01.04.2019

Ein Recht auf Innehalten

Warum es ein gesetzlich garantiertes Sabbatical braucht und wie es abgesichert sein muss.

„Muße ist eine Haltung. Sie ist eine Haltung, so wie Sopran oder Alt eine Tonlage sind und kein Gesang. Sie ist eine Haltung des Heraustretens aus dem Mahlwerk des unmittelbar Nützlichen. Sie ist Innehalten. Sie ist Betrachtung des Alltäglichen von einer übergeordneten Warte aus. […] Muße ist dabei nichts Isoliert-Einzelnes. Sie zielt auf Gemeinschaft. Sie zielt auf Gemeinsamkeit. Sie zielt auf Zugehörigkeit […].“

Diakonie Texte Strategie: Armut Macht Ohnmacht, 2018

Das Recht auf Innehalten - Überlegungen zu gesetzlich garantierten Sabbaticals

Ein Diskussionspapier von Katja Kipping

Für viele klingt es wie ein Traum. Oder wie etwas geradezu Unanständiges. Einfach mal eine Auszeit von all dem Stress, all der beruflichen Routine zu nehmen. Und das, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie man finanziell über die Runden kommt.
Gesetzlich garantierte Sabbaticals könnten genau dies ermöglichen.

In einer Zeit, wo der Stress zunimmt, wo stressbedingte Erkrankungen zunehmen, ist dies umso wichtiger. Ein Sabbatical ermöglicht es Menschen, auch mal aus dem Hamsterrad auszusteigen oder einer stressbedingten Krankheit vorzubeugen.

Im Zuge des technischen Fortschritts verändert sich die Erwerbsarbeitswelt in wachsender Geschwindigkeit. Das stellt an die Beschäftigten verschiedene Anforderungen, z.B. sich beständig weiterzubilden oder auch mal neu zu orientieren. Eine Gesellschaft, in der Sabbaticals zur alltäglichen Kultur gehören, erleichtert dies und eröffnet Möglichkeiten dazu.

Die Wünsche eilen der Wirklichkeit voraus

Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass die Wünsche der Menschen der Wirklichkeit in dieser Frage vorauseilen.

„Eine temporäre Auszeit aus dem Beruf, für einige Monate oder sogar ein ganzes Jahr, ist für viele Beschäftigte in Deutschland interessant. Verschiedene Studien belegen, dass sich rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland eine solche Auszeit wünscht.“ Dies ist nachzulesen in der Sabbatical-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.[1]

Warum wollen so viele ein Sabbatical?

Die Gründe für eine solche Auszeit sind unterschiedlich: „Die Weltreise, die oft als der typische Grund für eine Auszeit vom Beruf dargestellt wird, ist nur einer von vielen Beweggründen. Im Vordergrund stehen auch Interessen an Kinderbetreuung, Pflege, Weiterbildung, beruflicher Umorientierung oder einfach nur an einer längeren Erholung vom Arbeitsalltag.“[2]

Eine Onlinestudie gibt weitere Motive für mögliche Sabbatzeiten an:

„Vorneweg liegen mit je 57 Prozent der Wunsch zu reisen und mehr Zeit für sich und seine Interessen zu haben. Knapp dahinter wollen viele neue Perspektiven und zu sich selbst finden (54 %).

Fast bedenklich: Die Hälfte der Befragten will mit der Auszeit ein Burnout überwinden oder einem vorbeugen. Mit etwas Abstand folgen dann Sprachen lernen (30 %), das Leben grundlegend verändern (21 %), die Unzufriedenheit mit dem Job (20 %) oder der privaten Situation (13 %). 12 Prozent wollen diese Zeit für die berufliche Weiterbildung nutzen.“ [3]

Quelle: siehe Fußnote 3.

Was hindert Deutsche daran, tatsächlich eine berufliche Auszeit zu nehmen und den Wunsch in die Tat umzusetzen?

Es sind verschiedene Gründe, die ein Sabbatical verhindern, oft ist es das fehlende Geld. Die Sabbatical-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung bemerkt: „Viele halten […] eine solche Auszeit aus betrieblichen oder finanziellen Gründen nicht für realisierbar.“[4] In einer Onlinestudie wird zu den Hinderungsgründen festgestellt: „Fast die Hälfte der Befragten (48 %) nennt hier die Finanzierung. Ihnen fehlt das Geld. Mehr als ein Viertel gibt an, dass dieser Wunsch am Einspruch des Arbeitgebers scheitern würde. Jeweils knapp 17 Prozent sehen einerseits die familiäre Situation und andererseits die Angst vor einem Karriereknick als entscheidende Hindernisse. Männer haben hier gegenüber Frauen mit 67 zu 33 Prozent deutlich mehr Angst, ihre berufliche Zukunft durch ein Sabbatical zu gefährden.“[5]

Nur Privilegierte können sich Auszeiten leisten, obwohl viele sie bräuchten

Die oben zitierte Sabbatical-Studie spricht eine deutliche Sprache:

„Sabbaticals stellen ein wichtiges Element der lebensverlaufsorientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik dar. Sie ermöglichen individuell gesteuerte Auszeiten für Weiterbildung, berufliche Umorientierung, Kinderbetreuung, Pflege oder Erholung. Derzeit können Sabbaticals in Deutschland nur im Rahmen individueller Anspar- und Finanzierungsmodelle realisiert werden, die mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren sind. Die Nutzung hängt damit vom betrieblichen Angebot und den verfügbaren Ressourcen der Beschäftigten ab und fällt insgesamt eher gering und selektiv aus.“[6]

