09.06.2020

Wenn wir George Floyd ehren wollen, müssen wir handeln.

In diesen Stunden wird George Floyd in seiner Heimatstadt Houston, Texas, zu Grabe getragen. Sein Tod hat zu einem weltweiten Aufschrei geführt. Ich hoffe, dass dies die Verhältnisse nicht nur in den USA ändert. Auch in Europa und in Deutschland gehen Hunderttausende auf die Straße. Sie sind zumeist jung und klagen Diskriminierung sowie alltäglichen Rassismus an. Wenn wir George Floyd ehren wollen, müssen wir handeln. Und zwar nicht, indem wir mit Blick auf die USA über die rassistischen Verhältnisse dort reden, sondern indem wir über die Situation in unserem Land sprechen. 

George Floyd Funeral Service in Houston, TX

Der Mord an George Floyd hat die Protestbewegung ausgelöst, aber der Grund für diesen Aufschrei sind die alltäglichen Erfahrungen rassistischer Diskriminierung. Ich begreife diese Proteste, die auch bei uns von auffällig vielen jungen Menschen getragen wurden, als einen Auftrag an alle progressiven Parteien und die Demokratie in unserem Land: Rassismus ist kein individuelles Problem, sondern ist ein böses Gift in unserem Zusammenleben. Auch in Deutschland wird im Jahr 2020 immer noch zwischen "Deutschen" und "Deutschen mit Migrationshintergrund" unterschieden. 

Rassismus beginnt, wo Menschen Jobs und Wohnungen nicht bekommen, wo sie sich nicht angstfrei auf der Straße bewegen können, weil Name oder Aussehen nicht in das passen, was als deutsch definiert wird. Diese alltägliche Diskriminierung muss konsequent geahndet werden. Wir brauchen dafür nicht nur ein anderes gesellschaftliches Bewusstsein, sondern ein wehrhaftes Antidiskriminierungsrecht und eine/n Beauftragte/n gegen Rassismus. Gerne werden solche rechtlichen Schritte als ein Angriff auf das friedliche Zusammenleben diffamiert. Wer das meint, dem kann ich nur sagen: Sie können dieses Zusammenleben nur friedlich finden, weil sie kein Opfer rassistischer Diskriminierungen und Übergriffe sind.

„Du musst nicht genau wie ich sein, damit wir Seite an Seite füreinander einstehen können.“ Das sagte einmal die schwarze US-amerikanische Schriftstellerin Audre Lorde, die lange in Deutschland lebte und hier eine Vorkämpferin der afrodeutschen Community wurde. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Rassismuserfahrungen der Betroffenen ernst nehmen, dass wir sie nicht etwa aus Scham verleugnen. Ehren wir George Floyd und erinnern wir uns an alle Opfer rassistischer Gewalt in unserem Land, in dem wir gemeinsam für eine Gesellschaft eintreten, in der das Recht auf Glück, der Anspruch auf Schutz vor Gewalt und die Wahrung der eigenen Rechte kein Privileg, sondern eine Selbstverständlichkeit für alle ist, die hier leben.
 

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