20.03.2009

Vom wundersamen Aufstieg der ARBEIT und deren Hinterfragung

Beitrag in Festschrift zum 50. Geburtstag von Ronald Blaschke

In der Antike galt Arbeit als die niedrigste aller Tätigkeiten. Eine Tätigkeit, die zwar notwendig war, aber die Menschen vom Menschsein abhielt. Stattdessen erfreute sich die kontemplative Lebensweise der Philosophen, also das Erforschen, Schauen und Denken, der höchsten Anerkennung. Noch bei dem Römer Cato heißt es: „Nunquam se plus agere quam nihil cum ageret“ – Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut.[1] Heute hingegen hat eine Ideologie die Oberhand gewonnen, wonach Sinn und Zweck menschlichen Daseins vor allem in der Arbeit besteht.

Wie kam es zu diesem wundersamen Aufstieg der Arbeit von der untersten und verachteten zur scheinbar höchsten Stufe menschlichen Daseins? Denkt man an das berühmte Zitat des Apostels Paulus: „Wer nicht arbeitet, der soll nicht essen“, könnte man meinen, dieser Paradigmenwechsel sei womöglich der christlichen Lehre geschuldet. Doch die Bibel ist ambivalent, wenn es um den Stellenwert von Arbeit geht. Dies zeigt ein Blick in die Bergpredigt: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch: Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ Und weiter: „Und warum sorgt ihr Euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.“[2] Es finden sich also in der Bibel sowohl Zitate für die Glorifizierung von Arbeit als auch für das bedingungslose Anrecht auf Nahrung und Kleidung. Und schließlich, so die Bibel, wurde der Mensch als Abbild Gottes erschaffen. Dieser theologische Grundgedanke führt in letzter Konsequenz dazu, dass das Recht auf Überleben nicht an eine vorher zu erbringende Leistung gebunden ist. Der Schlüssel zur Verherrlichung der Arbeit liegt also nicht in der christlichen Lehre.

Die Glorifizierung von Arbeit ist vielmehr eine Erfindung der Moderne. Darin sind sich zwei große philosophische Köpfe des 20. Jahrhunderts, die in Hannover geborene Publizistin und Gelehrte Hannah Arendt sowie der in Wien geborene Vordenker der postindustriellen Gesellschaft André Gorz, einig: Erst in der Neuzeit, im 17. Jahrhundert, setzte die Verherrlichung der Arbeit ein.[3] Hannah Arendt zufolge begann alles damit, dass der englische Philosoph John Locke die Arbeit zur Quelle bzw. zum Ursprung des Eigentums ernannte. Locke führt dabei aus, dass die Arbeit des Körpers und das Werk der Hände nur Mittel sind, um sich das anzueignen, was Gott den Menschen gegeben hat und zwar für seinen privaten Gebrauch. Arbeit bekommt hier also eine geradezu göttliche Weihe.

Hannah Arendt fasst die Lockesche Argumentation wie folgt zusammen: „Worum es ihm ging, war, eine Tätigkeit zu finden, die von sich selbst 'aneignenden' Charakter hat, die sich der Dinge der Welt bemächtigt und dennoch ganz privat bleiben kann.“ John Locke gründe das Recht des Erwerbs von Privateigentum auf „das Eigentumsrecht an dem eigenen Körper“ – so Arendt – „der in der Tat das Eigenste und Privateste ist, was der Mensch 'besitzen' kann.“[4] John Locke ging es bei der Verherrlichung von Arbeit vor allem um eines: um die Rechtfertigung des Privateigentums. Dieses historische Beispiel zeigt, wie der Stellenwert von Arbeit durch konkrete Interessenslagen gesteuert wird. Es lohnt sich also, einen Blick darauf zu werfen, ob die konkrete Arbeit jeweils überhaupt die mit ihr verbundenen Erwartungen erfüllt. Diese Frage zu stellen, ist ein wichtiger Schritt zur Befreiung der eigenen Urteilskraft von Fremdsteuerung.