„In den letzten 20 Jahren ist ein Anstieg der Arbeitszeiten, Arbeitsintensivierung und Arbeitsbelastungen zu verzeichnen (Seifert 2010; Beermann 2010). Damit nimmt für die Beschäftigten das Risiko von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit zu. In Deutschland haben 2009 rund 1,5 Mill. Menschen Erwerbsminderungsrente bezogen. Nach einer Schätzung der Betriebskrankenkassen betragen die Kosten von Krankheit durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz ca. 6,3 Mrd Euro pro Jahr. Längere Auszeiten zur Erholung können einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Gesundheit, Arbeitsmotivation und Produktivität im Erwerbsverlauf leisten. Vor dem Hintergrund der Anhebung des gesetzlichen Rentenalters gewinnt diese Funktion zusätzlich an Bedeutung.“ [7]

Gesetzlich garantierte Sabbaticals: Ein Programm für die Entprivilegierung von Auszeiten

Gesetzlich garantierte Sabbaticals sind ein Instrument der Arbeitszeitverkürzung und der besseren individuellen Vereinbarung von Erwerbsarbeit und unterschiedlichen Wünschen nach Erholung, Umorientierung und Bildung.

Im Wahlprogramm der Partei DIE LINKE steht dazu:

„Sabbatjahre für alle: Beschäftigte sollen zweimal in ihrem Berufsleben die Möglichkeit haben, für ein Jahr auszusteigen (Sabbatjahr). Damit verbunden ist ein Rückkehrrecht auf den gleichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz. Die Sabbatzeiten können auch als kleinere Auszeiten von drei bis sechs Monaten genommen werden.“

Diese Forderung aus dem Wahlprogramm sollten wir stärker in die gesellschaftliche Debatte einbringen und durch konkrete Eckpunkte untersetzen.

Vorschläge für die Ausgestaltung des Rechts auf Auszeiten

  1. Alle Beschäftigten haben das Recht auf eine sozial abgesicherte Auszeit  von einem Vierteljahr bis zu einem Jahr. Als Faustregel sollte gelten: Jede/r Beschäftigte hat das Recht, zweimal  in seinem/ihrem Berufsleben ein Sabbatjahr zu nehmen.
  2. Es besteht dabei ein Rückkehrrecht auf den gleichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz.
  3. Zur Höhe der steuerfinanzierten Absicherung während des Sabbaticals: Innerhalb eines bestimmten Rahmens sollte die Sabbat-Absicherung in Analogie zum Elterngeld 65 Prozent vom letzten Netto-Lohn betragen Die Untergrenze ist analog der Höhe der Mindestsicherung anzusetzen. Aktuell betrüge sie 1050 Euro im Monat. Die Nettomaximalhöhe sollte wie beim Elterngeld ausfallen, dieses wird aktuell bei  1.800 Euro gedeckelt. Je nach Höhe des bisherigen Lohns liegt die Sabbatical-Absicherung also zwischen 1050 und 1800 Euro im Monat.
  4. Die Sozialversicherungsleistungen (KV/PV, RV) werden steuerfinanziert analog der Mindestsicherungsregelung. Anwartschaftszeiten, Bezugsdauer und Anspruchshöhe bezüglich Arbeitslosengeld I werden durch die Auszeiten nicht beeinflusst.
  5. Die Sabbatical-Absicherung ist eine individuelle Leistung.
  6. Tarifliche Regelungen oder betriebliche Vereinbarungen, die über diesen Mindeststandard liegen bzw. zusätzliche Regelungen zu Auszeiten enthalten, sind Angelegenheit der Tarifpartner*innen.
  7. Zusätzliche arbeitsmarkpolitische Regelungen sind begrüßenswert: Es sollte die Möglichkeit gefördert werden, dass Erwerbslose für den Zeitraum der Auszeit an Betriebe vermittelt werden. Dies wäre eine Möglichkeit, Brücken aus der Erwerbslosigkeit in den ersten Arbeitsmarkt zu bauen. Dazu sind Instrumente der Arbeitsförderung und Qualifizierung zu nutzen bzw. weiterzuentwickeln.
  8. Träger der Sabbatical-Leistung könnte eine Abteilung Qualifizierung und Muße bei der Bundesagentur für Arbeit sein.

Ein gesetzlich garantiertes Sabbatical ist von vielen gewünscht, bisher können aber nur wenige Privilegierte eine solche Auszeit realisieren. Für dieses Recht auf Auszeit, für das Recht auch mal innehalten zu können, gilt es nun gesellschaftlichen Druck zu entfalten.

Immerhin geht um eine sehr kostbare Ressource, die in unser aller Leben begrenzt ist: Es geht um Zeit fürs Leben.

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[1] Philip Wotschack, Claire Samtleben, Jutta Allmendinger (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hrsg.): Gesetzlich garantierte ‚Sabbaticals‘ – ein Modell für Deutschland? Argumente, Befunde und Erfahrungen aus anderen europäischen Länder, Berlin 2017, S.1; https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/gesetzlich_garantierte_sabbaticals.pdf

[2] Ebenda.

[3] Ergebnisse aus Fittkau & Maaß Consulting (2015): 41. W3B-Studie, in: Größte deutsche Sabbatical-Studie: Fast jeder 2. Deutsche will eine Auszeit vom Job nehmen, https://www.wimdu.de/blog/groesste-deutsche-sabbatical-studie

[4] Philip Wotschack, Claire Samtleben, Jutta Allmendinger, a.a.O., S. 1.

[5] Siehe Fußnote 3.

[6] Philip Wotschack, Claire Samtleben, Jutta Allmendinger, a.a.O., Zusammenfassung.

[7] Ebenda, S. 4.

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