28.03.2009

Kritische Wissenschaft hat es schwer

Interview in der UNICUM JUNI

Die Linke fordert in ihrem Programm ein Hochschulzulassungsgesetz. Warum wollen Sie weg von den individuellen Zulassungen?

Wenn sich die einzelnen Universitäten ihre Studierenden aussuchen können, ist natürlich ganz schnell die Gefahr da, dass nach politischem Gutdünken entschieden wird. Man hat den Hochschulen mehr Autonomie gegeben, was an sich erst einmal etwas Gutes ist. In der Praxis bedeutet mehr Autonomie aber vor allem Eines: Dass die Unis im Zuge der Mittelknappheit ihre freigewordene Autonomie vor allen Dingen nutzen, um sie an Dritte und Private, die dort als Sponsoren reinkommen, wieder abzutreten. Da entsteht dann sehr schnell auch die Gefahr, dass sich entsprechende Wirtschaftslobbyisten durchsetzen können.
Wenn Sie jetzt ein Zweitstudium beginnen würden, hätten Sie die Sorge, dass Sie an bestimmten Unis nicht genommen werden würden?
Die Sorgen mache ich mir jetzt weniger um mich. Aber klar, die Gefahr besteht immer. Bei den Auswahlgesprächen, bei denen es nicht um objektive Kriterien geht, ist die Möglichkeit da, wenn man nach politischen Positionen fragt. Solche, die eine kritische Position haben, hätten es da natürlich schwerer. Zumal man schon sagen muss, dass es an den Hochschulen verschiedene Entwicklungen gibt, die kritische Wissenschaft deutlich erschwert haben. Das eine ist die Personalpolitik, die stattfindet. Das andere ist, dass Leute mit einem linken Hintergrund es schwerer haben, berufen zu werden.
Was schwebt Ihnen denn bei der Hochschulzulassung für alle vor? Eine große ZVS?
Wenn wir sagen, wir wollen eine zentrale Vergabe von Hochschulzulassungen, gehen wir nicht von der real existierenden ZVS aus. Wir wollen ja auch, dass deutlich mehr Geld in die Universitäten geht, und damit auch deutlich mehr Plätze angeboten werden. Die Idee dahinter ist, dass jeder in der Stadt, in der er studieren möchte, auch studieren kann.
Sie haben in Dresden studiert. Können Sie verstehen, dass Abiturienten aus dem Westen noch immer Probleme haben, in Jena oder Leipzig zu studieren?
Also für mich selber nicht. Aber das liegt vielleicht daran, dass mein eigener Freundeskreis so Ost-West gemischt ist, dass das Denken in den Kategorien Ost-West gar nicht mehr allgegenwärtig ist. Ich weiß nur, dass man auf einer Analyseebene sagen kann: Im Osten gibt es niedrigere Löhne, die Ost-Renten sind vom Wert immer noch niedriger angesetzt.
Können Sie nachvollziehen, dass Studenten aus Angst vor Rechtsradikalismus nicht in den Osten möchten?
Ja, das ist ein Riesenproblem. Es ist kein reines Ost-Problem, aber es ist schon im Osten in einigen Landstrichen stärker präsent und ich finde es ist eine der zentralen Herausforderungen, der sich die Politik stellen muss. Was mich immer ein bisschen sprachlos macht, ist der Umgang der herrschenden Politik mit diesem Problem. Was ich da immer wieder erlebt habe, gerade im sächsischen Landtag, wo ich die Nazis noch ein Jahr erlebt habe, war, dass die CDU sich immer geweigert hat, über das Thema zu reden. Das lässt mich ein bisschen fassungslos zurück, weil ich denke, das Problem nimmt zu. Wir haben jetzt die ersten Kriminalstatistiken für Berlin, die deutlich machen, dass in den Bezirken, wo die NPD einen hohen Wahlzuspruch hat, die Bereitschaft zu braunen Übergriffen zunimmt. Die fühlen sich ermuntert durch ein gesellschaftliches Klima.
Eine aktuelle Umfrage zeigte zuletzt auch, dass sich Studenten nicht mehr mehrheitlich links, sondern eher konservativer einschätzen …
Im ländlichen Raum gibt es die braunen Kameradschaften, die schon die Schulhöfe dominieren und die Jugendlichen von den Tankstellen abholen. Das studentische Pendant dazu ist natürlich manche Burschenschaft. Und dass die an Zuspruch gewinnen, war ja schon zu meiner Studienzeit zu beobachten. Das finde ich schon beängstigend.
Jetzt haben Sie ja die NPD im sächsischen Landtag ein Jahr erlebt. Wie geht man mit ihnen am besten um, diskutieren und sich auf die verbalen Scharmützel einlassen oder sie ignorieren?
