28.06.2018 / Katja Kipping

Über Gummibärchen, die Unkultur der 90-Stunden-Woche und die Vier-in-einem-Perspektive

Gedanken zum Leben als Mutter und Politikerin

„Mama hat zwei Arbeiten – auf der einen gibt es Gummibärchen bei Bärbel und auf der anderen ein Spielzimmer mit vielen Pferden.“ Meine sechsjährige Tochter hat da sehr klare Vorstellungen von den Unterschieden zwischen Fraktion und Partei. Parlament - das ist das Haus, wo es Gummibärchen gibt (und zwar direkt vorm Eingang zum Plenarsaal an der Sitzecke, dort wo die Fraktionsmedienberaterin sitzt). Partei – das ist das Haus mit dem Spielzimmer voller Plastikpferde. Ihre Freude über das eine wie das andere ist so liebenswert, dass sich alle Gedanken daran verbieten, dass das eine kariesfördernd und das andere nicht wirklich pädagogisch wertvoll ist.

Als ehrenamtliche Parteivorsitzende, Bundestagsabgeordnete und Mutter muss ich viele Anforderungen unter einen Hut bringen. Da bleibt es nicht aus, dass ich die Kleine auch mal zu einem Nachmittags- oder Wochenendtermin mitnehme.

Das ist nicht immer stressfrei. Schön ist: mit dem Anliegen, die verschiedenen Anforderungen zu vereinen, bin ich nicht allein. Immer mehr junge Eltern wollen bewusst Politik und aktive Elternschaft verbinden und müssen gelegentlich auch mal die Kinder mitbringen. Das verändert das Klima (wie ich finde, positiv) und schafft vor allem eine neue Selbstverständlichkeit.

Lange Zeit waren im Bundestag nur Väter, die die Erziehungsarbeit fast komplett auf ihre Partnerinnen abwälzten bzw. Mütter, deren Kinder schon groß waren. Dies hat sich geändert.

Als ich Mutter wurde, war es in meiner Partei zum Glück schon Standard, dass zu allen Vorstandsitzungen und Parteitagen Kinderbetreuung angeboten wird. Die Kids kennen sich inzwischen auch untereinander gut. Und egal was gerade im Vorstand so diskutiert wird, man kann sicher sein, eine Gruppe in der Parteizentrale hat Spaß. Wenn es ihr mal keinen Spaß macht, muss ich sie zur Not mit dem Angebot locken, dass sie währenddessen auf dem Tablet Filme schauen darf. Zu meinem großen Glück, macht es ihr meist Spaß mitzukommen.

An den Samstagen, an denen wir zusammen zum Parteivorstand fahren, steht sie oft schon fünf Minuten vor der Zeit angezogen und mit gepacktem Spielzeugkoffer im Flur und drängelt mich. Etwas, was unter der Woche früh nie passiert. Dann bin ich diejenige, die drängelt.

Solche herzerwärmenden Erlebnisse können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass politisches Engagement und aktive Elternschaft nicht immer leicht zu vereinen sind. Zumindest, wenn aktive Elternschaft ausdrücklich mehr meint, als das gelegentliche gemeinsame Frühstück. Männliche Spitzenpolitiker berichten ja gerne stolz über dieses gemeinsame Frühstück, während oft unerzählt bleibt, welche Zuwendung und Sorgearbeit ihre Partnerinnen wegtragen.

Ist das überhaupt unter einen Hut zu bringen: Parteivorsitz und Mutter einer kleinen Tochter? Immerhin folgt solch ein Amt einer anderen Zeitlogik, ohne klaren Dienstplan. Ständig gibt es neue Entwicklungen, die zeitnah kommentiert werden müssen. Abendtermine sind keine Seltenheit und nicht nur bei Koalitionsverhandlungen stehen nächtelange Verhandlungen an.

Nun ja, irgendwie haben wir es bis hierher geschafft. Dabei war für mich Folgendes unverzichtbar: die gerechte Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen meinem Mann und mir, eine gute, wohnortnahe Kita sowie eine offensive Haltung, die sich bei mir aus dem politischen Ziel der Vier-in-Einem-Perspektive speist.

