03.07.2019

FAQ zu den Vorschlägen für ein Anti-Ramsch-Gesetz

Bei der Diskussion der Vorschläge gegen Wegwerfkapitalismus habe ich einige Fragen immer wieder gehört. Diese will ich hier kurz beantworten.

Stimmt es überhaupt, dass die Wegwerfproduktion zugenommen hat?

Dies ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Die Zahl der Haushaltsgroßgeräte, die aufgrund eines Defekts bereits innerhalb der ersten fünf Jahre ersetzt wurden, hat sich zwischen 2004 und 2013 mehr als verdoppelt und lag bei 8,3 Prozent. (Oehme et al. 2017, S. 2) Fast jedes zehnte Haushaltsgroßgerät ging also innerhalb der ersten 5 Jahre kaputt. Wissenschaftliche Studien über die Produktlebensdauer haben zum Beispiel für die Niederlande gezeigt, dass die Lebens- und Nutzungsdauern der untersuchten Produktgruppen zurückgegangen sind. (Prakash et al. 2016, S. 24)

Deutschland steht bei der jährlichen Elektroschrottproduktion pro Kopf weltweit an fünfter Stelle – noch vor den USA und Japan. 22,8 kg sind es pro Einwohner.[1] Fast 30 Prozent der von der EU in afrikanische Länder exportierten Altgeräte kommen aus Deutschland. (Balde 2017, S. 45)

Liegt das Problem nicht beim Verbraucher, Stichwort „Geiz ist geil“?

Wie schon angedeutet können Verbraucher oft nicht die Reparierbarkeit von Geräten beurteilen. Es sind die Geschäfts- und Vermarktungsmodelle von Herstellern und Händlern, die für Wegwerfproduktion maßgeblich sind. Studien zeigen, dass es insbesondere bei Elektrogeräten bei den Verbrauchern Unzufriedenheit mit der Lebensdauer der Produkte gibt.

Rund ein Drittel der Befragten einer Studie zu den Eigenschaften von Waschmaschinen, Fernsehgeräten, Notebooks, Wasserkocher und Handmixer waren unzufrieden mit der Lebensdauer der Produkte. (Oehme et al. 2017, S. 2) 11 Prozent der Befragten geben an, dass das Produkt eine viel zu kurze Zeit funktioniert hat, und 19 Prozent hätten eine längere Benutzungszeit erwartet. (Oehme et al. 2017, S. 7)

Das Problem liegt also nicht beim Verbraucher, sondern bei den Produktionsverhältnissen. Deswegen sprechen wir nicht von Wegwerfgesellschaft, sondern vom Wergwerfkapitalismus.

Was tut die Bundesregierung gegen Wegwerfproduktion?

Bisher nicht viel. Zwar gibt es einen vom Bildungsministerium geförderten Forschungsbereich[2], der sich dem Thema widmet. Aber konkrete politische Umsetzungen sind bisher überaus dürftig. Konkrete außerparlamentarische Initiativen wie die Petition „Recht auf Reparatur“, die immerhin 108.000 Unterschriften zusammengebracht hat, wurde mit den Stimmen von Regierungskoalition und FDP abgebügelt.[3] Aus Sicht der Regierungskoalition: Kein Bedarf.

Sind Langlebige Produkte nicht teurer und benötigen einen größeren Ressourceneinsatz?

Im Gegenteil. Wegen fehlender Standards müssen arme Haushalte doppelt zahlen. Auch wer ein kostengünstiges Produkt kauft, muss damit rechnen können, dass dies nicht sofort kaputt geht.

Führt eine lange Lebensdauer dazu, dass sich Innovation z.B. energiesparende Geräte langsamer durchsetzen?

Beim heutigen Stand der Energieeffizienz von neuen Produkten sind Produkte mit langer Nutzungsdauer in der deutlichen Mehrzahl der Fälle umweltfreundlicher und ressourcenschonender, weil sie den zusätzlichen Herstellungsaufwand für neue Produkte vermeiden. Bei Waschmaschinen liegt der Energieaufwand und das Treibhausgaspotenzial bei einer 5 Jahre genutzten Maschine um rund 40 Prozent höher als bei einem 20 Jahre nutzbaren Gerät.

Die Standards für gute Reparierbarkeit sorgen in der Regel auch für bessere Recyclingfähigkeit, da Geräte leichter auseinandergenommen werden können.

Literaturverzeichnis

Antrag der Abgeordneten Ralph Lenkert, Eva Bulling-Schröter, Caren Lay, Herbert Behrens, Karin Binder, Heidrun Bluhm, Roland Claus, Kerstin Kassner, Sabine Leidig, Michael Leutert, Dr. Gesine Lötzsch, Thomas Lutze, Birgit Menz, Dr. Kirsten Tackmann, Hubertus Zdebel und der Fraktion DIE LINKE: Längere Lebensdauer für technische Geräte -Drucksache 18/9179-. Online verfügbar unter http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/091/1809179.pdf.

