18.03.2019

Gegen die Zeit

Christa Wolf wäre heute 90 Jahre alt geworden

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1027-300 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA 3.0

Heute wäre Christa Wolf 90 Jahre alt geworden. „Gegen die Zeit, die Helden braucht, richten wir nichts aus.“ – mit diesen unheroischen Worten endet der Roman Kassandra von Christa Wolf. Dieser Satz, dieser Roman, ihre Bücher haben mich maßgeblich geprägt.

Der Satz ist zugleich der Abschied zwischen den beiden Liebenden Aineias und Kassandra. Als das Ende von Troja naht, plant er mit einer Gruppe die Stadt zu verlassen, um anderswo eine Zukunft zu beginnen. Sie hingegen entscheidet sich zurück zu bleiben, weil sie seine Verwandlung zu einem Standbild nicht miterleben will.

Was für ein unheroisches Ende für einen Roman, der von dem Kampf um Troja handelt. Aus der griechischen Mythologie kennen wir den Kampf um Troja als Geschichte von kämpfenden Männern, als Geschichte von Heroen wie Hektor, Achill, Paris. Christa Wolf hingegen wählt in ihrem Roman einen anderen Zugang. Sie erzählt diese Geschichte aus der Sicht der Frauen, vor allem aus der Perspektive von Kassandra, der Königstochter und Priesterin. Laut Mythologie bestraft durch die Gabe, das Kommende vorherzusehen und zugleich immer auf Menschen zu stoßen, die ihr nicht glauben. All die aus der griechischen Mythologie bekannten Figuren und Ereignisse tauchen auch in diesem Roman auf, doch Kassandra handelt mitnichten nur von blutigen Kämpfen und Vergewaltigungen. Es ist vielmehr die Geschichte von widerständiger und sinnlicher Gemeinschaft, von Lebensfreude jenseits des Hofes.

Auch in diesem Roman zeigt sich das besondere Geschick von Christa Wolf, mit einfachen Dialogen Gewissheiten zu erschüttern. Dialogen wie diesen: „Und wie steht es mit Dir?“ „Wieso mit mir? An wem ich mich vergangen habe? Ich die Schwache? An all diesen Stärkeren?“ „Wieso hast du sie stark werden lassen?“ Schwäche schützt nicht vor Schuld.

Im Angesicht ihres sicheren Todes schaut Kassandra am Ende des Romans zurück, und erkennt, wie alles begann, der Krieg um ein Phantom. Die schöne Helena. Die niemals jemand zu Gesicht bekam.

„Wann Krieg beginnt, kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde unter anderen Sätzen: Lasst Euch nicht von den Eignen täuschen.“

 

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