14.06.2006

Einführung in die Tiefen der Erwerbslosigkeit

zu Jakobs Heins Roman „Herr Jensen steigt aus“

„Herr Jensen steigt aus“ von Jakob Hein - dieses Buch wirkt wie ein überzeugendes Plädoyer für eine grundlegende Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik, und das ohne dass der Autor jemals in platte Anklage oder Polemik abgleitet. Im Zentrum dieses Romans steht Herr Jensen, der aus einfachen Verhältnissen kommt und jahrelang als Postbote seinen Lebensunterhalt verdiente. Aus dem Studium flog er irgendwann, weil die Entscheidung zwischen zwei interessanten Vorlesungen, die zur selben Zeit angesetzt waren, ihn so sehr blockierte, dass er die Rückmeldung verpasste. Zu Beginn des Buches wird sein Job wegrationalisiert. Auf den darauf folgenden Seiten erlebt der Leser gemeinsam mit dem Protagonisten die Tiefen des Erwerbslosendaseins - wie etwa die Vorfreude auf Partys, die schnell in Ernüchterung umschlägt, weil niemand in der Lage ist, ein anderes Thema als die Arbeitswelt zu finden oder das lange Warten auf dem Amt. Die immer mehr Raum ergreifende bedrückende Stimmung wird gekonnt kontrastiert mit Situationen voller (wenn auch trauriger) Komik. So begegnet Herr Jensen beispielsweise auf dem Arbeitsamt einem ehemaligen Kellner, der nun in einem Weiterbildungskurs fit für die Logistikbranche gemacht werden soll, während Herr Jensen, der selber aus der Logistikbranche kommt, zu einem Kurs „Fit for Gastro“ geschickt wird. Den Höhepunkt dieser nüchtern-absurden Komik bildet die Schilderung eben jenes Weiterbildungskurses, bei dem die Teilnehmer u.a. stundenlang über die Bedeutung des Computers in der Gastronomie aufgeklärt werden, ohne jemals einen Computer zu Gesicht zu bekommen. Besonders deutlich tritt die Absurdität der im Umgang mit Erwerbslosen vorherrschenden Ämterpraxis zutage, als ihn seine Betreuerin zu einem Kurs „Fit for Logistik“ verpflichten möchte. Darauf kann der Protagonist, der jahrelang im Logistikbereich gearbeitet hat, bevor sein Job weggekürzt wurde, nur noch müde antworten: „Ich bin fit für die Branche. Die Branche ist nicht mehr fit für mich.“ Es sind diese Schilderungen, die den Reiz des Werkes ausmachen, dessen Handlung in einem etwas bemüht wirkenden Ausstieg des Protagonisten mündet. Aber welches Ende ist schon passend für einen Roman, der sich in die Tiefen der Erwerbslosigkeit vorwagt?

Vor kurzem erreichte mich per mail die Schilderungen eines jungen Erwerbslosen zur Qualität der Weiterbildung per mail. Diese Zeilen verdeutlichen, dass die literarischen Zuspitzungen nicht allzu weit von der Realität entfernt sein können und sprechen für sich:

„Meine persönliche Bildung kostet mich im Monat gut 20¤. Reine Internetkosten, denn schließlich kann ich mir keine Fachbücher leisten. Bildungsgänge vom Amt her möchte ich auch gar nicht, denn das Bildungsniveau ist unter "aller Sau". Musste da 2mal durch und es war todlangweilig. Ich sagte dem Amt jedes Mal, ich würde nichts lernen. Und als ich selbst nen Lehrgang direkt wollte, sagte man mir (natürlich) ich hätte ja Auffrischungslehrgänge bezahlt bekommen.“

Diese Zeilen aus dem Alltag deuten an, wie viel es zu verändern gilt im Bereich der Arbeitsmarktpolitik. Die Lektüre von Jakob Heins aktuellem Roman liefert für diesen Kampf um die notwendige Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik Ansporn und Motivation zugleich, ohne dass der literarisch-ästhetische Genuss dabei zu kurz kommt.

(erschienen im Linksblatt, Juni 2006)

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