15.04.2010

Was verstehen wir unter Leistung?

Kommentar in der TAZ zum Thema Geld vom Staat ohne Bedingungen?

Ich halte es hier mit dem Humanisten Erich Fromm: „Dieses Recht auf Leben, Nahrung und Unterkunft, Bildung usw. ist ein dem Menschen angeborenes Recht, das unter keinen Umständen eingeschränkt werden darf, nicht einmal im Hinblick darauf, ob der Betreffende für die Gesellschaft 'von Nutzen ist'.“1 Daraus folgt für mich, mich für ein emanzipatorisches Bedingungsloses Grundeinkommen einzusetzen.

Häufig wird dagegen eingewandt: Aber Leistung muss sich doch lohnen! Doch was verstehen wir unter Leistung? Landläufig wird Erwerbsarbeit mit Leistung gleichgesetzt, denn nur die Nichterfüllung dieser Arbeitsform wird vom Staat sanktioniert.

Hinter diese Gleichsetzung gehört ein doppeltes Fragezeichen. Zum einen weil es auch Formen von Erwerbsarbeit gibt, die zwar Profit bringen und das BIP steigen lassen, die aber der Menschheit eher schaden. Oder will ernsthaft jemand behaupten, die Produktion von Atombomben sei eine Leistung an der Gesellschaft? Zum anderen, weil es neben Erwerbsarbeit andere gleichberechtigte Arbeitsbereiche gibt, wie Haus- und Familienarbeit, politisches Engagement und Arbeit an sich selber, vorstellbar als Muße. Und deren Umfang ist größer als vermutet wird. Eine Umfrage des statistischen Bundesamtes zeigt: In diesem Land werden fast doppelt so viele Stunden in unbezahlter Arbeit geleistet wie in bezahlter Arbeit. Unsere Gesellschaft beruht also bereits heute zu einem Großteil in ihrem inneren Zusammenhalt auf Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit.

Wer nun meint, man könne ja die Erfüllung dieser Tätigkeiten als Bedingung anlegen, der muss sich der Frage stellen, welche Instanz das Recht haben soll zu entscheiden, welche Tätigkeit eine Leistung ist? In einer demokratischen Gesellschaft kann es darauf nicht die EINE, abschließende , sondern nur eine plurale Antwort geben. Jeder muss für sich selbst entscheiden können, mit welchem Beitrag man sich einbringen möchte. Dies setzt voraus, dass jeder Mensch frei von Existenzangst sein kann, ganz unabhängig davon, wie er diese Frage für sich beantwortet.


[1] Erich Fromm: Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle. in: Gesamtausgabe in zwölf Bänden. München 1999. Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag. Band V. S. 310.

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