05.08.2021

Lost in Communication: Über das Unvermögen der Regierung Informationen über die Corona-Pandemie zugänglich bereitzustellen

Bestimmt ist es einigen schon aufgefallen: Tippt man die Adresse corona.de im Browser ein landet man auf der Webseite der bekannten Biermarke. Versucht man es mit coronavirus.de befindet man sich auf der Seite einer Unternehmensberatung. Googelt man Corona ist der erste Treffer die Seite des RKI, der zweite die tagesschau.de. Nach mehr als einem Jahr Pandemie gibt es noch keine zentrale landing page für die Pandemie in Deutschland, auf der man Basis-Informationen über das Virus, aktuelle Informationen zur pandemischen Lage, zu den geltenden Maßnahmen und zur Impfung in verschiedenen Sprachen, für verschiedene Zielgruppen findet. Die Seite zusammengegencorona.de ist ein guter Schritt in diese Richtung. Sie ist aber nicht als landing page etabliert, man findet sie auf Seite zwei der Google-Resultate, oder als dritte Option in der Liste offizieller Ressourcen bei Google. Die Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage von mir zeigt, die Seite zusammengegencorona.de hatte von den vier großen Informationsseiten des Bundes (infektionsschutz.de der BZgA, RKI.de, bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus) im April 2020 und im April 2021 die wenigsten Besucher*innen. Anlaufstelle Nummer 1 für die Bürger*innen ist die Seite des Robert Koch Instituts. RKI.de hatte im April 2021 mehr als 14-mal so viele Besucher*innen wie zusammengegencorona.de (12.633.519 vs. 858.006). Doch das Robert Koch Institut hat gar nicht die Aufgabe, eine breite Krisenkommunikation zu leisten. Die Seite ist recht unübersichtlich gestaltet und als zentrale Anlaufstelle ungeeignet.

Aufschluss wieso RKI.de trotzdem beliebter als zusammengegencorona.de ist, findet sich in der Anzahl der wiederkehrenden Nutzer*innen. Im April 2021 hatte RKI.de ca. 12,5 Mio. wiederkeh-rende Nutzer*innen, zusammengegencorona.de ca. 187.000. Sie weist vor allem Defizite auf, was die aktuelle Lage der Pandemie angeht. Häufig muss man sich nach dem Besuch der Seite durch die verschiedenen Seiten der Länder oder des RKI hangeln. Diese bereiten Informationen unterschiedlich übersichtlich und gerne mal nur auf Deutsch auf. Nur weil die Zuständigkeit für Maßnahmen und Impfungen bei den Ländern liegt, heißt das ja noch nicht, dass man Informationen der Länder nicht zentral bündeln und kommunizieren könnte. So gibt es bis heute keine zentrale Seite, wo man z.B. einfach seine/ihre Postleitzahl oder Wohnort eingeben kann und dann angezeigt wird, was für Maßnahmen in diesem Ort gelten und wie die Inzidenz an diesem Ort ist. Gerade bei der Vielzahl und regionalen Unterschiedlichkeit der Maßnahmen müssen diese doch zugänglich kommuniziert werden. Informationen über die aktuell geltenden Maßnahmen sind häufig nur mit Rechercheaufwand und je nach Bundesland wieder nur auf Deutsch zu finden. Praktische Fragen z.B. wie eine an Covid-19 erkranke Person an eine Krankschreibung für den Arbeitgeber kommt, werden nicht beantwortet. Wie im Pandemie-Unterausschuss des Bundestags vom Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel berichtet wurde, müssen die verantwortlichen Kommunen ihre Informationsflyer selbst erstellen und in die benötigten Sprachen übersetzen.[1]

Gerade bei der aktuellen Einordnung der Lage bestehen auf den einfacher zugänglichen Seiten infektionsschutz.de und zusammengegencorona.de Lücken. Da muss man schon auf die Seite des RKI bzw. auf die verschiedenen Dashboards schauen und sich zusammen mit den Seiten der Ländern und Nachrichtenseiten seine Meinung bilden. Das geht häufig nur auf Deutsch, aber gerade die aktuelle Einordnung der pandemischen Lage wäre für eine gute Risikokommunikation wichtig. Risikokommunikation wird von vielen Expert*innen und Studien als äußerst bedeutend für die Pandemiebekämpfung eingeschätzt. Schließlich wurde die Ausgangssperre der Bundesnotbremse auch mit Risikokommunikation begründet: So sollte der Bevölkerung durch die Ausgangssperre klar gemacht werden, dass die Lage sehr ernst ist.

