21.07.2020

Freitags gehört Mutti mir! (und Vati auch)

Weltweit wird immer mehr über die 4-Tage-Woche diskutiert. Pionierfirmen, die das einführen, machen gute Erfahrungen: Die 4-Tage Woche macht Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver. Gerade jetzt, in der Corona-Krise, wäre ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen.

Die letzten Wochen und Monate waren für viele Menschen extrem belastend. Sie mussten ihre Kinder unterrichten, ihre Eltern mitversorgen, sich sozial isolieren und natürlich haben sich viele auch davor gefürchtet, selbst krank zu werden. Corona war vielfach eben keine Zeit der Entschleunigung, ganz im Gegenteil, für viele sind Homeoffice und die Versorgung von Angehörigen (Kindern und Eltern) zu einer besonderen Belastung geworden, weil fast alle Unterstützungsangebote weggefallen sind. Viele haben, um den Wegfall anderer Betreuungs- und Unterstützungsangebote auszugleichen, bereits ihre Urlaubstage aufgebraucht. Für diese wird das nächste halbe Jahr besonders hart. Wenn wir nicht wollen, dass in einer zweiten Krankheitswelle Beschäftige wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ausfallen, müssen wir jetzt endlich mehr dafür tun, dass Arbeit besser zum Leben passt.

Dabei gibt es mehr als ein denkbares Modell für bessere, menschenfreundlichere Arbeitszeiten. 25, 30, 32 Stunden pro Woche, unbegrenzter Urlaub, Recht auf Homeoffice, oder eben doch besser nur vier Tage? Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen nicht unbegrenzt produktiv, konzentriert und kreativ sein können. Dass zu wenig Erholung auf Dauer auslaugt und ausbrennt. Und dass nicht das ganze Leben allein um die Arbeit kreisen soll – oder anders gesagt: Menschen brauchen ihre Konzentration und Kreativität auch noch für Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit, z.B. bei der Kindererziehung, im Ehrenamt oder für Hobbies.

Der Vorteil der 4-Tage-Woche gegenüber anderen Modellen ist, dass die Möglichkeit, die nominale Arbeitszeit durch Überstunden unwirksam zu machen, eingeschränkt ist. Jedoch haben alle diese Modelle gemeinsam, dass sie nicht einfach ein Geschenk an die Beschäftigten sind – die Unternehmen profitieren von weniger Fehlern, weniger Fehltagen und motivierteren Mitarbeitenden.

Auch die geschlechtergerechte Verteilung der Haus- und Carearbeit und der gut bezahlten Erwerbsarbeit kann mit einer Verkürzung der Regelarbeitszeit einen wichtigen Schritt vorankommen. Wenn alle weniger arbeiten, muss eine Familie sich seltener entscheiden, ob ein Elternteil aufgrund der Kinderbetreuung kürzer tritt. Die 4-Tage-Woche kann also auch zum Motor für Geschlechtergerechtigkeit werden.

Die Regierung kann den Übergang zu einer solchen besseren Arbeitswelt gegenwärtig sehr gut mit einer Art modernem Kurzarbeitergeld fördern: Für ein Jahr erhalten Unternehmen, die ihre Vollzeit-Arbeitszeit verkürzen, einen Lohnzuschuss von entsprechend bis zu 25 Prozent. Nach dem Jahr wird ein Tarifvertrag bzw. eine Betriebsvereinbarung über ein Arbeitszeitmodell mit einer 4-Tage-Woche oder einer Höchstarbeitszeit von 30 Stunden verpflichtend – ohne weitere staatliche Co-Finanzierung.

Wer einwendet, dass der Produktivitätszuwachs nicht in allen Branchen die eine verringerte Arbeitszeit ausgleichen kann, hat grundsätzlich recht. Allerdings handelt es sich dabei oft um Tätigkeiten, die skandalös unterbezahlt sind. Hier wären ohnehin höhere Stundenlöhne fällig. Eine 4-Tage-Woche wäre ein wichtiger Schritt Richtung neuer, besserer Arbeitswelt. Sie ersetzt aber grundsätzlich nicht den Einsatz für bessere Bezahlung oder mehr Personal in bestimmten Branchen – z.B. im Krankenhaus.

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