01.10.2020

Die überwundene Grenze ist noch immer ein Riss auf der sozialen Landkarte

Es gibt Unterschiede, die man erst aus großer Höhe sieht. Blickte man aus dem Weltraum nachts auf Berlin, sähe man noch immer den einstigen Grenzverlauf zwischen Ost- und West-Berlin. Der Osten strahlt in etwas wärmerem, das frühere West-Berlin hingegen im kälteren helleren Licht. Der Grund sind verschiedene Straßenbeleuchtungen.

Während im Osten Natriumdampflampen zum Einsatz kamen, setzte der Westen auf mit Quecksilberdampf gefüllte Leuchten. Jedes Jahr verringert sich die Differenz. Die Umrüstung auf LED-Technik bewirkt Vereinheitlichung. Dieser Unterschied ist eher kurios. Doch wie ist es am Boden im 30. Jahr der deutschen Einheit um die Unterschiede zwischen Ost und West bestellt?

In meiner Generation zeichnen sich die Unterschiede weniger scharf ab. Als Jugendliche war beim Pläneschmieden fürs Wochenende die Frage, sollen wir zu Punk oder Elektro ausgehen, wichtiger als die Frage nach der Herkunft. Der Mann, den ich heute liebe, kommt aus Frankfurt am Main. Meine Freundinnen stammen aus Dresden, aber auch aus dem Rheinland. In meiner Arbeit als Sozialpolitikerin ist der Unterschied zwischen Reich und Arm der entscheidende, den es zu überwinden gilt. Und als feministische Marxistin habe ich mich vor allem mit den Unterschieden zwischen Geschlechtern und Klassen auseinandergesetzt.

Und doch merke ich mit den Jahren, dass es diese kleinen, aber feinen Unterschiede zwischen Ost und West gibt: Verstehen zwischen verschmitztem Lächeln und Melancholie einerseits und wortreiches Nichtverstehen andererseits. Die Ostdeutsche in mir spüre ich zum Beispiel, wenn ich mit meiner Tochter die neue Ausgabe des „Mosaiks“ kaufe. Dann beginnen manchmal die Augen der Verkäuferin zu funkeln, und es folgt der Satz: „Ach, das ‚Mosaik‘ – das habe ich als Kind auch immer gelesen.“ Dann entsteht für einen Moment ein warmes Gefühl von Verbundenheit.

Wenn ich Westdeutschen davon erzähle, muss ich immer noch einen Relativsatz einfügen. Ich muss erklären, dass das „Mosaik“ ein Comic ist, das von den „Abrafaxen“ handelt. Diese drei lustigen Gesellen reisen durch die Geschichte und erleben dabei viele Abenteuer. „So ein bisschen wie ,Asterix und Obelix‘, füge ich oft erläuternd hinzu. Zugleich ärgere ich mich, dass mein Mann, wenn er von den Comics seiner Kindheit erzählt, nie erklären muss, warum er leuchtende Augen bekommt. Für meine Tochter spielen diese Unterschiede keine Rolle. Sie wird vom Vater in die Welt von „Asterix und Obelix“ eingeführt und von mir in die Welt der „Abrafaxe“.

Unterschiede tun sich zuweilen auch dann auf, wenn es Menschen eigentlich gut meinen. Wenn Westdeutsche sagen: „Also die Marktplätze sind ja so schön geworden.“ Die meisten, die so etwas sagen, meinen es wirklich nett. Wer ihnen koloniale Gönnerhaftigkeit vorwerfen wollte, täte ihnen unrecht.

Und doch gibt es ein Unbehagen in mir, wenn solche Sätze fallen. Ich wäge dann ab: Soll ich erklären, warum schöne Marktplätze und Fassaden nur bedingt etwas über das Leben dahinter aussagen? Soll ich erklären, dass ironischerweise mit der Marktwirtschaft die Marktplätze in neuem Glanz erstrahlten, während die Lichter in vielen Kombinaten ausgingen? Soll ich erzählen, was dies für viele bedeutete: dass nicht nur das Einkommen verloren ging, sondern sich auch soziale Bindungen lösten, weil Hausgemeinschaften und Arbeitskollektive zu existieren aufhörten?

In dem jüngst erschienenen Buch „Mit der Schwalbe zur Datsche: Wörter aus einem verschwundenen Land“ sammelt die Sprachwissenschaftlerin Antje Baumann Begriffe aus der DDR, die Westdeutsche nie gelernt haben. Die Lektüre ist amüsant. Was mich umtreibt, sind die Begriffe, die zwar gleichermaßen gekannt werden, aber in unterschiedlichen Lebensrealitäten verschiedene Bedeutungen tragen. Rein begriffliches Verstehen ist trügerisch. Nehmen wir nur das Wort „Selbstständiger“ oder „Unternehmerin“. Sicherlich, es gibt heute in Ost wie West Soloselbstständige, die an der Armutsgrenze leben.

Doch wer kann nachempfinden, welchen Wagemut Ostdeutsche aufbrachten, die sich nach der Wende oftmals mangels Alternative selbstständig machen mussten? Wer hat wirklich ein Gespür dafür, wie kalt das Wasser war, in das sie sprangen? Das gilt nicht nur für Selbstständige.

