22.02.2010

„Lafontaine kann nicht einfach im Stillen ersetzt werden“

Interview in der Leipziger Volkszeitung

Berlin.

Bei der Linkspartei ist ein Führungswechsel im Gang. Die neuen Spitzen-Kandidaten – Gesine Lötzsch und Klaus Ernst – könnten zum Bundesparteitag im Mai vielleicht sogar mit einem Basis-Votum getestet werden, hofft Katja Kipping, stellvertretende Parteivorsitzende.

Frage: Die Linke debattiert öffentlich, mit wem und wie die Erbschaft von Oskar Lafontaine bewältigt werden kann. Ist das ein Demokratieversuch?

Katja Kipping:

Eine Führungsperson wie Oskar Lafontaine, die öffentlich derart bekannt und auch kontrovers wahrgenommen worden ist, kann doch nicht einfach so im Stillen ersetzt werden. Jetzt ist eine neue Führungskultur an der Reihe. Darüber wird debattiert – alles ganz normal. Ich bin froh darüber, dass sich nun der Wunsch nach einer kollektiven Führung breitmacht.

Nach Lafontaine bleibt nur noch das Kollektiv?

Wer immer sich allein aufgemacht hätte, nach Lafontaine die Führung zu übernehmen, für den wäre die Gefahr des Scheiterns groß gewesen, auch wegen des ständigen Vergleichs mit dem Vorgänger.

Ist die Zustandsbeschreibung der Linken als einer gespaltenen Ost-West-Partei böswillig, oder einfach nur wirklichkeitsgerecht?

Wir haben bei uns weniger Diskussionen zwischen Ost und West als zwischen konservativen und modernen Linken.

Das bedeutet praktisch was?

Konservatives Linkssein meint, soziale Gerechtigkeit immer nur in Verbindung mit Erwerbsarbeit zu sehen. Moderne Linke sehen die soziale Teilhabe als ein Grundrecht. Konservative Linke gehen, in Ost wie West, vom traditionellen Familienbild des Vaters als Haupternährer aus. Moderne Linke wissen, wer nicht auch Feminist ist, ist nicht wirklich links.

Ist der Vorschlag, noch vor dem Rostocker Wahlparteitag der Linken per Urabstimmung oder Mitgliederbefragung die nächste Führungsstruktur ihrer Partei von der Basis entscheiden zu lassen, sinnvoll und praktikabel?

Mitgliederentscheide und Urabstimmungen tun unserer Partei als Mittel der direkten Demokratie gut. Wir müssen aber aufpassen, dass das nicht nur formale Fragen betrifft. Wir brauchen keine Placebo Abstimmungen zu eher formalen Fragen. Statt über Satzungsfragen abzustimmen, wäre eine Urabstimmung über den neuen Programmentwurf und über die Frage der neuen Doppelspitze nach Lafontaine passender.

Sollte über die neue Führung noch vor dem Rostocker Parteitag von der Basis entschieden werden?

Der Parteivorstand muss erst einmal prüfen, ob das von den Fristen her noch machbar ist.

Interview: Dieter Wonka

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