22.09.2021 / Katja Kipping

Vom Osten lernen

Wo nicht nur die Gläser bruchfest sind

Der Osten hat in den 90er-Jahren im Schnelldurchlauf den kompletten Umbau einer Wirtschaftsordnung durchgemacht. Erneut steht eine Transformation an. Dieses Mal sollten die Fehler der Nachwendezeit vermieden werden.

Auch im Westen gibt es mittlerweile Politiker mit beeindruckender Ostkompetenz. Ich erinnere mich lebhaft an einen, der die Flitterwochen mit seiner fünften Ehefrau im Osten verbrachte. Diese Urlaubstage statteten ihn mit so einer Ost-Kompetenz aus, dass er mir am Rande eines Empfangs abendfüllend erklärte, wie der Osten tickt.

Als gebürtige Dresdnerin kenne ich den Osten hautnah - aus Vorwende-, Wende- und Nachwendezeit. Sachsen war und ist meine politische Heimat und Wirkungsstätte. Auf den Gedanken, mich nach meinen Erfahrungen zu fragen, kam der touristisch gebildete frühere Spitzenpolitiker jedoch nicht. Ein einmaliger Ausrutscher? Vielleicht. Doch leider ist diese leicht herablassende Haltung gegenüber Ostdeutschen immer noch oft anzutreffen. Dabei gäbe es einiges fürs ganze Land zu lernen, wenn die wachsende Neugierde am Osten mit wirklichem Zuhören und dem ernsthaften Versuch einhergehen würde, Umbruchserfahrungen auf die heutige Zeit zu übertragen. Und wenn es die Bereitschaft gäbe, auch aus Fehlern zu lernen.

Vom Osten kann man einiges lernen, wenn es um Berufstätigkeit von Müttern, um Transformationskompetenz und um Reparierbarkeit geht. Das mag überraschen, wo doch bei allen ökonomischen Kennzahlen der Osten zurückliegt. Das Vermögen ist im Schnitt weniger als halb so groß. Die Löhne liegen im Median bei rund 80 Prozent des Bundesdurchschnitts, der Rentenwert ist immer noch nicht angeglichen. Die Bilder der blauen Abgasfahnen der Zweitaktfahrzeuge stehen in der gesamtdeutschen Ikonographie für ein ökologisches Desaster. All dies sind jedoch nur Ausschnitte, insgesamt ist das Bild komplexer.

Berufstätige Mütter

Denn bei einigen Kennzahlen liegt der Osten weit vorn. Beispielsweise ist die Zahl berufstätiger Mütter im Osten doppelt so hoch. Ich bin in der Gewissheit aufgewachsen, dass ich mich nie zwischen beruflichem Erfolg und Mutterglück entscheiden muss. Das liegt auch an einer Betreuungsinfrastruktur, die Vereinbarkeit von beruflichem Erfolg und Elternschaft erleichtert. Dazu gehören Kitas und Horts mit Öffnungszeiten, die Vollzeit für Eltern ermöglichen. Ich erinnere mich noch gut an ein Treffen sozialer Aktivisten vor rund 15 Jahren, bei dem Ostdeutsche meinten, das Mittagessen an den Schulen solle endlich für alle kostenfrei sein. Unsere Mitstreiterinnen aus den alten Bundesländern rieben sich da verwundert die Augen: Zunächst müsse doch erst einmal durchgesetzt werden, dass es in allen Schulen überhaupt ein warmes Mittagsangebot gebe. Beim Mittagessensangebot hat der Westen inzwischen aufgeholt, gut so. Denn Kitas und Schulen ohne Mittag erfordern, dass auch an Arbeitstagen nachmittags zu Hause gekocht wird.

Doch nicht nur die Quote der berufstätigen Mütter ist im Osten höher. Der Gender Pay Gap liegt im Osten bei 7 Prozent, im Westen bei 21 Prozent. Diversity trainings, Frauenquoten für Aufsichtsräte und Entgelttransparenz sind zweifelsohne wichtig. Geschlechtergerechtigkeit braucht allerdings auch eine materielle soziale Infrastruktur. Im Osten ist diese Infrastruktur eher Selbstverständlichkeit. Im Westen muss sie in vielen Regionen noch ausgebaut werden.

Umbruchserfahrung und Transformationskompetenz

Der Osten hat im Schnelldurchlauf den kompletten Umbau einer Wirtschaftsordnung durchgemacht. Viele im Osten verloren ihre Arbeit von einem Tag auf den anderen. So manchen blieb nichts anderes übrig, als ein eigenes Unternehmen zu gründen oder sich als Soloselbstständige durchzuschlagen. (Das geschah meist unter Bedingungen, die etwa in Bayern oder Baden-Württemberg für Selbstständige unvorstellbar sind: ohne finanzielles Polster und ohne Erbschaft im Rücken. Glaubt man dem grünen Ministerpräsident des Ländle, halten einige dort schon die Erbschaftssteuer für das Ende von Selbstständigkeit. Im Osten hingegen musste sich die Generation meiner Eltern ganz ohne irgendeine Erbschaft selbstständig machen.)

