verdienenden Comedian in einer Talkshow angeboten wurde, erregt hier nur Kopfschütteln.

Bautzen - zwischen Frankfurt und Queensland

13. Februar. Bis in die Puppen diskutiert in Leipzig - früh raus und zur Schicht nach Bautzen. Nun ja - als junge Mutti kennt man das, aber mein Mitarbeiter, der die Jahre als junger Vater längst hinter sich hat, ist noch ganz schön vergrummelt, als wir uns durch heftigen Schneefall über die Autobahn in die Lausitz quälen. Wir schaffen es pünktlich vor dem Werktor der Bombardier Transtportation zu stehen, wo ich heute zur Betriebsbesichtigung angemeldet bin. Caren Lay, in deren Wahlkreis der traditionsreiche Schienenfahrzeugbauer liegt, hat weniger Glück - sie muss ihr Auto aus dem Schnee wühlen, kommt aber dennoch nur unwesentlich später. Da sind wir schon im Gespräch mit dem General Manager Volker Eickhoff und dem Betriebsratsvorsitzenden Gerd Kaczmarek.

Wir erhalten einen Überblick über die Historie des Unternehmens und sind dann relativ schnell im Hier und Jetzt. Der Bautzener Betrieb ist ein echter Global Player, aktuell arbeitet man an einem Auftrag für eine Stadtbahn in Gold Coast/Australien. Und dennoch ist die Situation schwieriger geworden, in den letzten Jahren. Die unter enormem Spardruck stehenden Verkehrsunternehmen der Kommunen - in Bautzen werden Stadt- und Straßenbahnen gebaut - schlägt mächtig auf das Geschäft, so dass zwischen den Aufträgen immer wieder Kurzarbeit angewiesen werden muss. Auch Anbieter aus Osteuropa drängen mit Preisen auf den Markt, zu denen Gerd Kaczmarek sagt, dass es eigentlich reine Materialpreise sind - wer die Bahnen montiert, sei ihm schleierhaft. Die Produktionsanlagen selbst sind beeindruckend. Es ist fast beängstigend leise für einen Metallbetrieb und außerdem so sauber, wie in Mutters guter Stube. Zum Abschluss gibt es noch eine Rundfahrt auf dem Testring, wo Caren und ich selbst einen funkelnagelneuen, für Frankfurt/Main bestimmten Stadtbahnzug über die Gleise steuern dürfen. Aufregend!

Nazis? Raus!

Am Nachmittag dann Dresden: Es ist der 13. Februar und da wissen wir natürlich, wo wir zu sein haben. Und auch diesmal gelingt es den Antifaschist_innen, den Neonazis den Aufmarsch gehörig zu vermiesen. Stundenlang stehen sie eingekesselt von Gegendemonstranten und Polizei in der Nähe des Hauptbahnhofes herum und werden schließlich gegen 22.00 Uhr durch ein Spalier von Gegendemonstrant_innen zum Bahnhof eskortiert. Diese Abschiebung verdient ausnahmsweise mal Beifall!

Im Vogtland unterwegs

14. Februar. Endlich wieder ein wenig länger schlafen! Im Vogtland sind wir erst gegen 14.00 Uhr angemeldet. Dann aber die Meldung: Im Reichenbacher Paracelsus-Krankenhaus wird gestreikt – die Mitarbeiter_innen verdienen bis zu 32% weniger als in Zwickau, nahe gelegen und im Besitz des gleichen Eigentümers. Wir drücken auf die Tube und schaffen es noch, vor unserem Termin im Netzschkauer Pflegeheim in Reichenbach zu sein. Seit einer Woche streiken die Kolleg_innen und wir unterhalten uns mit ihnen. Karin Höfer, Kreisrätin der LINKEN ist auch da und wir treffen auf ähnliche Probleme, wie schon in Oschatz. Beim Gang durch die Flure der Klinik fällt uns auf, wie angespannt die Stimmung ist. Später erfahren wir, dass der Konzern eingelenkt hat, nach 9 Tagen Streik wird der Tarif angeglichen. Die Beschäftigten haben Mut bewiesen – und gewonnen.

