28.06.2018 / Katja Kipping

1968 war, bevor die 7.000 Panzer kamen

Prager Frühling Heute vor 50 Jahren wurde mit dem Manifest der 2.000 Worte ein radikaler demokratischer Aufbruch gewagt.

Die Bundesrepublik verhandelt ihr Selbstbild gerade an „den '68ern“: Die einen sehen darin ein Schicksalsjahr, in dem sich die Bundesrepublik den muffigen Autoritarismus aus den Kleidern schüttelte – und die anderen, nie verschwundenen Autoritären ätzen mit bösartiger Lust gegen die „links-grün Versifften“. So vergiftet diese Debatte oft ist, möchte man fast meinen: Lieber ein unsachlicher als gar kein Disput. Denn während dutzende Bucherscheinungen, hunderte Feuilletonartikel und tausende Twitter-Posts sich der innerdeutschen Befindlichkeitsdebatte widmen, herrscht in Bezug auf den radikalen Aufbruch 1968 in Prag oder überhaupt das osteuropäische 1968 tiefes Schweigen.

Die Erinnerung an den Frühling 1968 in Prag setzt hierzulande – wenn überhaupt – erst im Spätsommer ein: nicht als unsere tschechischen und slowakischen Nachbarn die Opfer der stalinistischen Schauprozesse rehabilitierten, nicht als die Zensur aufgehoben wurde. Und auch nur selten heute, da der tschechische Schriftsteller Ludvík Vaculík vor genau 50 Jahren sein Manifest der 2.000 Worte veröffentlichte. Die spätsommerliche Wiedergewinnung des Erinnerungsvermögens widmet sich beinahe ausschließlich dem zweiten Teil des „tollen Deals“, wie es sarkastisch in einem tschechischen Witz heißt: Dem unfreiwilligen Tausch von Vaculíks 2.000 Worten gegen 7.000 sowjetische Panzer im späten August.

Dies festzustellen, richtet sich nicht gegen die Erinnerung an die sowjetische Invasion, sondern gegen die Ignoranz gegenüber dem, was sie zerstören sollte. Die militärische Gewalt wollte ja gerade etwas niederwalzen, das im Entstehen begriffen war, und das der Schriftsteller Milan Kundera bezeichnete als den Versuch eines „Sozialismus ohne Geheimpolizei, mit einer öffentlichen Meinung, die gehört wird, und mit einer Politik, die sich auf diese stützt, mit einer sich frei entfaltenden modernen Kultur und mit Menschen, die die Angst verloren haben“. Die sowjetische Invasion war es, die eben diesen Versuch dem Vergessen anheim geben wollte.

Zwischen stalinistischer Melancholie und kapitalistischem Marktzynismus

Warum fokussiert sich heutige Erinnerung an das osteuropäische 1968 allein auf dessen Ende und ist so ignorant gegenüber dem Ereignis selbst? Die Einigkeit der Autoritären der verschiedenen ideologischen Lager ist sicher nur ein Aspekt, wenngleich ein wichtiger. Wenn die späten, sich treu gebliebenen Stalinisten noch heute in randständigen Leserbriefspalten und in Vorträgen vor Kleinstgemeinden Gleichmeinender mit Verve die Litanei der „tschechischen Konterrevolution“ herunterbeten, sind sie sich mit zynischen Marktliberalen in einem einig: Beide bagatellisieren den aufziehenden tschechoslowakischen Sozialismus von 1968 zu einer Episode auf dem Weg in den Turbokapitalismus bürgerlichen Rechts.

Die stalinistische Melancholie bedauert, dass der sowjetische Einmarsch den kapitalistischen Durchmarsch 20 Jahre später nicht verhinderte, statt zu begreifen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte. Der Marktzynismus hingegen sieht in einer nicht-marktkonformen Demokratie nur naive Spinnerei, eine Episode auf dem unaufhaltsamen Siegeszug des mal mehr mal weniger liberalen Kapitalismus.

Einig sind sich die beiden Strömungen nur in ihrer Überzeugung der Alternativlosigkeit: Es gibt, wenn überhaupt, nur die Wahl zwischen autoritärer Marktfreiheit und autoritärer Staatswirtschaft. Wenn sich Ideologen so unterschiedlicher Lager einig sind, liegen sie wahrscheinlich beide falsch.

Kein Ruf nach kapitalistischer Vertragsfreiheit

Der Prager Frühling war kein Ruf nach besserer Konsumgüterversorgung mit kapitalistischer Vertragsfreiheit. Der Kampf um die Freiheit von Rede und Kunst war vielmehr als Voraussetzung für die Demokratisierung aller Lebensbereiche gedacht. Die Ökonomie und damit die Frage von Produktionsverhältnissen und Arbeitsbedingungen gehörte selbstverständlich dazu.

Im Manifest der 2.000 Worte formuliert Vaculík: „Wir können mehr Geld fordern — das sich drucken und damit entwerten läßt. Fordern wir lieber die Direktoren und Vorsitzenden auf, uns darzulegen, was und für wieviel sie produzieren, wem sie was zu welchem Preis verkaufen wollen, wieviel davon für die Modernisierung der Produktion investiert wird und was verteilt.“

Das Ansinnen dieses radikalen Aufbruchs, der anders als oftmals im Westen keine Jugendbewegung war, sondern alle Generationen ergriff und in Betrieben und Gewerkschaftsgruppen genauso wie in den Universitäten stattfand, ist bis heute uneingelöst. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben und arbeiten, sind heute jedenfalls nicht durch kollektive und individuelle Selbstbestimmung geprägt. Im Gegenteil: Das Desinteresse an den öffentlichen Dingen, der Zynismus gegenüber den Verhältnissen, die, wie Vaculík schrieb, die Gesundheit und den Charakter seelisch gefährden, feiert in Europa fröhliche Urständ. Die bleierne Müdigkeit hat auch viele, die in Westdeutschland durch die Institutionen marschierten, ergriffen.

Der aktuelle öffentliche Diskurs, der sich nur noch darum dreht, wer wie, wo und von wem abgewiesen und ausgegrenzt werden darf, verdient verarmt genannt zu werden. Politik, die sich vor allem in symbolischen Handlungen vollzieht, produziert Überdruss. Den gedanklichen Reichtum und die Lust am gesellschaftlichen Experiment für das der Prager Frühling steht, sollte man deshalb nicht den verdienstvollen Verfassern des halben Dutzend Bücher zum Jubiläum allein überlassen. Beginnen wir damit, bevor der Herbst kommt.

 

Der Beitrag erschien am 27. Juni 2018 im Freitag.

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