02.02.2010 / Von Florian Gathmann

Linke Denkfabrik - Ypsilanti meldet sich zurück

Artikel in Spiegel-Online zur Gründung eines Institutes

Berlin - Sie ist sogar zu Scherzen aufgelegt an diesem Morgen. Ob ihre neue Denkfabrik auch jemandem von der FDP offenstehen würde, will ein Journalist von Andrea Ypsilanti wissen. Da lacht sie erst mal, es klingt sehr gelöst. Dann sagt Ypsilanti: "Das ist doch eine ziemlich theoretische Frage."

Die 52-jährige Sozialdemokratin war lange Zeit abgetaucht. "Ich hatte mich ganz bewusst fast ein Jahr lang aus der medialen Öffentlichkeit zurückgezogen", sagte sie unlängst der "Bunten". Eine Reaktion auf das Debakel im November 2008 in Hessen, als im letzten Moment die Bildung einer rot-grünen Regierung - toleriert von der Linken - platzte.

"Extrem viel Sport gemacht" habe sie in diesem Jahr, sagte Ypsilanti. Sich viel um ihren Sohn und ihre Familie gekümmert. Ihren Platz im SPD-Präsidium hat sie im Herbst freigemacht. Die Sozialdemokratin saß in der dritten Reihe im Landtag, zeigte sich auf Adventsfeiern in ihrem Wahlkreis. Hinterbänkleralltag eben. Ypsilanti: "Ich kann nicht verhehlen, dass meine politische Leidenschaft mit meiner derzeitigen Tätigkeit nicht befriedigt ist."

Damit ist es spätestens seit diesem Montag vorbei. Mehrere Fernsehteams sind in das Nebenzimmer eines Berliner Lokals hinter der Humboldt-Universität gekommen, in dem Ypsilanti an einem langen Holztisch sitzt. Mit den Co-Gründern Katja Kipping von der Linken und dem grünen Europaabgeordneten Sven Giegold soll sie etwas über das neue "Institut Solidarische Moderne" (ISM) erzählen. Am Vortag erst ist diese linke Denkfabrik aus der Taufe gehoben worden, gegen die "Hegemonie des Neoliberalismus in Politik und Wirtschaft" soll es gehen. "Na endlich", hätten ihr viele Leute gesagt, erzählt Ypsilanti.

Ypsilanti kümmert sich um die große linke Idee

"Die Linke ist eine rückwärtsgewandte Partei, mit der wir in Hessen nicht zusammenarbeiten werden - weder in einer Koalition noch in einer Tolerierung." Das sagte sie noch im Januar 2008, wenige Wochen vor der Landtagswahl. Deshalb warf man ihr später Wortbruch vor. Zwei Jahre später hat sich Ypsilantis Blick offenbar grundsätzlich gewandelt. Soll sich doch Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel in Wiesbaden mit Roland Koch herumärgern und Sigmar Gabriel an der sozialdemokratischen Renaissance verzweifeln - sie kümmert sich jetzt um die ganz große linke Idee.

Ypsilanti hatte die Idee für das Institut, ist zu erfahren. Katja Kipping, Vizechefin der Linken, sagt über sie: "Ihr Rückgrat in inhaltlichen Fragen kann exemplarisch für unser Institut sein." Die Mitgründer wissen, dass die hessische Sozialdemokratin ihnen Aufmerksamkeit verschaffen kann. Der Grüne Giegold drückt es so aus: "Wenn man Ressourcen bekommen und es in die öffentliche A-Klasse bringen will, braucht man solche Personen." All die Kameras und Mikrofone, schon am Montagmorgen 150 Mitglieder - "das wäre ohne sie nicht möglich".

Allerdings klingt manches an dem neuen Think-Tank schon sehr nach Ypsilanti. "Soziale Moderne" lautete das Motto ihres Landtagswahlkampfs 2008. Da ist es zur "Solidarischen Moderne" nicht mehr weit. Kein Wunder, dass auch Hermann Scheer unter den Gründungsmitgliedern ist. Der SPD-Bundestagsabgeordnete war Ypsilantis designierter Superminister für Wirtschaft und Umwelt und gilt als Kopf hinter ihrem damaligen politischen Programm.

Und was sagt die SPD dazu, wenn die Denkfabrik künftig eine "Ergänzung" (Ypsilanti) zur derzeitigen Neuorientierung der Sozialdemokraten bietet? Generalsekretärin Andrea Nahles ließ sich am Montag nur diesen kurzen Satz zu Ypsilantis Projekt entlocken: "Denken ist nie verkehrt." Auch Parteichef Gabriel sehe die Grundsteinlegung der Denkfabrik sehr entspannt, ist zu hören.

Bisher kein weiterer Promi vom linken SPD-Flügel

Auffällig allerdings, dass bisher kein anderer Promi vom linken SPD-Flügel beim ISM ist. Immerhin gehört Juso-Chefin Franziska Drohsel zu den Gründungsmitgliedern. "Ich bin nicht eingeladen worden", sagt Björn Böhning, Sprecher der SPD-Linken. Er finde die Idee aber "völlig richtig". Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst-Dieter Rossmann begrüßt die Institutsgründung. "Wir brauchen diese offene gesellschaftspolitische und ökonomische Debatte", sagt der Sprecher der parlamentarischen Linken. "Und zwar eine, die ausdrücklich nicht Koalitionsvorbereitungen zum zentralen Inhalt hat."

Das ISM will raus aus dem "Hamsterrad des politischen Alltagsgeschäfts", wie es die Linke-Frau Kipping formuliert. "Wir haben uns nicht zusammengetan, um eine Art Koalitionsvertrag zu schließen."

Dass Ypsilanti beim Kampf für die linke Idee keinerlei Berührungsängste kennt, zeigt ihr nächster öffentlicher Termin: Am Mittwoch trift sie in Halle in Sachsen-Anhalt mit Sahra Wagenknecht vom Fundi-Flügel der Linkspartei zusammen. Thema: "Frauen ganz links".

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