18.01.2009

Plädoyer für einen erneuerten Feminismus

Ein erneuerter Feminismus, der für Frauen aller Schichten und Generationen attraktiv ist, muss nicht bei null anfangen. Er sollte vielmehr auf die Erfahrungen der bisherigen feministischen Kämpfe zurückgreifen –vor allem auf die Erkenntnis, dass Geschlechterverhältnisse Produktionsverhältnisse sind. Nicht zu vergessen die Kultur des Widerständigen, dem Organisieren von Politik von unten. Zugleich aber sollte er sich für neue Entwicklungen öffnen. Interessanter als der F-Klasse-Feminismus der Alpha-Mädchen für die Neubegründung des Feminismus sind Ansätze, die aktuell im (alltags-)kulturellen Bereich auftreten.

»Feuchtgebiete« von Charlotte Roche, ein Roman, der in punkto Körperflüssigkeiten bis ins letzte Detail geht, ein Roman voller Schilderungen über Rasierwunden im Intimbereich, über selbstgebastelte Tampons und Stuhlgang nach Operationen, wird zum Verkaufsschlager. Währenddessen tourt die Rapperin Lady Bitch Ray, die mit ihren sexuell freizügigen Texten, die sie als Vagina-Style bezeichnet, nicht nur Konservative schockiert, durch die Talkshows. Sie schafft, dass sogar der sich sonst so abgebrüht gebende Entertainer Harald Schmidt kurz sprachlos wirkt. Als der Film »Sex and the City« anläuft, ziehen junge Frauen scharenweise ins Kino. Man muss keine intime Kennerin der Kultserie sein, um zu wissen, dass es darin vor allem um Sex und Mode geht.

Lady Ray in den Talkshows, Charlotte Roche auf den Bestsellerlisten und volle Kinosäle bei »Sex and the City«. Einst kämpften Frauen dagegen, durch Pornographie zum Sexobjekt degradiert zu werden. Man denke nur an die PorNo-Kampagne, vor rund dreißig Jahren. Haben sich die Frauen von heute etwa vom Feminismus abgewandt? Haben sie sich mit der Rolle als Sex-Objekt abgefunden? Eine solche Analyse wäre zu oberflächlich. Gründlicher betrachtet, stellt sich die Lage anders dar. Auch heute noch haben Frauen gegen die Degradierung zum Objekt zu kämpfen. Auch heute verhindern patriarchale Rollenbilder und Herrschaftsstrukturen die Selbstverwirklichung.

Doch mit den Rollenbildern ist es nicht so einfach: Die Rollen, die einer Frau nach patriarchalem Verständnis zur Verfügung stehen, sind limitiert: Nonne, Mutter oder Hure. Alle drei stellen Frauen vor allem in Beziehung zum Mann dar: die Nonne als Braut Jesu, die Mutter als Ehefrau eines Mannes, die Hure als »Braut« vieler Männer. Schon Simone de Beauvoir schreibt in ihrem Schlüsselwerk „Das andere Geschlecht“: »Die Frau wird ausschließlich in ihrer Beziehung zum Mann definiert.« Die Herausforderung der Emanzipation besteht darin, diese männerfixierten Rollen abzulegen und als selbstbestimmte Akteurinnen in Erscheinung zu treten. Die PorNo-Kampagne hat damals geholfen, gegen eine bestimmte Rolle zu rebellieren. Das war ein Verdienst.

Doch wer meint, der feministische Königsweg bestünde darin, jede Bedienung eines männlichen Schönheitsideals zu vermeiden, der irrt. Letztlich wählt frau damit nur eine andere Rolle: die der Nonne. Und diese Rolle ist genauso patriarchal vorgezeichnet. So freimütig die Protagonistin des Romans »Feuchtgebiete« von ihren Sexabenteuern berichtet, so sehr Lady Ray mit Sexsymbolen spielt, so wenig lassen sich diese Frauen auf eine Rolle reduzieren. Lady Ray ist nicht nur Rapperin, sondern schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Ihr »Vagina-Style« ist nicht einfach nur Sex-Slang, sondern vor allem eine weibliche Replik auf den männlichen Porno-Rap, wie er bei Sido und anderen Stars der Rap-Szene gang und gäbe ist. Charlotte Roche widersetzt sich dem Enthaarungswahn und besteht darauf, ihre Achselhaare nicht zu entfernen. Welche Frau kann das von sich sagen?