Abenteuer Kita-Suche

Einen Kita-Platz zu bekommen, gehörte zu den großen nervenaufreibenden Abenteuern der Elternschaft. Ich habe angefangen, meine Tochter in Kitas anzumelden, als ich im vierten Monat schwanger war. Jede Kita hatte andere Vorstellungen, wie man sich melden soll. Die einen meinten, es wäre schön, wenn wir uns vierteljährlich per Mail melden. Andere wollten bloß keine Mails, wir sollten lieber anrufen. Wieder andere meinten, wir sollten mit Kuchen zum Sommerfest kommen. Ich habe zum Glück Erfahrung im Organisieren von Prozessen. So habe ich mir also in meinem Kalender jeweils eingetragen, wann ich wo wieder eine Mail schreiben oder einen Anruf tätigen muss. Jedes Mal habe ich mir beim Formulieren der Mails den Kopf darüber zerbrochen, wie ich mit besonders wertschätzenden Formulierungen, Pluspunkte bei der Kita-Leitung sammeln könnte. Und dann war da ständig diese Ungewissheit: Was machen wir eigentlich, wenn wir überall eine Absage bekommen?

Als ich dann Parteivorsitzende wurde, hatte ich den Eindruck, dass das irgendwie unkomplizierter gelaufen war, als die Suche nach einem Kitaplatz. Zum Glück endete die Suche damit, dass wir einen Kitaplatz in einer tollen öffentlichen Kita bekamen.

Doch die Erfahrung dieser Kitaplatzsuche hat sich fest in meinem Kopf eingeschrieben. Ich bin mir sicher, dass Finanzpolitiker mit dieser Erfahrung, womöglich andere Prioritäten setzen würden. Auch darum geht bei dem Einsatz für bessere Vereinbarkeit von politischem Engagement und aktiver Elternschaft: an entscheidenden Stellen sollten Menschen sitzen, die um all die Nöte von Eltern aus eigenem Erleben wissen.

Fifty-Fifty –  Keine Emanzipation der Frauen ohne eine Emanzipation der Männer

Meinen Mann und mich verbindet ein nie endendes Gespräch über die notwendige grundlegende Veränderung dieser Gesellschaft. Zu den Verhältnissen, die umzuwerfen sind – so unsere Überzeugung – gehört u.a. die patriarchale Arbeitsteilung. Eine Wurzel des Patriarchats gründet in der ungerechten Aufteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern. Dazu gehört, dass Frauen hierzulande im Schnitt doppelt so viel unbezahlte Sorgearbeit und Familienarbeit wegtragen, während Männer immer noch überproportional die höher bezahlten und einflussreicheren Jobs innehaben. Um dies zu überwinden, muss sich ökonomisch, im Erwerbsarbeitsleben und in den gesetzlichen Regelungen viel ändern. Die Überwindung der Arbeitsteilung ist jedoch auch ein Kulturkampf, eine Kampfansage an Gewohnheiten, die die alltäglichen Entscheidungen in einem stärkeren Maße prägen, als vielen bewusst ist.

Für uns war deshalb von Anfang an klar, dass wir uns fifty-fifty in die Familienarbeit reinteilen. Die eigene Praxis kann auch andere motivieren, patriarchale Rollenmuster in Frage zu stellen. Die Emanzipation der Geschlechter ist ein Abenteuer. Und wie es mit Abenteuern eben so ist: nicht immer läuft alles glatt. Manchmal frustet die Terminplanung, manchmal stellen wir überrascht fest, dass die alten Rollenmuster auch in uns ihre Spuren hinterlassen haben. Unterm Strich hat dieses gemeinsame Abenteuer jedoch sowohl unsere Liebe wie  das Elternsein zu neuen aufregenden Gefilden gebracht.

