27.10.2011 / Katja Kipping und Kolja Möller

für ein neues zeitregime!

Irrwege und Auswege im zeitgenössischen Feminismus

Öffentlich sichtbar sind gegenwärtig Fragen der Geschlechtergerechtigkeit vor allem dadurch, dass erfolgreiche Frauen auf Blockaden stoßen. Sei es auf die Männerbünde in den Vorständen der DAX-Konzerne oder auf Probleme in der Vereinbarung von Karriere und Kindererziehung. Um diese Problemlagen entstehen in den Medien Role-Models, also Vorbilder, die sich seit einigen Jahren im Feuilleton im Begriff der Alpha-Mädchen kristallisieren. Den Männerbünden setzten die Alpha-Mädchen Frauennetzwerke entgegen. Auf die klassische Frauenbewegung jedoch guckt die Erfolgsfrau skeptisch. Zwar wurde viel erreicht, aber mit den klassischen Sujets sowie mit strukturellen Lösungsansätzen will man nichts zu schaffen haben.

Linke Beiß-Reflexe gegen Alphamädchen

Linke Kreise wiederum reagieren häufig mit einem Beiß-Reflex gegen die Alpha- Mädchen oder gegen Autorinnen wie Bascha Mika, deren Buch den provokanten Titel „Die Feigheit der Frauen“ trägt. Ihnen gehe es — so die Kritik — nur um individuellen Erfolg. Dabei gerieten Forderungen nach sozialen Infrastrukturmaßnahmen oder nach Lohngerechtigkeit ins Hintertreffen. Der aufstiegsorientierten Lebenskunst wird das kollektive Handeln solcher Frauen entgegengesetzt, die eben nicht auf dem Chefsessel, sondern an der Kasse bei Schlecker sitzen. Viel wichtiger als die Frage, wer im Chefsessel sitze, sei schließlich die Abschaffung der Chefsessel. Während die einen also darauf setzen, das Problem durch kollektive Infrastrukturmaßnahmen, wie ein flächendeckendes Kita-Netz, in den Griff zu bekommen, konzentrieren sich die anderen auf Lebensführungsmodelle, die Rollenmuster sprengen.

Unproduktive frontstellung

Wir halten diese Frontstellung für unproduktiv. Beide Ansätze, sowohl der sozialdemokratische Feminismus als auch der rein individualistische Erfolgschauvinismus, tendieren dazu, in Spielarten der — wenn auch unbeabsichtigten — Komplizenschaft mit dem Patriarchat zu kippen. Denn die Alpha-Mädchen spielen mit der auf ihren individuellen Erfolg begründeten Absage an strukturelle Lösungen dem Patriarchat in die Hände. Da einige es ja geschafft haben, sind die anderen Frauen offensichtlich selber schuld. Während die Beiß-Reflexe gegen den Griff nach den Chefsesseln wiederum wunderbar die patriarchalen Ressentiments gegen Karriere-Frauen bedienen. Zudem lassen sie unberücksichtigt, dass der Widerstand gegen Aufstiegsblockaden kein individuelles Phänomen ist. Eventuell haben die Alpha-Mädchen ja ein kollektives Bewusstsein, auch wenn es sich nicht in den klassischen Formen der Politik artikuliert? Zentral ist also die Frage der politischen Artikulation. Es muss gelingen, einen gemeinsam geteilten Deutungshorizont zu etablieren, der Aufstiegs- und Vereinbarkeitsblockaden in eine Kritik der patriarchalen Gesellschaft einbettet. Vom italienischen Kommunisten Antonio Gramsci können wir lernen, dass die jeweilige gesellschaftliche Hegemonie nicht ausschließlich von Massenkämpfen herrührt. Vielmehr geht es auch um Lebensformen, um Fragen der Lebensführung und ihrer öffentlichen Repräsentation. Diese Lebensformen sind allerdings von der Kooptation, also ihrer Einbindung in den herrschenden Machtblock nicht gefeit. Kurzum: Ein zeitgemäßer Feminismus geht nicht ohne Modelle der Lebensführung und in diesem Kontext werden Frauen in Chefsesseln eine Rolle spielen müssen. Wenn linke Politik Karrierefra- gen beständig kollektiv beleidigt, gibt sie diese lediglich der neoliberalen Artikulation preis.

Arbeitsteilung und Zeitregime

In der Forderung nach einem neuen gesellschaftlichen Zeitregime, liegt eher das Potential, Fragen der Lebensführung von links her zu politisieren und Maßnahmen der sozialen Infrastruktur so kulturell einzubinden, dass sie auch tatsächlich eine anti-patriarchale Wirkung entfalten. Die letztlich entscheidende Frage stellt sich nun einmal — wie schon bei Marx — entlang der Arbeitsteilung und der Verfügung über die Zeit. Konkret geht es uns um die radikale Verkürzung der Arbeitszeit in Verbindung mit einer Umverteilung der verschiedenen Tätigkeitsformen zwischen den Geschlechtern. Dafür sind freilich politische Reformen erforderlich, aber ebenso eine kulturelle Revolution, die von der Zentralstellung der Erwerbsarbeitszeit abrückt. Solange die 70-Stunden-Arbeitswoche dominiert, sind Vereinbarkeiten unmöglich zu realisieren und werden aufs soziale Umfeld, etwa Lebenspartner_innen, abgewälzt — zumindest, wenn die Eltern pflegebedürftig werden oder die Kindererziehung ansteht. Das ist auch eine Frage der Intensität. Das Abhaken der zuvor von der Partnerin erstellten To-Do-Liste im Haushalt als auch Unterlassungssünden in Entscheidungsgremien, mit der Ausrede, man könne sich nun mal nicht gegen die Männernetzwerke durchset- zen, sind weit von wirklicher gemeinsamer Gestaltung der verschiedenen Produktionssphären entfernt. Gefragt ist vielmehr die Übernahme von wirklicher Verantwortung und wirklichem Gestaltungswillen im jeweiligen Produktionsbereich. Ein neues Zeitregime würde auch eine Emanzipation der Männer denkbar machen. Denn Infrastrukturpolitik alleine wird wenig daran ändern, wer die Windeln wechselt und die Einkäufe erledigt. Davon zeugen die Erfahrungen der DDR. Im neuen Zeitregime hätten hingegen alle etwas zu gewinnen: Karrierefrauen Aufsichtsratsposten, von Burn-Out-Syndromen geplagte männliche Workoholics eine Emanzipationsperspektive vom Steigerungszwang, Kassiererinnen bei Schlecker humanere Arbeitsbedingungen und Freiräume.

(Veröffentlicht in: prager frühling Nr. 11, 10/2011)

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