Zusammengefasst fehlt es nicht unbedingt an Webseiten oder Informationen. Es fehlt aber an einer kommunikativen Gesamtstrategie, wie man die komplexe Thematik aktuell, verstehbar, übersichtlich und in verschiedenen Sprachen aufbereitet. Das Resultat ist eine fragmentierte Kommunikation mit drei offiziellen Seiten des Bundes, einer Seite des RKI und sechzehn Seiten der Länder.

 

Kurzauswertung der wichtigsten offiziellen Seiten

https://www.rki.de/

Die RKI-Seite ist für Viele die wichtigste Informationsquelle zur Pandemie und quasi inoffizielle landing page. Die Seite des RKI ist sehr informativ, doch richtet sie sich vor allem an ein gebildetes Publikum mit Vorwissen. Sie ist recht unübersichtlich gestaltet und als landing page ungeeignet. Sie ist nur teilweise und nur auf Englisch übersetzt. Die wichtige Unterseite „COVID-19 und Impfen“ gibt es z.B. nur auf Deutsch!

 

Zusammengegencorona.de

Die offizielle Drehscheibe der Bundesregierung zur Corona-Pandemie. Die Seite ist grundsätzlich nicht schlecht, stellt viele Informationen bereit und ist übersichtlich aufgebaut. Die von Expert*innen empfohlene „bite, snack and meal“ Strategie der Kommunikation wird leider nur teilweise umgesetzt. Die Seite gibt es auf mehreren Sprachen (inkl. leichte Sprache), doch sind die Informationen und Unterseiten in Fremdsprachen sehr viel weniger umfangreich. Für Informationen zu den Maßnahmen der Bundesländer wird einfach auf entsprechende Seiten der Länder verlinkt. Hier findet keine Zusammenstellung oder Übersicht statt. Man findet ebenfalls Verlinkungen zu den einzelnen Corona-Lageberichten der Länder, aber auch hier werden die Informationen nicht auf der Seite zusammengestellt. Bis zum Juni 2021, also weit über ein Jahr nach Pandemiebeginn, fand man auch keine Informationen über die Gesamtinzidenz, R-Wert oder ähnliches in Deutschland Mittlerweile wurden diese Informationen auf der Seite ergänzt. Und vor allem auch keine Einordnung der aktuellen Entwicklung der Pandemie. In den Informationen zur Delta Variante B 1.1617.2 wird nicht erwähnt, dass diese mittlerweile in Deutschland dominiert und eine aktuelle und verständliche Interpretation der pandemischen Lage sucht man auf der Seite vergebens.

 

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus

Dort wird man vor allem erstmal mit Zahlen und Graphen konfrontiert, u.a. zu den aktuellen Downloadzahlen der Corona-Warnapp, zur Intensivbettenbelegung und wieviel Milliarden bisher für Wirtschaftshilfen ausgeben wurden. Informationen über die Daten in Deutschland und das Handeln der Regierung stehen im Mittelpunkt, aber das ist keine übersichtliche landing page mit grundsätzlichen Informationen über das Virus und das Impfen. Die Seite ist nicht in andere Sprachen übersetzt. Es gibt eine Extra-Seite auf der unübersichtlich alle Informationen in allen verfügbaren Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch) untereinander aufgelistet sind. Für weitere Informationen wird auf die Seite integrationsbeauftragte.de verlinkt. Dort gibt‘s für Informationen zum Impfen zwei Möglichkeiten: 1.) Videos (kein Text) mit Grundlageninformationen in Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch; 2.) Es werden 9-seitige, dichtbedruckte Aufklärungsbögen des RKI als PDFs verlinkt, diese sind aber in sehr vielen Sprachen vorhanden sind.

 

Infektionsschutz.de

Infektionsschutz.de ist die Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie ist übersichtlich mit vielen Grundlageninformationen. Es fehlt wie bei zusammengegencorona.de aktuelle Daten und eine Einordnung der aktuellen pandemischen Lage. So wird z.B. noch davon gesprochen (Stand: 27.5.2021), dass die Variante B.1.1.7. nicht die Oberhand gewinnen darf. Die Seite gibt es nur auf Deutsch.

 

Die Seiten der Länder (u.a. berlin.de, bayern.de, hessen.de)

Weitere Informationsquellen sind die Seiten der 16 Länder. Die sind sehr unterschiedlich. So übersetzt Berlin.de zum Beispiel die Seite zum Impfen in Englisch, Türkisch und Arabisch, bei Bayern.de und Hessen.de gibt’s Informationen zum Impfen nur auf Deutsch. Informationen über die geltenden Corona-Maßnahmen gibt’s bei Berlin.de auf Englisch und Türkisch, bei Bayern.de nur auf Deutsch.

 

[1] Es gibt Informationsflyer in verschiedenen Sprachen auf der Seite der Bundesregierung, aber diese enthalten nur sehr rudimentären Informationen. Es steht dort z.B. nichts zum Impfen.

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