05.03.2010

Mitreißender Zauber

Frigga Haug in "Das Argument" über "Ausverkauf der Politik" von Katja Kipping

Gramsci sagt: "Alltagsverstand ist die in einer historischen Epoche in der Volksmasse verbreitete Weltauffassung. Man will den Alltagsverstand verändern, einen "neuen Alltagsverstand" schaffen eben deshalb, weil der Anspruch gestellt wird, die "Einfachen" zu berücksichtigen." (H. 8, § 213) Man kann dies als Motto dem Buch von Katja Kipping voranstellen. Es sind 64 in der Form von kurzen Reden gehaltene Ausführungen zu Problematiken, denen sich eine Bundestagsabgeordnete stellen muss.

Keiner der Texte ist ein theoretisch ausgearbeiteter eigenständiger Aufsatz und doch geht vom Gesamt ein mitreißender Zauber aus, den man am besten mit dem alten Wort Aufklärung bezeichnet. Die einzelnen Reden sind auf der Basis von viel Hintergrundmaterial geschrieben, so erfährt man auch Neues über die Politik. Immer gibt es kleine Geschichten aus dem Alltag, die anschaulich die Thesen belegen. Häufig ist die Sprache voller Witz wie etwa >die Soapisierung der Berichterstattung< (244), >Schule als Demokratiebremse< (245), >der Investor, das scheue Reh< (64) oder >vom Winde verwehte Subventionen< (66). So liest man es gern.

Im Einzelnen geht es immer wieder um das Politische, um Öffentlichkeit, um Demokratie und ihre Bedrohung. Es ist ein Plädoyer für die Rettung des Politischen zugunsten der Menschen, die z.B. als Hartz IV-Empfänger nicht einmal genug Geld haben, die Fahrkarten zu einer politischen Versammlung zu bezahlen, geschweige denn ihren Kindern das kulturelle Milieu zu bieten, das sie brauchen, um gute Staatsbürger zu werden. So wird diese Sozial- und Arbeitspolitik zur Bedrohung der Demokratie. Es sieht so aus, als folge die Autorin direkt Rosa Luxemburg in ihrer Aufforderung an die linken Abgeordneten, die bürgerliche Demokratie vor ihrer Zerstörung durch die Bourgeoisie zu schützen. Die Argumente sind einfach, jeder kann sie verstehen und nachvollziehen. So empfiehlt sich das Buch allen, die auf der Grundlage ihres gesunden Menschenverstands die Welt des Politischen begreifen wollen.

Bleibt als kritische Frage, ob die Wiederholung tatsächlich eine gute Methode der Aufklärung ist. Katja Kipping bedient sie, indem sie keine Schlussfolgerung den Lesern überlässt, sondern sie nicht nur jedes Mal selbst zieht, sondern stets wiederholt und am Ende noch einmal zusammenfasst. Vielleicht wäre es klüger, wenn man kluge Menschen heranbilden will, ihnen einiges an Denkarbeit selbst zu überlassen. Das schult sie.

Frigga Haug (Los Quemados)

Kipping, Katja, Ausverkauf der Politik. Für einen demokratischen Aufbruch, Econ Verlag, Berlin 2009 (363 S., geb., 19,90 Euro)

Quelle: "Das Argument"

Ausdrucken | Seitenanfang

Wer flchtet schon freiwillig?
Blockupy