Ich denke, dass es im Landtag am Anfang eine Unsicherheit über den Umgang gegeben hat. Aber am Ende gab es doch ein ganz gutes Regelwerk, das sagte: Man räumt ihnen nicht zuviel Platz ein. Es ist aber klar, es redet immer einer dagegen, damit deren Argumente nicht unwidersprochen bleiben. Aber man misst ihnen auch nicht mehr Bedeutung bei, als sie haben. Was ich viel wichtiger finde ist die Frage, wie man an den Schulen damit umgeht, damit es dort nicht so viel Zuspruch gibt. Hier braucht es eine regelmäßige Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer, auch und gerade an Berufsschulen.
Weil die Lehrer überfordert sind damit?
Ich will das jetzt gar nicht als Kritik sehen. Als die ihre Ausbildung gemacht haben, gab es das Problem so noch nicht. Man muss sich einfach mal vorstellen: Irgendwelche Kids hören in der Schule Nazimucke, und für das Ohr eines 50jährigen Lehrers hört sich alle Jugend-Musik gleichermaßen schlimm an. Die Lehrer erkennen das nicht, aber da finde ich muss es schon eine gezielte Weiterbildung geben, was Nazisymbole sind und was jeweils dahinter steht. Das geht hin zu klassischen Nazi-Argumentationsmustern. Es gibt da so ein paar Standardzahlen, die man draufhaben muss. Zum Beispiel die Behauptung, die Ausländer würden uns Geld kosten oder nähmen den Deutschen die Arbeit weg. Da kann man dagegen halten: Die vielen migrantischen Betriebe, die es gibt, schaffen erst einmal zwei Millionen Arbeitsplätze. Das sind ein paar Zahlen, die man immer wieder aktualisieren und auch an Schüler weitergeben muss, um sie auch argumentativ zu wappnen. Und ich denke das wird überhaupt nicht in dem Maße gemacht, wie es notwendig wäre.
Sie haben schon in jungen Jahren ein Landtags- bzw. Bundestagsmandat gehabt. So eine Karriere wie Ihre ruft sicher auch viele Neider auf den Plan?
Ja, das habe ich schon gemerkt. Wenn man sich um ein Mandat bewirbt, war es gerade in der Anfangszeit so, dass diejenigen, die einen immer vorher als toll und nett gesehen haben, einen dann als Konkurrentin gesehen haben. Ich habe gemerkt, dass es schon immer so eine latente Erwartungshaltung gibt, dass junge Frauen eher so eine gewisse Bescheidenheit haben müssen. Und wenn man mit seinem Lebensentwurf dagegen verstößt, ist das erst einmal etwas Irritierendes, was auch Ärger hervorruft.
Mir ist aufgefallen, dass Sie scheinbar sehr „geerdet“ sind. Ist das schwierig, den Kontakt mit dem Alltag der Menschen als Abgeordnete zu erhalten?
Man muss es institutionalisieren. Ich glaube, dass man sich das so organisieren muss, um überzeugend und gut Politik machen zu können, weil du ja irgendwoher die Fälle haben musst, über die man redet und auf die man sich bezieht. Deswegen habe ich mich dafür eingesetzt, dass es in der Fraktion eine Kontaktstelle für die Zusammenarbeit mit außerparlamentarischen Bewegungen gibt und mein Wahlkreisbüro in der Dresdner Neustadt ist ein offenes Büro in der WIR AG, das auch Erwerbsloseninitiativen und andere politische Initiativen für ihre Arbeit nutzen können. Wenn man in der CDU sitzt, hat man es in einer gewissen Art und Weise einfach, weil man sich darauf verlassen kann, dass egal welche Rede man hält, der angebrachte Antrag auch angenommen wird. Ich weiß, meine Anträge werden definitiv niemals angenommen, weil sie von der Linken kommen. Aber ich muss dann wenigstens die Redezeit nutzen, um für das Anliegen, was ich habe, zu werben. Und dazu braucht man viel Stoff aus der Praxis.
Trägt da auch das WG-Leben zu bei?
Ja, die WG ist natürlich ein Teil davon. Ich habe zwei Wohnungen, eine in Berlin in Wedding und eine WG in Dresden. Meine WG-MitbewohnerInnen sind Freunde, die ich schon länger kenne.
Dort muss also nicht mehr große politische Überzeugungsarbeit geleistet werden?
Nein, da muss ich keinen Wahlkampf machen, sondern die helfen mir eher. (lacht).
Einen hohen Widererkennungswert haben Sie durch die Haarfarbe. Ist das Rot ein bewusstes politisches Statement?
Nein, das hat alles noch während der Abizeit auf der Geburtstagsparty einer Freundin angefangen. Niemand wusste, was wir ihr schenken sollten. Und ich habe als Gag gesagt: Schenkt ihr doch alle rote Haartönungen. Vielleicht hatten wir an diesem Abend alle schon zuviel Rotwein, aber auf jeden Fall haben wir alle angefangen, uns die Haare rot zu tönen. Und das hat mir gefallen. Es ist also eher ein ästhetisches Statement.

Ausdrucken | Seitenanfang

Wer flchtet schon freiwillig?
Prager Frühling - Magazin fr Freiheit und Sozialismus