Wider die Un-Kultur der 90-Stunden-Woche

Natürlich ließen sie nicht lange auf sich warten, all die Fragen, wie ich denn das alles unter einen Hut bekommen will: eine kleine Tochter und Parteivorsitz. Eine Krönung war die vor Vorwürfen triefende Frage eines Parteimitglieds, ob man jetzt das Jugendamt verständigen müsse wegen drohender Kindeswohlvernachlässigung. Hätte er diese Frage auch einem jungen Vater gestellt?

Mütter in Führungspositionen können sich faktisch nur zwischen zwei Übeln entscheiden: Entweder stehen sie unter Verdacht, eine Rabenmutter zu sei, die alle Aufgaben auf Kindermädchen abwälzt. Oder sie seien eher faul im Job bzw. der Aufgabe nicht gewachsen.

Für mich stand deshalb von Anfang an fest: ich fange erst gar nicht an, mich defensiv zu verteidigen. Ich gehe in die Offensive. Nicht die Mütter, die beides unter einen Hut bringen, müssen sich verteidigen. All jene, die in der Politik einen Standard setzen, der nur erfüllbar ist, wenn alle Familien- und Sorgearbeit auf andere abgewälzt wird, müssen es tun.

Hand aufs Herz: Wer schafft schon eine Sieben-Tage-Woche von früh bis nachts? Selbst wenn man keine Kinder hat, geht das nur zu dem Preis der völligen Aufgabe eines Lebens neben der Politik, nur um den Preis der Aufgabe aller tieferen zwischenmenschlichen Beziehungen jenseits der Politik. Und wollen wir wirklich, dass zentrale Entscheidungen von Menschen getroffen werden, deren einziger Lebensradius die Politik ist?

Die 7-Tage-Politik-die-Woche sowie die  90-Stunden-Woche für Führungspositionen als Standard ist eine Unkultur, die es zu ändern gilt. Nicht nur für Eltern, auch einfach damit auch Spitzenpolitiker*innen Zeit haben für Freundschaften, für die Sorgen von Angehörigen (seien sie klein oder groß) sowie für die Beschäftigung mit anderen Bereichen wie Literatur und Kunst. All das kann helfen, eingefahrene Wege zu verlassen und gelegentlich die Perspektive zu wechseln.

Ich selber habe deshalb von Anfang an klar gemacht: Termine nach 16 Uhr und am Sonntag sind begründungpflichtig. Natürlich gibt es viele Termine abends und am Wochenende, die notwendig  sind. Doch gerade deshalb achte ich bei Terminen, die wir selber ansetzen, darauf, dass sie möglichst mit Kitaöffnungszeiten vereinbar sind. Nicht nur meinetwegen, sondern auch wegen der Mitarbeiter*innen, die Kinder haben oder vielleicht darüber nachdenken und die sich nicht einfach einen privaten Babysitter buchen können. Nicht derjenige, der sein Kind aus der Kita abholen will, muss sich rechtfertigen, sondern diejenigen, die einen Termin am Abend oder am Sonntag ansetzen.

Spätestens dann, wenn Politiker in Rente gehen, neigen vor allem Männer dazu, rührende Geschichten darüber zu erzählen, was sie wegen ihrer Arbeitspflicht alles verpasst haben: den ersten Zahn, die Elternabende der Kinder, die Sommer im Schwimmbad… Dieses Bedauern (dann wenn es zu spät ist) und der Dank an die eigene Frau, die all das weggetragen hat, sollen sympathisch wirken. Aber es bringt das ganze Dilemma patriarchaler Arbeitsteilung auf den Punkt.

Meine Tochter kommt nun bald in die Schule. Wenn immer ich mit ihre Fotoalben anschaue, spüre ich, wie schnell die Zeit vergeht. Diese Zeit ist nicht zurückzudrehen. Es war doch erst gestern, dass wir den Schnuller nach langen Verhandlungen an den Osterhasen abgegeben haben. Ich versuche deshalb immer wieder im Alltag mit ihr ganz bewusst innezuhalten und die kleinen Glücksmomente zu genießen. Zum Beispiel dieses Gefühl, wenn ich es geschafft habe, vor ihr wach zu werden und mich zum Wecken noch mal zu ihr ins Bett kuschele und einfach beobachte, wie sie sich reckt und streckt und im neuen Tag ankommt.