Fakt ist: Menschen haben ein Bedürfnis danach zu werken, zu wirken und zu handeln. Dieses Bedürfnis kann in der Erwerbsarbeit seine Erfüllung finden – muss aber nicht. Fakt ist auch: Menschen brauchen ein Einkommen. Dies kann auf dem Wege von Erwerbsarbeitseinkommen erreicht werden – muss es aber nicht. In Zeiten der zunehmenden Unsicherheit und der sinkenden Reallöhne wird es immer schwieriger, sich ein sicheres Einkommen über bezahlte Arbeit zu sichern. Die Wirtschaftseliten und die ihnen ergebene Politik führen diese Schwierigkeit auf einen „Mangel an Arbeit“ zurück. Ich meine jedoch mit André Gorz, diese Argumentation dient der Verdunklung der wirklichen Situation. Denn: „Sichtlich mangelt es nicht an Arbeit, sondern an der Verteilung des Reichtums, für dessen Erwirtschaftung das Kapital immer weniger Arbeit braucht.“[5]

Nun ist mir bewusst, dass Erwerbslosigkeit wider Willen mit großen Problemen verbunden ist. Die Sorgen und Nöte von Menschen, die faktisch zur Erwerbslosigkeit gezwungen werden, sind nicht einfach so kleinzureden. Trotzdem lohnt es, bei der Analyse des Problems einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, warum Arbeit in unserem Leben so unverzichtbar erscheint. Was verbinden wir mit Erwerbsarbeit? Ein Job erscheint vielen als unverzichtbar für ein erfülltes Leben, weil er verbunden ist – beziehungsweise verbunden sein sollte – mit Einkommen, Anerkennung, sozialen Kontakten und Selbstverwirklichung. Der Arbeitsplatz an sich ist also nur das Mittel zum Zweck. Wenn Arbeit an sich kein Selbstzweck ist, dann stellt sich die Frage, ob Arbeit heute überhaupt noch die in sie gesteckten Erwartungen erfüllt.

Zweifelsohne kann Arbeit für viele Menschen Selbstverwirklichung bedeuten – etwa für eine Bundestagsabgeordnete oder eine Journalistin, die in ihren Berichten Dingen auf den Grund gehen kann, die sie selbst interessieren. Oder für einen Arzt, der mit seiner Arbeit Menschen heilen kann. Das Arbeitsverhältnis kann aber genauso zu einer Quelle von Demütigungen und ständiger Verletzung des Selbstwertgefühls werden, zum Beispiel für einen persönlichen Mitarbeiter, der von seinem Chef schikaniert wird oder für eine Redakteurin, die in ihren Artikeln entgegen ihrer eigenen Überzeugung, den Vorgaben der Verlagsleitung Rechnung tragen muss oder für einen Krankenpfleger, dessen Familienleben unter der Schichtarbeit leidet. Schikane bei der Arbeit sei eine seltene Ausnahme? Vielleicht. Aber schlechte Arbeitsbedingungen sind leider keine Randerscheinung. Ganz im Gegenteil: Laut einer Untersuchung des DGB zu guter Arbeit bezeichnet gerade mal eine kleine Minderheit von zwölf Prozent ihre Arbeitsbedingungen als gut.[6] Das ernüchternde Ergebnis lautet: 54 Prozent der Befragten bewerten ihre Arbeitsbedingungen als mittelmäßig und 34 Prozent arbeiten unter schlechten Arbeitsbedingungen. Diese große Unzufriedenheit ist ein Indiz dafür, dass Arbeit nicht automatisch Anerkennung und Selbstverwirklichung bedeutet.

Wäre da noch die mit Arbeit verbundene Bezahlung. Doch Arbeit bedeutet leider schon lange nicht mehr automatisch ein ausreichendes Einkommen. Zunehmend mehr Menschen sind trotz Arbeit auf zusätzliche Sozialleistungen angewiesen. Und rund eine halbe Millionen Menschen in diesem Land arbeiten in Vollzeit und bekommen dabei einen so niedrigen Lohn, dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld II beziehen müssen.[7] Andere sind aufgrund niedriger Löhne gezwungen, neben einer Vollzeitstelle einem Zweitjob nachzugehen, um über die Runden zu kommen. Ganz zu schweigen, von den Heerscharen junger Menschen, die unbezahlte Praktika absolvieren. Die Frage, ob Arbeit die mit ihr verbundenen Hoffnungen erfüllt, kann also nicht mehr einfach bejaht werden.

Angesichts dieser ambivalenten Bilanz und angesichts eines sinkenden Arbeitsvolumens in Folge der zunehmenden technischen Effizienz stellt sich für mich die Frage, inwieweit Anerkennung, Selbstverwirklichung und Einkommen – also die tatsächlichen Ziele hinter der Arbeitsuche – auch auf anderem Wege zu erreichen sind.

Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth verweist zu Recht darauf, dass es einem historisch-kulturellen Wandel unterliegt, woran die Achtung und Anerkennung von Individuen gebunden ist.[8] Wir haben bereits gesehen, dass der hohe Stellenwert von Arbeit keine feste Konstante in der Menschheitsgeschichte darstellt. Und inzwischen sind erste Anzeichen dafür erkennbar, dass sich Menschen von der ausschließlichen Fokussierung auf Erwerbsarbeit befreien.

So mancher, der Anerkennung und Selbstverwirklichung suchte, wurde inzwischen außerhalb der Arbeit fündig. Das zeigt eine Studie am Institut für Psychologie der Universität Leipzig.[9] Darin wird untersucht, inwieweit Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit von Arbeitslosengeld-II-Beziehenden anerkannt werden. Das Ergebnis dürfte viele überraschen: Viele der Befragten verbrachten keineswegs ihre gesamte Zeit vor dem Fernseher. Vielmehr sorgen sie für Kinder und ältere Angehörige und/oder engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, Initiativen, in einer Kirchengemeinde, Partei oder Gewerkschaft. Obwohl sie stigmatisiert sind, gelingt es einigen Hartz-IV-Beziehenden durchaus, eine anerkennende Identität zu entwickeln. Zu den wichtigen Ergebnissen der Studie gehört die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht ausschließlich mehr über den Job vermittelt wird.

Solche Entwicklungen sind Vorboten einer inneren Befreiung von Fremdbestimmung. Sie gilt es zu befördern. Denn Wolfgang Engler schreibt zu Recht: „Wer den gesellschaftlichen Daseinsbeweis des Menschen nur auf dem Umweg über die Arbeit zu führen versteht, unterwirft sich dem Einheitsdenken und hat den Kampf um eine andere Zukunft schon verloren.[10]“ Eben jenen Kampf um die Zukunft und jene notwendige Befreiung von der ausschließlichen Fokusierung auf Erwerbsarbeit zu befördern, dazu dienen auch die Debatten ums Bedingungslose Grundeinkommen.

Autoreninfo

Gemeinsam mit Ronald Blaschke, Michael Opielka, Birgit Zenker, Jens-Eberhardt Jahn und vielen anderen gründete Katja Kipping 2004 das parteiunabhängige Netzwerk Grundeinkommen. Seit 2005 ist sie Mitglied des Bundestages und dort Obfrau der Linken im Ausschuss für Soziales und Arbeit. In der Partei DIE LINKE ist sie stellvertretende Parteivorsitzende und initiierte den Diskussionszusammenhang emanzipatorische Linke. Seit Mai 2008 gehört sie zum HerausgeberInnenkollektiv des Magazins prager frühling.


[1] Zitiert nach Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981. Piper Verlag. S. 415.

[2] Bergpredigt im Matthäusevangelium 6/ 26-29.

[3] Vgl. dazu: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981. Piper Verlag; André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Hg. v. Ulrich Beck. Frankfurt am Main 2000. Suhrkamp Verlag.

[4] Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981. Piper Verlag. S. 130f.

[5] André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Hg. v. Ulrich Beck. Frankfurt am Main 2000. Suhrkamp Verlag. S. 102.

[6] Yasmin Fahimi (IG BCE), Tatjana Fuchs (INIFES), Christian Lauschke (DGB), Peter Kulemann (Büro für Publizistik), Frank Mußmann (Kooperationsstelle Universität Göttingen), Klaus Pickshaus (IG Metall), Hans-Joachim Schulz (ver.di): DGB-Index Gute Arbeit 2007 – Der Report. September 2007.

[7] Ein IAB-Kurzbericht ermittelte bezogen auf 2005 etwa 130.000 langfristige und 370.000 kurzfristige AufstockerInnen. Vgl. dazu: Kerstin Bruckmeier, Tobias Graf, Helmut Rudolph: Aufstocker – bedürftig trotz Arbeit. IAB-Kurzbericht. Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Ausgabe Nr. 22 / 30.11.2007.

[8] Vgl. dazu Axel Honneth: Logik der Emanzipation – Zum philosophischen Erbe des Marxismus. in: Wege ins Reich der Freiheit – André Gorz zum 65. Geburtstag. Hg. v. Hans Leo Krämer und Claus Leggewie. Berlin 1989. Rotbuch Verlag. S. 101.

[9] Sascha Göttling: Wird Arbeit von Hartz-IV-Empfängern anerkannt?. Studie am Institut für Psychologie II der Universität Leipzig. Nr. 2007/181. Mehr dazu: http://db.uni-leipzig.de/aktuell/index.php.

[10] Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit – Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft. Berlin 2005. Aufbau-Verlag. S. 85.

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