Simone de Beauvoir beschreibt in »Das andere Geschlecht« einen fundamentalen Bestandteil des patriarchalen Mythos Frau: »Seit dem Mittelalter wurde die Tatsache, einen Körper zu haben, bei der Frau als Schande betrachtet.« Daraus resultieren bis heute Komplexe im Umgang mit dem eigenen Körper. Charlotte Roche bricht in »Feuchtgebiete« mit diesem Mythos – und das gründlich. Sie beschreibt den weiblichen Körper und die Körperflüssigkeiten in allen schillernden Details. Selbst die Faszination, die von »Sex and the City« ausgeht, beruht mehr auf der verlässlichen Freundschaft zwischen vier Frauen als auf all den Männergeschichten, die letztlich nur kommen und gehen. Womöglich sind Charlotte Roche und Lady Ray Vorbotinnen einer neuen feministischen (Pop-)Kultur. Diese ist nicht vordergründig feministisch und nicht leicht zu fassen. Einerseits bedient sie so manches Klischee – aber immer mit einem spielerischen Gestus, nah an der Grenze zur Karikatur. Andererseits arbeitet sie mit schockierenden Effekten und führt somit zu Irritationen.

Noch fehlt dieser sich nur vage abzeichnenden neuen feministischen (Pop-)Kultur jegliche programmatische Unterfütterung. Verlockend allerdings die Vorstellung, es könnte gelingen, diese kulturelle Vielschichtigkeit und Ambivalenz mit einem Feminismus in Verbindung zu setzen, der programmatisch auf grundlegende Veränderungen der Verhältnisse in Politik und Wirtschaft zielt. Das wäre ein Feminismus, der kulturell wie inhaltlich anspricht. Denn es geht darum, das große Ganze umzuwälzen und nicht nur eine Nische zu schaffen. Letztlich geht es um einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen den Geschlechtern.

Ein solcher müsste mit der bisherigen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen aufräumen – und zwar gründlich. Wertvolle Impulse für einen solchen Gesellschaftsvertrag liefert die Vier-in-einem-Perspektive der Feministin Frigga Haug. Sie sieht vier Arbeitsbereiche: erstens die Erwerbsarbeit; zweitens die Reproduktionsarbeit, besser bekannt als Hausarbeit und Fürsorgearbeit an anderen; drittens politisches Engagement; und viertens die Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Kultur, Weiterbildung, Wellness oder einfach Muße. Ein idealtypischer Arbeitstag teilt sich dann in jeweils vier Stunden für jeweils alle vier Bereiche. Die Vier-in-einem-Perspektive zielt auf ein neues Leitbild für beide Geschlechter.

Dies mag heute, wo Überstunden im Job auf der Tagesordnung stehen und Muße als Luxus gilt, illusionär klingen. Und doch eröffnet diese Perspektive die Möglichkeit, die Arbeitsteilung neu zu denken. Ein erneuerter Feminismus braucht zwingend ein neues Wir-Gefühl, braucht neue »solidarische Verbindungslinien« zwischen den Frauen der verschiedenen Schichten und Generationen, wie Lena Kreck und Kolja Möller in einem
Kommentar im Magazin »prager frühling« einfordern.

Frigga Haug mahnt zu Recht, Feminismus bedeute nicht, dass lediglich die Frauen in der ersten Klasse auf der Titanic einen besseren Platz im Rettungsboot abbekommen, während die Frauen aus der vierten Klasse es noch nicht einmal aufs Deck schaffen. Ein erneuerter Feminismus sollte vielmehr dazu beitragen, dass es erst gar keine vierte Klasse mehr gibt, und vor allem, dass die Titanic erst gar nicht den Eisberg rammt. Aber Feminismus heißt eben auch, dafür zu kämpfen, dass nicht nur ein Mann für den Kapitänsposten in Frage kommt, sondern auch eine Frau. Vielleicht sieht sie den Eisberg ja rechtzeitig.

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