24.08.2011

„Ich bin unglaublich froh, dass die Mauer weg ist“

Interview in der Sächsischen Zeitung

Frau Kipping, wieder diskutiert Ihre Partei über den Sinn des Mauerbaus und die Verdienste Fidel Castros. Woher kommt eigentlich dieser Hang zur Selbstdemontage?

Es gibt einen Unterschied zwischen konservativen Parteien, die alles so beibehalten wollen, wie es ist, und einer Partei, die eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft will. Es liegt in der Natur der Sache, dass es in einer Partei wie der Linken, die über Veränderung diskutiert, ein sehr breites Spektrum von Meinungen gibt. Die
Diskussion darüber muss man aushalten. Die aktuellen Diskussionen sind allerdings nicht von innen heraus aus der Partei gekommen, sondern von außen hereingetragen worden.

Inwiefern?

Der Trubel, der um das Glückwunschschreiben der Parteispitze für Fidel Castro gemacht wird, wird nicht von uns gemacht, sondern von den Medien und von den politischen Gegnern.

Der umstrittene Geburtstagsgruß kam aber nicht von außen. Den haben Ihre Parteichefs verfasst…

Als Literaturwissenschaftlerin will ich zu dem Glückwunschschreiben sagen, dass zeitgemäße und schöne Sprache anders klingt als in dem Brief an Fidel Castro.

Sie meinen die „unverbrüchliche Freundschaft mit dem kubanischen Volk“…

Zweitens will ich die Kritiker von der CDU warnen: Sie sitzen selbst im Glashaus. In Angela Merkels Glückwunsch für den Premierminister des kommunistischen Vietnams gibt es auch keine kritischen Bemerkungen zur Lage der Menschenrechte in dem Land. Ein Glückwunschschreiben ist dafür auch der falsche Platz. So sind die diplomatischen Gepflogenheiten. Und bei Angela Merkel regt sich auch niemand darüber auf.

Das liegt vermutlich daran, dass Angela Merkel nicht in dem Verdacht steht, ihr Verhältnis zum Kommunismus sei nicht geklärt. Bei der Linken ist das anders…

Was die Fehler angeht, die die Linke in der Vergangenheit gemacht hat, so ist ganz klar, dass wir dafür nach der Wende die Verantwortung übernommen haben. Da darf es kein Deuteln und keine Zweideutigkeiten geben. Wir sagen, dass die Mauer und das mit ihr verbundene Grenzregime ein Fehler war. Und das wir so was nicht wieder
haben wollen.

Warum ist das denn in Ihrer Partei nicht abschließend zu klären? Die kontroversen Stimmen kommen doch aus Ihrem eigenen Laden.

Wir haben in vielen Beschlüssen und im Entwurf des Parteiprogramms klar formuliert, dass der Bruch mit dem Stalinismus als System von zentraler Bedeutung ist.

Könnte man nicht erwarten, dass diese innerparteiliche Debatte bald 22 Jahre nach dem Fall der Mauer abgeschlossen ist?

Ich kann Ihnen nicht abschließend erklären, warum sich manche mit dieser Aufarbeitung schwertun. Für mich und meinen politischen Freundeskreis war der Bruch mit dem „real existierenden Sozialismus“ von zentraler Bedeutung. Wer demokratischen Sozialismus im 21. Jahrhundert will, für den ist der Bruch mit dem Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts à la SED eine wesentliche Voraussetzung.

Ist die Haltung der Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst da klar genug?

Manöverkritik ist ja eher was fürs persönliche Gespräch. Wir sind eine freiheitsliebende Partei. Das sagen unsere Beschlüsse und die Vorsitzenden stehen dazu.

Wenn Sie sich mit älteren Genossen, Bekannten oder Verwandten über diese Themen unterhalten, haben Sie da Verständnis, dass es bei manchen den Wunsch gibt, auch Fehler der DDR-Zeit im Nachhinein zu
rechtfertigen?

Man muss da zwei Dinge trennen: Das eine ist die Frage nach der eigenen Biografie. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, im Nachhinein ist es leicht Entscheidungen der Vergangenheit zu verurteilen. Aber in der Situation selbst haben wir in gutem Glauben gehandelt. Das andere ist: Als Linke heute müssen wir erklären, wie wir uns
einen demokratischen Sozialismus der Zukunft vorstellen. Da sind wir weniger als Historiker gefragt. Wir müssen ganz klar formulieren, was wir wollen – und auch, was wir nicht wollen. Für mich ist ein Sozialismus beispielsweise nur mit offenen Grenzen denkbar.

Für Sie persönlich, biografisch: Was bedeutet für Sie der Fall der Mauer?

Ich bin unglaublich froh, dass das passiert ist. Ohne den Fall der Mauer hätte ich meinen Mann und viele gute Freunde nicht kennengelernt.

Das Gespräch führte Sven Siebert

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Mittwoch, 24. August 2011

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