Balde, Cornelis P.; Forti, Vanessa; Gray, Vanessa; Kuehr, Ruediger; Stegmann, Paul (2017): The Global E-waste Monitor 2017. Quantities, Flows and Resources. Bonn, Genf, Wien (United Nations University, International Telecommunication Union, and International Solid Waste Association). Online verfügbar unter https://globalewaste.org/wp-content/uploads/2018/10/Global-E-waste-Monitor-2017.pdf.

Eisenriegler, Sepp (2015): Obsoleszenz – Ein Impuls aus Österreich. In: Tobias Brönneke und Andrea Wechsler (Hg.): Obsoleszenz interdisziplinär: Vorzeitiger Verschleiß aus Sicht von Wissenschaft und Praxis. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, S. 289–308.

Jaeger-Erben, Melanie; Winzer, Janis; Marwede, Max; Proske, Marina (2016): Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit. Ursachen und Alternativen für Kurzlebigkeit in der „Wegwerfgesellschaft“. In: Holger Rogall, Hans Christoph Binswanger, Felix Ekardt, Anja Grothe, Wolf-Dieter Hasenclever, Ingomar Hauchler et al. (Hg.): Im Brennpunkt: Ressourcenwende - Transformation zu einer ressourcenleichten Gesellschaft. Marburg: Metropolis Verlag (Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie, 5.2016/2017), S. 91–122.

Koebler, Jason (2019): Apple Is Telling Lawmakers People Will Hurt Themselves if They Try to Fix iPhones. Vice motherboard. Online verfügbar unter https://www.vice.com/en_us/article/wjvdb4/apple-is-telling-lawmakers-people-will-hurt-themselves-if-they-try-to-fix-iphones.

Oehme, Ines; Jacob, Anett; Cerny, Lisa; Fabian, Matthias; Golde, Michael; Krause, Susann et al. (2017): Strategien gegen Obsoleszenz : Sicherung einer Produktmindestlebensdauer sowie Verbesserung der Produktnutzungsdauer und der Verbraucherinformation. Für Mensch & Umwelt. Hg. v. Deutschland. Umweltbundesamt. Fachgebiet Ökodesign, Umweltkennzeichnung, umweltfreundliche Beschaffung und Deutschland. Umweltbundesamt. Fachgebiet Rechtswissenschaftliche Umweltfragen (Herausgebendes Organ). Dessau-Roßlau (Position). Online verfügbar unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2017_11_17_uba_position_obsoleszenz_dt_bf.pdf.

Plenarprotokoll 17/234, Stenografischer Bericht, 234. Sitzung. Beratung des Antrags der Abgeordneten Ralph Lenkert, Karin Binder, Eva Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Ressourcenschutz durch Vorgabe einer Mindestnutzungsdauer für technische Produkte - Drucksache 17/13096. Online verfügbar unter http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/17/17234.pdf#P.29391.

Prakash, Siddhartha; Deutschland / Umweltbundesamt; Deutschland / Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit; Öko-Institut (Hg.) (2016): Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung : Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen "Obsoleszenz" ; Forschungskennzahl 3713 32 315, UBA-FB 002290. Texte ; 2016, 11 (Für Mensch & Umwelt). Online verfügbar unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_11_2016_einfluss_der_nutzungsdauer_von_produkten_obsoleszenz.pdf.

Schridde, Stefan (2015): Geplante Obsoleszenz lässt sich stoppen : Frankreich macht es der EU vor und will Hersteller bestrafen, die absichtlich schlechte Waren produzieren. In: Umwelt aktuell : Infodienst für europäische und deutsche Umweltpolitik (2), Seite 2 - 3.

Wieser, Harald; Tröger, Nina (2015): Die Nutzungsdauer und Obsoleszenz von Gebrauchsgütern im Zeitalter der Beschleunigung. = The use-time and obsolescence of durable goods in the age of acceleration. Wien: Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. Online verfügbar unter https://www.arbeiterkammer.at/infopool/wien/Bericht_Produktnutzungsdauer.pdf.

 

Fußnoten

[1] https://globalewaste.org/map/

[2] https://challengeobsolescence.info/

[3] Hausding, Götz: Kein Bedarf für "Recht auf Reparatur". Online verfügbar unter https://www.bundestag.de/presse/hib/580974-580974; Recht auf Reparatur: Petition mit 108.000 Unterschriften übergeben. Online verfügbar unter https://www.heise.de/make/meldung/Recht-auf-Reparatur-Petition-mit-108-000-Unterschriften-uebergeben-4234204.html.

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