07.03.2021

Soll es Lockerungen für Geimpfte geben?

in Politik & Kommunikation Nr. 134

Die Corona-Krise hat die soziale Ungleichheit in Deutschland weiter verschärft. Vor allem Frauen übernehmen die zusätzlich anfallende Care-Arbeit, vor allem Menschen mit geringem Einkommen haben Einkommenseinbußen. Auch wenn die Maßnahmen für alle gleich gelten, treffen sie uns doch nicht unterschiedslos. Es ist ein Unterschied, ob einen die Beschränkungen in beengten Wohnverhältnissen treffen oder in einem Haus mit Garten. In dieser Situation zwei unterschiedliche Bürgerstatusformen von Geimpften und Nicht-Geimpften zu schaffen, würde die Gesellschaft weiter spalten.

Wer Lockerungen für Geimpfte befürwortet, geht davon aus, dass Geimpfte nicht nur gegen schwere Erkrankungen geschützt sind, sondern auch das Virus nicht mehr übertragen. Diese Annahme steht auf tönernen Füßen. Es gibt bisher nur für zwei Impfstoffe Studien, die eine Verminderung der Übertragung belegen. Unklar ist auch, ob sie die Übertragung neuer Mutationen verhindern. Da auch neue Impfstoffe zugelassen werden, neue Mutationen auftreten und Impfstoffe wohl angepasst werden müssen, ist die Lage kompliziert. Wollte man Lockerungen für Geimpfte einführen und gleichzeitig den Infektionsschutz ernst nehmen, müsste man die Lockerungen laufend an die aktuell bekannte Wirksamkeit der Impfstoffe anpassen. Doch je unübersichtlicher die Regeln gestaltet sind, desto geringer ist die Akzeptanz.

Die Forderung nach Lockerung für Geimpfte hat auch ein prinzipielles Problem: Grundrechte sind die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger. Sie betreffen uns als Gleiche. Führt man über den Impf-Umweg zwei Bürgerstatusformen ein, werden aus Grundrechten Vorrechte. Wir sollten keine Grundrechte aufgrund von körperlichen Dispositionen verteilen. Stattdessen brauchen wir eine Strategie, die eine nachhaltige Öffnung für alle ermöglicht.

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