09.09.2010

Thilo Sarrazin ist kein Volkstribun...

...sondern ein Nützlichkeitsrassist

Vielmehr bin ich der Meinung, dass Herr Sarrazin nichts weiter ist als ein politischer Scharlatan, der auf gefährliche Art und Weise mit jenen Ängsten der Menschen spielt, die ein jahrzehntelanges Versagen der Politik auf ganz unterschiedliche Weise produziert hat. Über Sarrazins dümmliche Küchentisch-Genetik verliere ich dabei nicht viele Worte – hier haben sich die von ihm mißinterpretierten WissenschaftlerInnen, wie z.B. die Psychologin Elsbeth Stern, inzwischen selbst zu Wort gemeldet.

Was mich als Sozialpolitikerin jedoch wirklich aufbringt, ist jener Nützlichkeitsrassismus, der seinen Ursprung ja nicht in Sarrazins kruder Gedankenwelt, sondern im neoliberalen Wertebild an sich hat und welches der Ökonom Sarrazin nun mit allerlei sozialdarwinistischem Gefasel vermengt unter die Leute bringt, um damit zu versuchen, das Prekariat gegen sich selbst aufzuhetzen. Mit anderen Worten: „Suche die Schuld für Dein Elend nicht bei den Schuldigen, sondern bei denen, die Dein Elend teilen und deshalb aus dem selben Topf wie Du beköstigt werden!“ Das Abstellen der Schuldzuweisung auf das Prekariat mit Migrationshintergrund und anderer Religion dient dabei lediglich der Eigendefinition, ist nichts, als eine besonders perverse Freund-Feind-Kennung.

Dieses Land braucht eine Menge – das muffige Welt- und Wertebild Sarrazins gehört eindeutig nicht dazu. Armut und soziale Ausgrenzung sind es, die soziale Verwahrlosung verursachen, nicht irgendeine Religion, irgendeine geographische Herkunft oder gar „genetische Besonderheiten“. Mangelhafte Bildung und daraus resultierend mangelnde Chancen auf ein gutes Leben schaffen Schicksalsgemeinschaften, die den verbleibenden Rest Selbstbewusstsein als verbale oder physische Kraftmeierei kultivieren.
Wir streiten als LINKE für soziale Teilhabe aller und nicht für eine Vertiefung der sozialen Spaltung. Wir streiten als LINKE für eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten und nicht für einen Streit um Brosamen. Wir streiten als LINKE für Toleranz und kulturelle Vielfalt des Lebens und nicht für ethnische, kulturelle oder religiöse Ausgrenzung.

Als pseudowissenschaftliches Gewäsch getarnter Rassismus gehört meines Erachtens nicht zu den schützenswerten Gütern in einer demokratischen Gesellschaft, sondern verdient vielmehr heftigen Widerspruch seitens der LINKEN. Ich empfehle dazu den sehr guten Artikel von Wolfgang Lieb auf den NachDenkSeiten, der sich sehr genau mit Sarrazins Demagogie auseinandersetzt.

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