20.09.2018

Helden im Alltag

Wie ein Kleingärtner ins Visier von Neonazis geriet

„Ich will doch eigentlich nur einen Verein von Radieschen-Anpflanzern verwalten.“ sagt Steffen Pätzig und blickt auf die Fahne seines Dresdner Kleingartenvereins. Ein Held wollte er nicht sein. In zwei Jahren feiert diese Anlage ihr hundertjähriges Bestehen. An einem der letzten warmen Spätsommertage treffe ich ihn und ein weiteres Mitglied des Vereinsvorstandes in der Kneipe der Kleingartenanlage. Wir trinken Kaffee und Cola. Herr Pätzig ist über 50 und ist offensichtlich ins Visier der Rechten geraten. Immer wieder hängen Zettel in der Anlage und auf dem Weg dahin, auf denen er verunglimpft wird. Auf einem Aushang waren er, seine Frau, Angela Merkel und Jogi Löw nebeneinander abgebildet und mit der Parole versehen: Sofort zurücktreten! Eines Morgens hingen an seiner Gartentür Boxhandschuhe. Das wirkt bedrohlich. Auch auf der Toilette seines Sportvereins wurde er schon von rechten Gestalten bedroht. Doch die beließen es nicht bei Drohungen: Als er eines Abends als letzter im Dunklen vom Vereinsheim aufbrach, lauerten ihm Unbekannte auf und schlugen ihn bewusstlos. Das Ermittlungsverfahren der Polizei verlief im Sande. Erst als er an die Öffentlichkeit ging und linke wie grüne Abgeordnete Nachfragen stellten, wurde das Verfahren offensichtlich wieder aufgerollt.

Steffen Pätzig diente einst bei der NVA, später im Sanitätsdienst bei der Bundeswehr. „Ich war für Deutschland in zwei Kriegen.“ sagt er. Er machte eine Ausbildung zum Röntgenassistent. Ordnung in den Parzellen ist ihm als Vereinsvorsitzender wichtig. Wie gerät jemand, der so gar nicht wie ein Antifa-Aktivist aussieht, geschweige denn spricht, ins Visier rechter Truppen?

Als der Vorstand seines Kleingartenvereins erfuhr, dass sich in der Gaststätte der Spartenanlage regelmäßig Rechtsextreme, NPD-Kader und Mitglieder der Freien Kameradschaft Dresden trafen, traf er eine Entscheidung. Die Entscheidung sich zu positionieren. Gegen rechts, gegen die NPD-Kader – und das öffentlich. Inzwischen betreibt ein neuer Wirt die Vereinsgaststätte und die NPD-Kader gelten dort als nicht willkommen. Damit begann sein Leidensweg.

Spurlos ist das nicht an ihm vorbeigegangen. "Es gibt Tage da kann ich wegen Panikattacken nicht aus dem Haus gehen." Doch aufgeben will er nicht. Der Vorstand steht an seiner Seite. Natürlich habe man zwischendurch diskutiert, ob es taktisch klüger wäre, ihn mal für eine Weile aus der Schusslinie zu nehmen und einen anderen zum Vorsitzenden zu wählen. Doch dann sei ihnen bewusst geworden, dass es den rechten Banden nicht um Herrn Pätzig persönlich gehe, sondern um bloße Einschüchterung all jener, die sich klar gegen rechts positionieren. Das könne jeden treffen. Also entschieden sie, zusammenzuhalten. Er freut sich über all die Gartenfreunde, die die Hetzplakate gegen ihn frühmorgens abhängen. Als wir gehen ist er schon wieder im Gespräch mit eine weiteren Kleingärtnerin. Man schätzt ihn hier, als einen der Verantwortung übernimmt, der anpackt.

Menschen wie Steffen Pätzig sind die wahren Helden des Alltags. Seine Mut, seine entschiedene Positionierung gegen rechts sind gerade in Zeiten wie diesen, in Zeiten des Rechtsrucks, so wichtig. Wie viel schwerer hätten es die Rechten, wenn alle so klar in ihrem Auftreten wären wie er.

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