Schwerer Job und leichte Atmosphäre

Einige Kilometer weiter, in Netzschkau, betreibt die Diakonie ein Pflegeheim. Der Blick von der Terrasse auf die Göltzschtabrücke ist imposant. Herzlich empfängt uns Frau Georgie, Leiterin des Heimes. Mir ist nicht wohl – einerseits, weil ich um die schwere Arbeit der Pfleger_innen weiß, andererseits, weil man in einem Pflegeheim immer daran erinnert wird, dass man selbst nicht ewig jung ist. Frau Georgie und ihre Mitarbeiterinnen lassen aber keinen Schwermut aufkommen. Zwar erläutern sie uns anschaulich, wie schwierig die Arbeit ist- auch was die Finanzierung betrifft – allerdings merkt man ihnen im Kontakt mit den Bewohner_innen an, mit wie viel Herz und Liebe sie ihrer Tätigkeit nachgehen. Ein Team der Freien Presse ist da und möchte wissen, wieso ich als LINKE gerade ein Heim der Diakonie besuche. Soll ich ihnen sagen, dass uns die Volkssolidarität nicht empfangen wollte? Ich sage es nicht, sondern mache deutlich, dass ich im Sozialausschuss des Bundestages und in den außerparlamentarischen Bewegungen schon immer gut mit den konfessionellen Trägern zusammenarbeite. Schließlich geht es hier um Menschen – nicht um Religion oder Politik.

Beeindruckend auch der Besuch im Demenz-Pflegeheim, nur wenige Meter entfernt. Die Einrichtung ist komplett ebenerdig und so angelegt, so dass sich niemand verletzen oder verlaufen kann. Auch viele Kleinigkeiten, wie eine Hausordnung, die auf die Eigenheiten der demenzkranken Bewohner_innen Rücksicht nimmt, versetzen mich in Erstaunen und Respekt vor der Einfühlsamkeit der Menschen, die das Haus konzipiert haben und es betreiben.

Am Abend bin ich noch zu Gast im Neuberinnen-Haus, wo mich etwa 40 Genossinnen und Genossen des Kreiverbandes erwarten. Hier geht es dann wieder um Politik. Das kommende Wahlprogramm erregt das Interesse und natürlich gibt es viele Fragen über das politische Berlin. Nach zwei Stunden bin ich dann endgültig knülle - wir müssen noch zurück nach Dresden und morgen früh geht es zeitig in die Berge.

Auf dem Scheitel Sachsens

15. Februar. Um 07.15 Uhr holen mich Lars und Uwe in Dresden ab. Die Beiden sind guter Stimmung und albern die ganze Zeit im Auto herum. Die Vorfreude auf das gemeinsame Skifahren am Fichtelberg ist ihnen anzumerken. Hinter Chemnitz schaltet Uwe um - und redet fortan in erzgebirgischen Dialekt, den er als Wismut-Kind gelernt hat. Lars kichert die ganze Zeit über seine Kommentare zu Land und Leuten. In Annaberg habe ich gemeinsam mit unserem Kreisvorsitzenden Klaus Tischendorf einem Termin beim Landrat des Erzgebirgskreises. Schließlich sind wir gegen Mittag in Oberwiesenthal - etwa 15 Genoss_innen tummeln sich schon auf den Pisten. Wir holen die Skier ab, die Klaus für uns besorgt hat, verteilen DIE LINKE-Taschen und stellen uns am Lift an. Jetzt kommt sogar die Sonne raus - ganz selten, in diesem Winter. Bis 15.00 Uhr machen wir die Hänge unsicher, dann sind wir restlos fertig und machen uns auf den Heimweg.

Es war eine tolle Woche und ich danke allen, die geholfen haben, sie so toll zu machen. Im September wird es wieder eine Sachsen-Tour geben und ich bin schon jetzt ganz begeistert!

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