27.10.2011 / Kolja Möller (Redaktion prager frühling)

für marx21!

Neues aus dem Linkenstadl

Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen kann nach hinten losgehen. Deshalb holt Karl Marx im „Manifest der Kommunistischen Partei“ zum Rundumschlag gegen andere linke Strömungen seiner Zeit aus. Kapitalismuskritik mit dem Ziel „die alten Verhältnisse wiederherzustellen“ findet Marx unerträglich. Deshalb hat die Kommunistische Partei eine doppelte Aufgabe: Sie muss sich in die sozialen Auseinandersetzungen einmischen. Sie hat dort aber nicht die Pflicht, alles nachzuplappern, was andere erzählen, sondern soll für „klares Bewusstsein“ sorgen. Aufklärung lautet also das Programm. Diese Andeutungen wurden später zum wissenschaftlichen Sozialismus verdichtet. Das antikapitalistische Projekt ergibt sich nicht aus moralischer Überlegenheit, Betroffenheit oder den eigenen Vorurteilen. Statt Laberei am Stammtisch über die Ungerechtigkeiten der Welt steht die Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsformation im Zentrum linker Politik. Dass der wissenschaftliche Sozialismus schließlich zum autoritären Wahrheitsprivileg der Partei geführt hat, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Aber beim Blick auf den post-sozialistischen Charakter der Partei DIE LINKE, in der sich alle gegenseitig ihre Vorurteile übereinander ungehemmt mitteilen, drängt sich die Frage auf: Gibt es da nicht was zu retten? Wie steht es eigentlich um einen zeitgemäßen, marxistisch inspirierten Antikapitalismus?

Wenn man sich die jüngste Diskussion um den Nahen Osten ansieht, tritt geradezu exemplarisch die post-sozialistische Problemlage hervor. Da gibt es selbst ernannte Parteilinke, die renitent bestreiten, dass es auf Seiten der Palästina- Solidarität überhaupt inakzeptable Positionen geben würde. Offensichtlich sind für sie latent antisemitische geprägte Kritiken an Israel unauffindbar. Und weil es sie nicht gibt, tun sie auch nichts dagegen. Der Ex-MdB der Linken Norman Paech hat an Deck der Gaza-Flottille im vergangenen Jahr konsequenterweise keine Workshops zu Friedensperspektiven im Nahen Osten angeboten. Im Gegenteil schwärmte er in einem Fernsehmagazin eine Woche später vom lebendigen „Basar“, der immer an Deck stattgefunden haben soll. Dass man dort an den meisten Ständen ein Pfund Verschwörungstheorie mit zwei Pfund religiösem Fundamentalismus kaufen konnte, interessiert die Bauchlinke erkennbar nicht. Sie setzt darauf, mit den Affekten gegen die schlechten Verhältnisse zu verschmelzen. Dass die Parteitage der LINKEN oft musikantenstadl-ähnlichen Klatschveranstaltungen gleichen, passt zu diesem Bild. Affekte werden von einer Kaste an Berufsbauchlinken für die Wiederwahl ausgebeutet. Das Parteivolk wird mit Affektmanagement beschallt und erkennt sich im moralischen Appell an die soziale Gerechtigkeit wieder. Kapitalismuskritik, die ihre Inspiration eher in romantischen Gedichten im Stile Joseph von Eichendorffs findet als im Marxschen Kapital, mischt sich mit den Taktiken zum Machterhalt im Stile Herbert Wehners. Der Etikettenschwindel floriert: Jüngstes Beispiel ist der MarxIsMuss-Kongress der innerparteilichen Strömung „Marx21“ im vergangenen Juni. YouTube-Aufzeichnungen sprechen eine klare Sprache. Gefühlt alle drei Minuten wird bei Nullaussagen laut gejohlt, um dann vom Katheder her zu begründen, wieso es voll radikal ist, trotz aller Bedenken Wahlkampf für den Berliner Senat zu machen. Und am Ende darf die „Theorie“-Riege der Posttrotzkisten erklären, wieso bei Marx nicht der Inhalt, bspw. seine Frühschriften oder seine Kritik der politischen Ökonomie zählen, sondern vor allem die Form: Marx hätte sich — so die Interpretationslinie — stets praktisch in sozialen Bewegungen engagiert. Drum sei ein guter Marxist natürlich vor allem jener, der es ihm nachtut. Also Zettelverteilen statt Bücherlesen, Klatschen statt Nachfragen, Eichendorff1830 und Wehner1973 statt Marx21.

Diese Ausgangslage liegt auch an der Schwäche der innerparteilichen GymnasiastInnen, die stets die Komplexität der kapitalistischen Gesellschaftsformation herbeizitieren. Statt an einem zeitgemäßen antikapitalistischen Projekt zu arbeiten, das theoretisch auf der Höhe der Zeit ist und auch in eine praktische Politik zu übersetzen wäre, beschäftigt man sich lieber mit „strukturellem Antisemitismus“. Es geht darum nachzuweisen, dass jede Kapitalismuskritik, die nicht von starken werttheoretischen oder systemischen Annahmen geprägt ist, zum Antisemitismus neigt. Faszinierend ist der detektivische Fleiß, mit dem sich das antideutsche Lager daran erfreut, solche strukturellen Antisemitismen aufzuspüren und sodann der Öffentlichkeit zuzueignen. Das Handlungsfeld ist unermesslich groß: Schließlich sind die Keimformen antikapitalistischer Kritik zumeist nicht systematisiert. In praktischen Sozialbewegungen mischt sich meist alles Mögliche von reaktionär bis progressiv. Doch statt gerade hier, wie etwa Marx, Handlungsräume für eine aufklärerische Politik zu erblicken, gefällt sich der Gymnasiast lieber in einer Haltung, die man eigentlich von der reichhaltigen Historie der Seefahrertattoos kennt: Alles Fotzen außer Mami. Man begibt sich nicht ins Handgemenge, sondern liest lieber mit seinen GymnasiastenfreundInnen antideutsche Periodika und beschäftigt sich detailliert mit den einzelnen Grenzübergängen im Gaza-Streifen. Wie wäre es eigentlich damit, mystifizierende Kapitalismuskritik durch bessere abzulösen, Einführungsseminare in marxistische Theorie und Praxis anzubieten, Vorschläge zur Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu machen und die Parteitagsbeschallung durch partizipativere Formate zu ersetzen? Die Gymnasiasten verpassen es leider, der Bauchlinken genau dort einen Schlag zu versetzen, wo sie es wirklich verdient: Dass sie weder eine adäquate Systemkritik noch eine systemkritische Parteipraxis parat hält. Marx21 is still to come.

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