05.05.2018

200 Jahre Karl Marx: Auf ins Abenteuer Marx-Lektüre

Karl Marx, großartiger Gelehrter, Publizist und politischer Aktivist hätte sein Lebenswerk wohl nie vollbracht, wenn seine Frau Jenny von Westphalen und sein Freund Friedrich Engels ihn nicht praktisch und finanziell unterstützt hätten. Oder wenn nicht Helena Demuth, die Haushälterin der Familie Marx und Mutter eines Sohnes von Karl Marx, für das Notwendige alltägliche Leben gesorgt hätte. Marx Leben selbst, lässt uns also bereits über Fragen nach Armut und Reichtum, nach der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die freie Entwicklung des Menschen nachdenken.

In diesem Jahr feiern wir Karl Marx‘ 200. Geburtstag. Das Interesse an seiner Biografie ist nach wie vor groß. Dafür sorgen auch bemerkenswerte Verfilmungen wie Der junge Karl Marx, der kürzlich im Kino lief. Über die Gültigkeit seiner Schriften wird heute leidenschaftlich gestritten. Ich meine: Marx Schriften sind heute aktueller denn je. Wer seine Texte in Angriff nimmt, den erwartet keine gefällige, leichte Lektüre, wie wir sie von romantischen Abenteuerromanen kennen. Wer Marx liest, den erwartet vielmehr ein Lektüre-Abenteuer, das das eigene Denken und Handeln voranbringt. Schließlich enthält sein Werk zum einen eine brillante Analyse gesellschaftlicher und ökonomischer Prozesse. Zum anderen entwirft sein Werk Handlungsziele, die uns auch heute Utopie und Leitbild zugleich sein können. Marx analysierte nicht nur voll Leidenschaft das Bestehende, sondern entwarf Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft.

Die freie Entwicklung eines jeden

Zur zukünftigen Gesellschaft  heißt es im Kommunistischen Manifest: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (MEW 4, 482) Für Marx ist die individuelle Freiheit die Voraussetzung für die Freiheit aller. Als Dialektiker ruft er nicht allein die Freiheit des Einzelnen an. Vielmehr geht es ihm um eine Freiheit, die sich der Abhängigkeit der Menschen voneinander bewusst ist, und umgekehrt eine Abhängigkeit, die sich der Autonomie der Individuen bewusst ist.

Dieses dialektische Verhältnis von individueller Freiheit und kollektiver Abhängigkeit führte mich zu dem Ansatz der sozialen Garantien des Lebens. Soziale Garantien des Lebens meint zunächst, alle sollen garantiert vor Armut geschützt sein. Alle sollen materiell so abgesichert sein, dass sie an der Gesellschaft teilhaben können,  zum Beispiel durch ein Grundeinkommen. Das Ziel lautet jedoch ausdrücklich nicht, soziale Isolation und Vereinzelung vor dem Fernseher. Das Ziel der sozialen Garantien ist es vielmehr, die Teilhabe aller an der Gesellschaft, die Mitbestimmung über das Gemeinwesen, kurzum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu befördern. Insofern geht es auch um Zugänge. Nichts isoliert mehr als Armut.

Die Vier-in-Einem-Perspektive

Bei dem Namen Karl Marx denkt kaum jemand an Feminismus. Seine eigene Lebenspraxis war stark von patriarchalen Mustern geprägt. Und doch ist in seinen Schriften etwas angelegt, woran Feministinnen heute anknüpfen können. So heißt es bei ihnen nach Charles Fourier „Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation“ (MEW 2, 208). Zu schade, dass Marx und Engels diesen Ansatz selber kaum weiter verfolgten.

