15.10.2008

Leben für das BIP?

Über den Roman „Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist

„Ich selbst interessierte mich nicht besonders für Politik. Jedes Mal, wenn die Sache zur Sprache kam, seufzte ich gelangweilt und wechselte den Kanal.“ so Dorrit Wegner, die Protagonistin des Romas „Die Entbehrlichen“. Ddamit war sie nicht allein. Als die Idee auftauchte, nahm sie kaum jemand ernst. Später tauchte das Konzept in den Programmen etablierter Parteien auf. Und als die Volksabstimmung stattfand, war es längst hegemonial, Menschen in „Entbehrliche“ und „Benötigte“ einzuteilen.

Wer Kinder hat, wer gut Geld verdient und zum Wirtschaftswachstum beiträgt, gilt als benötigt. Auf die anderen wartet an ihrem 50. bzw. 60. Geburtstag (Männer trifft es aus irgendeinem Grund erst mit 60) ein schwarzes Auto. Zielort: Die Einheit, ein abgeschirmter Ort. Zwar ist dort alles videoüberwacht, doch wer Zustände á la „1984“ erwartet, der irrt. Es gibt gutes Essen und Wellness. Die Bibliothek ist gut ausgestattet. Künstlerinnen können Ausstellungen eröffnen. Sogar Partys finden statt. Es gibt zwar keinen Alkohol. Aber auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich um eine Art prämortales Paradies.

Doch Entbehrlichen sind nicht zu ihrem Vergnügen in der Einheit. Vielmehr sollen sie an Tests teilnehmen. Darunter psychologische, bei denen das höchste Risiko in tödlicher Langeweile besteht. Es gibt jedoch ebenso Tests für Medikamente, die tödlich verlaufen. Zudem dienen die Entbehrlichen als Organlieferanten. Es fängt an mit verzichtbaren Organen. Nach einigen Jahren kommt es zur Endspende - zur Entnahme von lebenswichtigen Organen. Um den Freunden den Umgang mit diesem Verlust zu erleichtern, gibt es Psychologen. Diese werden nicht müde, den Entbehrlichen vor Augen zu führen, welch wertvoller, benötigter Mensch von der Endspende profitiert: z.B. eine Krankenschwester, die allein vier Kinder großzieht. Opfert man da nicht gern seine Bauchspeicheldrüse und sein Leben dazu? Vor allem dann, wenn man sein Leben so zweifelhaften Tätigkeiten wie Schreiben gewidmet hat und nichts zum Wachstum des Bruttoinlandproduktes beigetragen hat?

Gelegentlich kommen Neue in die Einheit, die Aktuelles berichten von draußen. Da alle darauf bedacht sind, nützlich zu sein, herrscht inzwischen ein Mangel an Entbehrlichen. Deswegen wurde die Definition für Entbehrlichen ausgeweitet. Auch bisher nützliche Berufe, wie Bibliothekar, schützen nicht mehr. Hier klingt eine altbekannte Weisheit an: Ist einmal eine Gruppe als menschenunwürdig eingestuft, kann es jeden treffen.

So nach und nach richtet sich Dorrit in der Einheit ein. Sie findet Freundinnen und schließlich verliebt sie sich und wird – trotz ihres hohen Alters – schwanger. Wäre ihr das nur einige Jahre früher passiert, würde sie als benötigt gelten.

So schrecklich die Tragödien in der Einheit sind, kein Ereignis durchbricht den ruhigen, in einfachen Worten dargebotenen Erzählfluss. Alles Erleben findet durch die Dorrits Augen statt. Andere Personen treten nur durch wörtliche Rede in Erscheinung. Doch dieser Roman ist weniger subjektiv gefärbt als die Erzählperspektive vermuten lässt. Vielmehr zeichnet dieser Roman das Porträt einer Gesellschaft, die zwar formal demokratisch ist, in der aber ein Nützlichkeitsrassismus von erschreckender Konsequenz hegemonial geworden ist.

Als Dorits Psychologe in der Einheit sie nach dem Sinn des Lebens befragt, antwortet sie: „Ich lebe und sterbe dafür, dass das Bruttoinlandsprodukt steigt, und wenn ich das nicht als sinnvoll empfände, wäre das Dasein unerträglich.“ Es sind Sätze wie dieser, die nachvollziehbar machen, wie eine Logik verinnerlicht werden kann, die himmelschreiend unmenschlich ist. Am Ende ertappt man sich selbst dabei, wie man eingelullt wird. Wie war das noch mal mit der Krankenschwester, die vier Kinder großziehen muss und durch ihre Arbeit zum Wirtschaftswachstum beiträgt? Dorrit begehrt noch einmal leise auf. Der Sinn des Lebens – so die Schriftstellerin etwas später – bestände vor allem darin, dass das Leben erträglich sei.

„Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist, erschienen beim Fahrenheit Verlag, führt in die Abgründe einer entmenschlichten Gesellschaft – ohne dass es jemals offensichtlich grausam zugeht. Ein paradoxes Plädoyer für das Leben. Und letztlich auch ein Plädoyer dafür, nicht gelangweilt den Kanal zu wechseln, wenn es um Nachrichten wie diese aus dem Tagesspiegel vom 13. Dezember 2007 geht: „Bewertung nach Nützlichkeit und Effizienz ist nach Ansicht von Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld die Hauptgefahr für den Zusammenhalt. In seiner Untersuchung geht es um alle Formen der Ablehnung gegenüber irgendwie "andersartigen" Bevölkerungsgruppen. Das Ergebnis seiner Langzeitstudie "Deutsche Zustände“ zeige: Die Stimmung in der Gesellschaft ist ebenso wie in den Jahren zuvor von Angst und Unsicherheit geprägt. Angst und Unsicherheit wiederum führten zu negativen Folgen für schwache Bevölkerungsgruppen, die zunehmend Feindseligkeit und Abwertung ausgesetzt seien. Nach Angaben des Wissenschaftlers gibt es deutliche Parallelen zwischen fremdenfeindlichen Einstellungen und der "Wahrnehmung als Prekariat“. Es mache sich zunehmend ein Denken breit, unter dem neben Ausländern auch Arbeitslose zu leiden hätten. So stünden 56 Prozent der Deutschen Langzeitarbeitslosen feindselig gegenüber, halten sie für faul oder anderweitig ökonomisch minderwertig.“

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