Das gilt für alle in der Generation meiner Eltern, die gezwungen waren, sich nach der Wende beruflich neu zu orientieren. Kaum jemand hatte ein finanzielles Polster. Kaum einer konnte sich auf existierende Netzwerke stützen. Und selbst, wer in der DDR Ökonomie studiert hatte, war nur bedingt auf die neuen Regeln und die Verhandlungen mit den Banken vorbereitet. Ganz zu schweigen davon, wie ungleich die Zugänge zu Märkten waren.

Die Wendezeit war für mich als Teenager eine aufregende Zeit. Überall sprossen provisorische Supermärkte aus dem Boden, meist auf der grünen Wiese. Die Produkte dufteten gut und schmeckten aufregend. Die gleichen Produkte kritisiert meine Tochter heute für die überflüssige Verpackung. Damals jedoch fanden Coca-Cola, Rittersport und Milka reißenden Absatz auf den ostdeutschen Märkten. Gute Produkte aus dem Osten hatten es dagegen schwer.

Die Supermärkte hatten ihre Verträge längst gemacht. Die westlichen Firmen verschickten ihre Überkapazitäten gen Osten und verfügten über große Werbebudgets. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater versuchte, die Windeln seines nun privatisierten Betriebes abzusetzen, Baumwollwindeln mit einer grünen Naht. Heute erfreuen sich Baumwollwindeln großer Beliebtheit, man kann sie in allen Drogerieketten kaufen. Damals hatten sie keine Chance gegen Wegwerfprodukte von Pampers, Fixies und Co. Die Supermärkte auf der grünen Wiese wollten von den Baumwollwindeln mit der grünen Naht nichts wissen.

Wenn Kinder wachsen, tun ihnen manchmal die Beine weh. Diese Wachstumsschmerzen sind nicht schön. Dennoch war ich als Kind immer auch ein bisschen stolz. Immerhin bedeuteten sie, dass ich größer wurde — Wachstumsschmerzen als verheißungsvolles Zukunftsversprechen. Kürzlich nahm ich in Hoyerswerda an einer Stadtführung der Architektin und Aktivistin Dorit Baumeister teil.

Auch Hoyerswerda kannte einst Wachstumsschmerzen. Hoyerswerda-Neustadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut, inspiriert vom Stil des Bauhauses, konzipiert als Stadt der Moderne. Die Stadt wuchs rasant, ihr Puls richtete sich nach den Erfordernissen der umliegenden Tagebaue des Braunkohlereviers. Das war nicht romantisch, das war oft sehr hart. Der Roman „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann vermittelt einen Eindruck dieser Zeit. Doch es gab auch einen Stolz auf den eigenen Beitrag zum Fortschritt.

Mit der deutschen Einigung wurde das industrielle Herz Hoyerswerda stillgelegt. Infolgedessen verloren Zehntausende ihre Arbeitsplätze, viele zogen weg. Die Stadt verlor ihre Funktion und schrumpfte. Ganze Wohnblöcke wurden abgerissen. Schrumpfungsschmerzen stellten sich ein, begleitet von Trauer und Zweifel, ob alles bisher Geleistete umsonst gewesen wäre. Es brauchte viele Jahre, bis über diesen Schmerz überhaupt gesprochen werden konnte.

Wer weiß, wie lange Astronaut*innen noch die Unterschiede zwischen den Lichtern in Ost- und West-Berlin ausmachen können? Von mir aus kann dies noch lange so bleiben. Doch leider zeichnet sich die überwundene Grenze noch immer als Riss auf den sozialen Landkarten Deutschlands ab. Egal, ob sie farblich die regionalen Armutsgefährdungsquoten darstellen oder die Bruttolöhne — immer sieht man die Umrisse der alten Bundesrepublik und der ehemaligen DDR deutlich. Im Osten ist die Armutsgefährdungsquote um 16 Prozent höher als im Westen. Die Bruttolöhne liegen bei ungefähr 85 Prozent, auch weil seltener nach Tarif bezahlt wird und Niedriglöhne verbreitet sind.

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Das durchschnittliche Nettovermögen ist im Westen mehr als doppelt so hoch. Im 30. Jahr der deutschen Einheit sollten diese ökonomischen und sozialen Unterschiede der Vergangenheit angehören. Umso erfreulicher sind die aktuellen Tarifauseinandersetzungen und Streiks, zum Beispiel der Gewerkschaft NGG beim Bautz’ner Senf und bei anderen Lebensmittelherstellern. Die Beschäftigten forderten gleichen Lohn wie an Standtorten des Unternehmens in den westlichen Bundesländern und setzten jetzt mit einem Streik einen erheblichen Lohnzuschlag durch. Ver.di fordert im öffentlichen Dienst einen Zuschlag von 150 Euro, um den Ost-West-Unterschied zu reduzieren. Diese Kämpfe verdienen unsere Solidarität. Wer hingegen die Angleichung der Löhne verweigert, versündigt sich auch an der deutschen Einheit.

Die ostdeutschen Länder sind vor 30 Jahren dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten. Nun muss endlich dessen Gebot der gleichwertigen Lebensverhältnisse in der ganzen Republik realisiert werden.

Erschienen als Gastbeitrag auf welt.de am 1. Oktober 2020.

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