#EssinddiekleinenDinge und das Unplanbare, die reinhauen

Oft sind es die kleinen Dinge, die einen an den Rande des Leistbaren bringen. Als ich nach der Mutterschutzzeit zurück im Bundestag war, hatte meine Tochter einen Stillrythmus von drei Stunden. Die Ausschusssitzungen, die ich als Ausschussvorsitzende damals zu leiten hatte, dauerten in der Regel auch drei Stunden. Dieser Rhythmus  führte dazu, die Babysitterin oder mein Mann für 30 Minuten ein zunehmend lauter seine Milch einforderndes Baby im Arm hielten und der Ausschuss eine zunehmend unruhiger werdende Leitung hatte. Zum Glück verlängerten wir dann bald den Stillrhythmus auf vier Stunden.

Was wirklich reinhaut ist das Unplanbare. Kinderkrankheiten richten sich nun mal nicht nach den Plänen politischer Ereignisse. Es kann jeder Zeit passieren, dass der Husten just dann zuschlägt, wenn der Vater auf einer Konferenz außerhalb ist und ich am nächsten Tag eine wichtige Pressekonferenz habe. Meine Fähigkeiten im Überschminken von Augenringen sind mit der Zeit deutlich besser geworden.

Aber nicht alles lässt sich so leicht überschminken und nicht alles ist spurlos an mir vorbeigegangen. Die schlafarmen Nächte haben mein Immunsystem ganz schön angegriffen und der Stress hat meinen Bandscheiben nicht gerade gut getan. Und im Gegensatz zu vielen anderen war ich noch sehr privilegiert. Immerhin musste ich als Abgeordnete mir keine materiellen Sorgen machen. Während viele Alleinerziehende nicht nur mit ihrer Zeit, sondern auch mit dem Geld  knapp haushalten müssen. Eine Alleinerziehende sagte mir mal, sie fühle sich wie eine Jongleurin bei all den verschiedenen Einkommensquellen: aufstockende Sozialleistungen, Erwerbsarbeitseinkommen, Unterhalt, Kindergeld. Solange alle Bälle in der Luft sind, geht es irgendwie. Sobald nur ein Ball fällt, ein Antrag mal falsch bearbeitet wird, fällt das gesamte System zusammen.

Damit alle aktive Elternschaft und politisches Engagement verbinden können, müssen wir noch viele Veränderungen erkämpfen.

Die Vier-in-Einem-Perspektive

Vor einigen Tagen bat die Initiative Equal Care Day verschieden Politikerinnen einen Brief an ihre zukünftigen Enkelkinder zu schreiben. Ein schöner Anlass, um zu thematisieren, dass Frauen immer noch doppelt so viel Sorgearbeit wegtragen.

Mein Brief an mein Enkelkind bzw. an seine Generation endet mit folgenden Zeilen:

„Ich wünsche Dir natürlich, dass Du auch Zeit für Dich und für die Muße hast. Dass Du zum Beispiel einfach auf dem Sofa in einem tollen Buch schmökern kannst, ohne dass Dir vor Müdigkeit sofort die Augen zufallen.  Du weißt ja, bei Deinen Großeltern zu Hause gibt es für Dich nicht nur Süßigkeiten (bei dem Thema sind ja Eltern fürs Erziehen zuständig, während Großeltern sich aufs Verwöhnen konzentrieren können), sondern auch Regale voller toller Bücher. Und wenn Du etwas älter bist, leihe ich Dir gerne ein Buch aus, das mich sehr inspiriert hat und das mir gerade dann, wenn es sehr stressig wurde, sehr geholfen hat: Die Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug. Deine Mutter durfte als Mädchen diese tolle Frau noch persönlich kennenlernen. Frigga  hat sich dafür eingesetzt, dass im Leben von Männern und Frauen gleichermaßen Platz ist für vier gleichwertige Tätigkeitsbereiche: erstens Erwerbsarbeit, zweitens politische Einmischung, drittens Familien- bzw. Sorgearbeit und viertens Muße bzw. die Beschäftigung mit Kunst.

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