22.01.2010

Innere wie äußere Kraft des Aufbruchs

Zwei Quellen und zwei Bestandteile...

Die Mitgliedschaft in einer linken Partei ist immer ein politisches Statement, das auch Mut erfordert. Bei einer Partei, die schon lange existiert, kann eine langjährige Mitgliedschaft auch manchmal getragen sein von der Macht der Gewohnheit. Wobei es sich bei der Mitgliedschaft in einer Partei wie der PDS um eine unglaublich gute Gewohnheit handelte. Aber ich soll ja hier die Hommage an die Quellpartei WASG halten, während Klaus Ernst die Hommage an die Quellpartei PDS halten soll. Also zur WASG:

Bei einer neuen, sich gerade gründenden Partei, wie der WASG, war anfangs vollkommen unklar, ob sie überhaupt jemals in einem Parlament sitzen wird, ob sie jemals Stellen anzubieten hat und ob sie langfristig gesellschaftlichen Einfluss entwickeln wird. Wer in eine solche Partei eintritt, der ist entweder von Natur aus nicht besonders zögerlich, oder aber der Eintritt in eine solche Partei ist vor allem getragen von einem unbedingten, konkreten Änderungswillen, der Hand in Hand geht mit einem gewissen Wagemut.

Und insofern verfügte die WASG über die innere wie äußere Kraft des Aufbruchs. Und dies konnte man auf den Parteitagen der WASG sehr direkt erleben. Als das Zusammengehen von WASG und PDS zwar diskutiert wurde, aber noch nicht endgültig sicher war, da wurde ich zweimal als offizielle Rednerin der PDS auf einen WASG-Parteitage eingeladen. Das erste Mal im Frühsommer 2005 auf dem WASG-Parteitag in Kassel. Das zweite Mal Ende April 2006 in Ludwigshafen.

Lebendigkeit und Dissdenz

Sowohl in Kassel als auch in Ludwigshafen bestachen die WASG-Parteitage durch eine besondere Form der Lebendigkeit und durch eine ständige Bereitschaft zur Dissidenz, die mich faszinierte und auch ein bisschen neidisch machte. So heiß ging es auf PDS Parteitagen nur selten zu.

Wenn einige Delegierten mit einer Position nicht einverstanden waren, buhten sie schnell los. Höfliches Schweigen war dort eher die Ausnahme. Langeweile kam da kaum auf. Wenn einzelnen Delegierten etwas nicht passte, z.B. die Besetzung des Tagungspräsidiums, rannten sie sofort zum Saalmikrofon, um ihrem Unmut Luft zu machen.

Die Kehrseite dieser lebhaften Debatten war, dass man sich auch immer ein bisschen an das berühmte Pulverfass erinnertet fühlte, das leicht hochgehen konnte. Man musste nur etwas Falsches sagen. In solch einem Klima für die PDS zu sprechen, war eine wahre Herausforderung.

So anstrengend, das auch Konkret jeweils ist. Lebendigkeit der Debatten und den Geist der Dissidenz – dies beides kann einer Partei, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen will, letztlich nur gut tun.

Zur Beschreibung der WASG gehört aber auch folgendes: Während die Mitglieder häufig rebellischer auftraten als ich es von PDS-Parteitagen gewohnt war, so traten die Chefs der WASG etwas chefiger auf, als ich es von den Funktionären der PDS gewohnt war. Inwieweit zwischen beiden Umständen eine kausale Beziehung besteht, und wenn ja, was zuerst da war, konnte ich nicht abschließend klären.

Organisationstalente, die das Chaos nicht scheuen

Durch die Teilnahme an diesen Parteitagen konnte ich recht früh einen unvermittelten Einblick in das Innenleben der WASG gewinnen. Deshalb finde ich es verwunderlich, dass in der einsetzenden Geschichtsschreibung immer nur Männernamen aus den Reihen der WASG auftauchen. Ich habe hingegen den Eindruck gewonnen, dass ohne den engagierten Einsatz so mancher Frau die Neugründung im Chaos untergegangen wäre.

Unvergessen ist für mich, wie die bayrische Gewerkschaftlerin Anny Heike mit einem Telefon-Headset auf dem Kopf, den Parteitag in Ludwigshafen managte. Ihr mobiles Telefon befand sich quasi in einer Standleitung. Auf einem Parteitag saß ich neben ihr und hörte auf diese Weise, worum sie sich alles kümmerte: Anträge, die irgendwo verloren gegangen waren, mussten aufgetrieben werden. Für Medienleute mussten AnsprechpartnerInnen gefunden werden. Die Küche musste um Geduld gebeten werden, weil die Mittagspause sich wegen einer verlängerten Debatte mal wieder verzögerte.

Die Leistungen dieser Frau beeindruckten mich. Bei der PDS gab es für jede dieser Aufgaben, die sie so nebenbei erledigte, fest angestellte Hauptamtliche. In eine Hommage an die WASG gehört also unbedingt die Bewunderung für die Organisationstalente der WASG, die ohne eingespielte, hauptamtliche Strukturen für den organisatorischen Rahmen sorgten und das Chaos nicht scheuten.

Einen Aufbruch, wie ihn die Gründerinnen und Gründer der WASG wagten, wohnt immer ein Moment der Ungewissheit aber auch ein Versprechen inne. Letztlich - im Zusammenspiel von WASG, PDS und den sozialen Bewegungen - zahlte sich dieser Wagemut aus. Ein neuer die Gesellschaft beeinflussender Akteur entstand.

Wir sollten uns alle gelegentlich in Erinnerung rufen, wie kostbar dieser Erfolg ist. Und wir sollten und immer wieder vergegenwärtigen, dass wir alle, egal ob unsere Wurzeln eher in der PDS, der WASG oder der sozialen Bewegung liegen, einem Versprechen verpflichtet sind:

Namentlich alle Verhältnisse zu verändern, in denen der Mensch ein geknechtete, entrechtetes, verlassenes, kurz ein verächtliches Wesen ist.

Abschließend noch einen Blick nach vorn: Ich wünsche mir, dass wie zum nächsten Jubiläum, also z.B. zu 5 Jahre neue Linkspartei, dann auch eine Hommage an all die vielen Parteimitglieder halten, die keiner der beiden Quellparteien angehörten, sondern die sich bewusst für die neue, gemeinsame LINKE entschieden haben. Hoffentlich haben wir bald so viele Neumitglieder, dass wir für die Mitglieder der Quellparteien jeweils Minderheitenschutz beantragen können.

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