Inzwischen gibt es eine neue Bewegung feministischer Marxistinnen, die ihre Ausführungen zur Arbeitsteilung weiterentwickelt haben zur Vier-in-einem-Perspektive. Dieser von Frigga Haug entwickelte Ansatz zielt darauf ab, dass es vier gleichwertige Tätigkeitsbereiche gibt: erstens Erwerbsarbeit, zweitens gesellschaftliche Einmischung bzw. politisches Engagement, drittens Familienarbeit bzw. Sorgearbeit und viertens die eigene Weiterentwicklung, z.B. durch die Beschäftigung mit Kunst, oder schlichtweg für Muße. In der heutigen Gesellschaft sind diese Tätigkeiten ungerecht verteilt. Die Muße kommt im Leben vieler gar nicht mehr vor. Frauen leisten durchschnittlich doppelt so viel unbezahlte Familienarbeit wie Männer. Viele Beschäftigte leiden unter Überstunden, während es anderseits Langzeiterwerbslose gibt. Die Demokratie wird viel zu sehr von Berufspolitikern bestimmt. Kurzum, hier gilt es einiges umzukrempeln. Und zwar in Richtung einer Gesellschaft, in der im Leben von Männern und Frauen alle vier Bereiche gleichermaßen viel Raum haben. Dies setzt eine Umverteilung der Tätigkeiten voraus, auch zwischen den Geschlechtern. Das bedeutet zum Beispiel, die liebevolle Familienarbeit nicht länger den Männern vorzuenthalten. Wenn alle Tätigkeitsbereiche gleich viel Raum einnehmen, bedeutet das natürlich auch, die Erwerbsarbeitszeit so zu reduzieren, dass alle die Zeit haben, um sich in die Gesellschaft einzubringen.

Die Erde den nachfolgenden verbessert zu hinterlassen

Bekannt ist, dass Karl Marx sich mit der Eigentumsfrage beschäftigte – dem Eigentum an Produktionsmitteln. Weniger bekannt ist, dass er dabei auch die ökologische Frage aufrief. Denn niemand sei – so heißt es im Kapital „Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer … und haben sie den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“ (MEW 25, 784).

Sein ökologischer Imperativ lautet also, die Erde den nachfolgenden Generationen so zu hinterlassen, dass auch sie gut darauf leben können. Sowohl der Staatssozialismus, der sich ja bekanntlich auf Marx berief, wie die kapitalistischen Gesellschaft wurden und werden diesem Ansatz in keiner Weise gerecht. Wenn die globale Erwärmung weiter geht, werden Hunger, Krankheiten und Ressourcenkriege zunehmen. Die Folgen des Klimawandels werden zur Fluchtursache Nummer eins der Zukunft. Klimagerechtigkeit hat also höchste Priorität. Schon allein, damit wir die Erde den nachfolgenden Generationen überhaupt noch lebenswert hinterlassen.

Alle Verhältnisse umzuwerfen

Die aktuellen Krisen wie der drohende Klimakollaps, der Crash der Finanzmärkte, die durch Elend und Kriege erzwungenen Fluchtbewegungen und die sozialen Verunsicherungen führen uns heute mit aller Nachdrücklichkeit vor Augen, dass sich etwas grundlegend ändern muss. Zwei Jahrhunderte, einige technische Revolutionen, mehrere Kriege und gesellschaftliche Umbrüche später, steht vor uns immer noch die Aufgabe, die Marx wie folgt formulierte: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, 385).

Auf den Schultern von Riesen

Allein die angeführten Zitate zeigen, Marx Werk hat uns auch heute viel zu sagen. Und das nicht weil seine Prognosen komplett frei von Irrtümern wären. Auch geniale Analytiker können mal zu Fehlschlüssen kommen. Im Nachhinein ist es ein Leichtes, es besser zu wissen. Auf den Schultern von Riesen können halt selbst Zwerge besser sehen.

Der Marx-Kenner Robert Misik bringt es wie folgt auf den Punkt bringt: Es gibt keine bessere Weise, denken zu lernen, als Marx zu lesen. Denn Denken, das an Marx geschult ist, ist besser immunisiert gegen Verzagtheit und Vereinfachungen.[1] Insofern ist Marx 200. Geburtstag ein guter Anlass sich auf das Abenteuer zu begeben, diese Welt zu verändern. Im Gepäck sollte Marx nicht fehlen.

[1] Robert Misik: Marx für Eilige. Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 2003. S. 132 f.

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der Printausgabe der LVZ, 1. Mai 2018

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