Die Umbrüche in den 90er-Jahren erlebten viele als etwas, das mit ihnen über ihre Köpfe hinweg geschah. Städte wie Hoyerswerda erlebten einen akuten Schrumpfungsprozess. Ganze Betriebe wurden in kürzester Zeit abgewickelt. So manches Unternehmen wurde für einen Apfel und ein Ei verkauft und die Beschäftigten mussten erleben, dass es dem neuen Besitzer nicht darum ging, nachhaltig Arbeitsplätze zu schaffen, sondern darum, Wissen abzuschöpfen oder Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Anstelle von neuen Industriearbeitsplätze kamen Arbeitslosigkeit und ABM. Der Umbruch im Osten wurde komplett dem Markt überlassen. Privatisierung lautete das Gebot der Zeit. Betriebe wurden in der Regel ohne große soziale Abfederung abgewickelt.

Kurzum, bei diesen Umbruch im Osten wurde vieles falsch gemacht. Diese Fehler aufzuarbeiten könnte dabei helfen, sie nicht einfach zu wiederholen. Denn erneut stehen Veränderungen an - in der Automobilbranche in Folge der Energiewende, und dieses Mal bundesweit.

Bei den anstehenden Veränderungen sollten die Fehler der Nachwendezeit vermieden werden. Deshalb muss der notwendige Kohleausstieg mit einer Beschäftigungsgarantie für die in der Kohle Beschäftigten einhergehen. Es bedarf Auffanggesellschaften, die nicht allein die Renaturierung und Absicherung der ehemaligen Tagebaue gewährleisten. Die Strukturwandelgelder sollten in die Schaffung neuer Industriearbeitsplätze in zukunftssicheren Bereichen fließen, die aber auch dauerhaft in den Regionen bleiben. Unbedingt muss verhindert werden, dass wie damals in der Nachwendezeit Gelder an Konzerne oder Akteure fließen, die das Geld gerne mitnehmen, ohne dass wirklich neue Arbeitsplätze in den betroffenen Regionen entstehen.

Dazu müssten die für den Strukturwandel vorgesehen Gelder wirklich in den von Kohleausstieg betroffenen Kernregionen zum Einsatz kommen. Um es zu verdeutlichen: Ein Forschungszentrum im Berliner Speckgürtel hat nichts mit dem Strukturwandel zu tun, nur weil es zufällig in Brandenburg liegt. Wenn schon, muss in Städten wie Hoyerswerda, die im Besonderen von den Schrumpfungsprozessen betroffen sind, ein solches Zentrum angesiedelt werden.

Ressourcenschonung

In der ostdeutschen Industrie gab es vor der Wende vielfach Mangel. Rohstoffe fehlten. Für den Einkauf im Ausland fehlten Devisen. Dies führte zu einem Ingenieursgeist, von dem wir heute lernen könnten.

Reparierbarkeit, Modularität und Haltbarkeit waren in den Entwicklungsabteilungen zentrale Grundsätze, nach denen gearbeitet wurde. Deshalb gibt es heute Haushaltgeräte wie den im Westen unbekannten RG 28, die auch nach 50 Jahren noch einwandfrei funktionieren und auf Versteigerungsplattformen Höchstpreise erzielen. Mit den vielfältigen Anbauteilen verfügen diese Geräte über mehr Funktionen als jeder Thermomix.

Für die unzerstörbaren und sparsamen Simson-Mopeds der 80er-Jahre werden noch heute massenhaft Ersatzteile produziert, weil sie einfach repariert werden können und ein vollständiges Fahrzeug im Prinzip von jedermann aus Einzelteilen zusammengebaut werden kann. Dieses Konstruktionsprinzip ist für jede Ökobilanz unschlagbar.

Andere Konzepte haben nicht überlebt, weil sie mit dem Geist des Wegwerfkapitalismus nicht kompatibel sind. Sogenannte Superfest-Gläser für die Gastronomie sind so ein Beispiel. Sie wurden so gehärtet, dass sie auch einen Sturz von Tischkante oder Serviertablett überleben. Ein Glas, das man in Jahrzehnten nur einmal verkaufen kann, ist im Kapitalismus ein Alptraum für den Hersteller. Und so blieb das Patent der bruchfesten Gläser, das die Erfinder bewusst frei gegeben haben, bis heute ungenutzt. Die Maschinen, die ein Konkurrent damals stilllegen ließ, sind längst verschrottet.

Green New Deal als Zukunftspakt

Will man die Fehler, die im Osten gemacht wurden, nicht wiederholen, braucht es jetzt einen Green New Deal als Zukunftspakt mit Investitionen in die soziale und in die öffentliche Infrastruktur. Der Erfindungsgeist darf sich nicht auf mutmaßliche Sackgassen wie Elektroflugzeuge konzentrieren. (Die innovativste Erfindung bei der Elektromobilität wurde vor zweihundert Jahren gemacht. Sie nennt sich Bahnverkehr.) Zudem ließe sich im Sinne der Vermeidung von Abfall anknüpfen an die im Osten bereits entwickelten Erfahrungen mit Reparierbarkeit, Modularität und Haltbarkeit. Es braucht dafür die Energie und die Kreativität aller. Und wenn sich niemand zwischen Elternglück und beruflicher Erfüllung entscheiden muss, weil die Vereinbarkeit erleichtert wird, können auch mehr sich in an der positiven Gestaltung dieses Projektes beteiligen.

Für die anstehenden Transformationsprozesse gibt es aus der breiten ostdeutschen Erfahrung einige Schätze zu heben. Doch zum ganzen Bild gehört auch, dass dieses Wissen heute mehr denn je gegen die Mut- und Alternativlosigkeit der Konservativen in allen Parteien und gegen die Realitätsverleugnung der falschen, völkischen Alternative verteidigt werden muss.

Dieser Text erschien als Teil der Kolumnenreihe Kipping vs. Kuhle bei NTV.

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