09.10.2012

Post aus Belarus

Was einen 18jährigen in den Osten treibt

Es war eine relativ leichte Entscheidung für mich, der Bitte um Unterstützung für Florian nachzukommen. Schließlich habe ich selbst ein Jahr im "Wilden Osten" - allerdings in Rußland - verbracht und dabei sehr viel gelernt, geholfen und Freunde gefunden. Der junge Dresdner ist im Rahmen des Friedensdienstes der Aktion Sühnezeichen für ein Jahr in Weißrussland und arbeitet im Kinderheim "Noviki", einer staatlichen Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Ich unterstütze ihn dabei finanziell und nun hat er einen ersten Bericht geschickt, den ich hier gern veröffentliche:

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Unterstützer,

ich bin nun bereits seit zwei Wochen in Minsk und halte es daher für dringend geboten, euch ein kleines Lebenszeichen aus dieser völlig fremden Welt hier zu übermitteln. Das Europa, das ich kenne, habe ich für das nächste Jahr hinter mir gelassen und die große Unbekannte Belarus hat mich nun endgültig verschluckt. Ich habe hier in den ersten beiden Wochen viel gesehen und erlebt und kann bereits sagen, dass ich mich sehr wohl fühle - trotz oder gerade wegen der Andersartigkeit der Dinge hier. Meine Arbeit hat sehr unterschiedliche Gesichter; die Verhältnisse in den beiden Heimen für Menschen mit Behinderungen sind sehr schockierend und bedrückend, Freude und Leid liegen hier sehr eng beeinander. Die Arbeit im jüdischen Kulturzentrum oder mit Irina Iwanowna, einer herzlichen alten Frau, die ich regelmäßig besuche, bildet dazu einen guten Ausgleich und am Wochenende kann man die vielen Traurigen Bilder mit den anderen Freiwilligen und den ersten weißrussischen Freunden und Bekannten zumindest für kurze Zeit vergessen. In meinem Blog beschreibe ich meine ersten Eindrücke um einiges ausführlicher, vielleicht habt ihr Zeit und Lust, ihn ab und an zu lesen.

Ich habe am vergangenen Wochenende einen kleinen journalistischen Auftrag an Land gezogen und soll für Rasnye Ravnye (eine Hilfsorganisation für Menschen mit Behinderung in Belarus) Ende Oktober einen Vortrag in Grodna halten, über die Situation der Menschen mit Behinderung in Deutschland (vor allem über die diesbezügliche Medienlandschaft), vorerst noch auf Englisch, da mein Russisch noch nicht viel taugt.
Solltet ihr euch auch über meine Arbeit hinaus für die Situation der Menschen mit Behinderung in Belarus interessieren, möchte ich auf den Kanikuli e.V.verweisen - ein Verein, der von ehemaligen Minsk-Freiwilligen gegründet wurde und über den Freiwillgendienst hinaus hilfe leistet. Wir benötigen hier dringend Gelder für Windeln (die Kinder in Nowinki bekommen ohne die Hilfsgüter aus Westeuropa nur eine Windel am Tag) und die Organisation der Ferienaufenthalte. Die zweckgebundenen Spenden über den Kanikuli e.V. sind eine gute Möglichkeit, die Verhältnisse für die Kinder hier zumindest ein bisschen erträglicher zu gestalten.

Zum Abschluss möchte ich allen danken, die mich während der letzten Tage, Wochen und Monate unterstützt haben und für mich da waren, egal in welcher Form. Zu wissen, dass so viele hinter mir stehen, bestärkt mich ungemein in dem, was ich hier tue. Vieles fehlt mir hier und so manche Sehnsüchte plagen mich schon jetzt - vor allem nach meiner Freundin Theresa, meiner Familie, meinen besten Freunden im schönen Dresden - aber mich tröstet die Gewissheit, dass ich nichts von dem, was ich für das Jahr zurückgelassen habe, verlieren werde.

Ich grüße euch herzlich und wünsche euch alles Gute

euer Flori

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