04.05.2018

Kompass statt Navi

Frigga Haug und ich zum 80. Geburtstag

Frigga Haug zum 80. Geburtstag
Berlin, 3. Mai 2018

[Es gilt das gesprochene Wort]

Manche meinen, um in Spitzenpositionen bestehen zu können, lohnt es Niccolò Machiavelli zu lesen. Nun wird der Autor des Fürsten oft trivialisiert und aus dem Kontext seiner Intentionen wiedergegeben. Die simplifizierte Reduktion seines Werkes auf reinen Machterhalt blendet sein historisches Anliegen aus: die Einigung Italiens. Doch jenseits der historischen Dimension, liefert sein Werk mir wenig Rüstzeug für den Alltag, das sich adäquat ins heute übersetzen lässt.

Die Schulungen bei Frigga hingegen haben mich gestärkt, mir ein theoretisches Fundament gegeben, nicht als Dogma, aber als verlässliche Basis, um aktuelle und hektische Entwicklungen einordnen zu können. Die Schulung in dialektischem Denken und Handeln immunisiert in ganz besonderer Weise gegen die Versuchung, auch in konfliktreichen Situationen Menschen in Freund-Feind-Kategorien unveränderbar einzuordnen. Dann doch besser mit Brecht jeweils ein liebendes Abbild von ihnen machen, ohne naiv zu sein, sondern sehr wohl um Gegnerschaften zu wissen und diese einordnen zu können.

Alles ist im Fluss – diesen dialektischen Leitsatz lernten wir auf der ersten Dialektikwoche mit Blick auf das wogende Meer. Was ausdrücklich nicht heißt, dass der Lauf des Flusses unveränderbar vorgegeben ist. Vielmehr befähigte die Beschäftigung mit Dialektik, Friggas Art zu denken und zu schreiben, darin, den Lauf des Flusses zu verändern, gemeinsam auf ein neues Flussbett hinzuarbeiten.

Nah- und Fernziele verbinden

Eine Erkenntnis aus den „Unterhaltungen über den Sozialismus nach seinem Verschwinden“ (Herausgegeben vom Institut für kritische Theorie Berlin), an denen auch Frigga und Wolfgang Haug teilnahmen, lautet: Nahziele müssen mit dem Fernziel, mit der größeren Perspektive verbunden werden.

Das heißt praktisch: Wissend um den Alltagsverstand, verankert in alltäglichen Auseinandersetzungen, immer darauf zu achten, sich nicht im Hamsterrad der alltäglichen Abwehrkämpfe komplett zu verausgaben und dabei die Orientierung zu verlieren.

Vielmehr kommt es darauf an, die alltäglichen Auseinandersetzungen in ein Verhältnis zu den weitreichenden Zielen zu setzen, zu schauen, inwieweit jeder Schritt im Heute bereits die Brücke in eine andere, bessere Zukunft sein kann.

Bei Rosa Luxemburg, deren Werke Frigga Haug nicht nur mir in ganz besonderer Weise nahegebracht hat, heißt diese Praxis revolutionäre Realpolitik.

Dabei muss man sich von allen linken Überhöhungen verabschieden, irgendjemand könne am Tisch das Bild der perfekten Gesellschaft und den genauen Weg dahin entwerfen. Nein der Weg dahin wird – wie es der Titel von Friggas Buch zum Marxismus-Feminismus so treffend auf den Punkt bringt – im Gehen erkundet.

Das macht es riskant, weil es keine 100prozentigen Gewissheiten gibt, weil jeder Schritt Teil einer Erkundung ist.

Wir leben in Zeiten, in denen man mit dem Navi auf dem Smartphone jedes Ziel idiotensicher ansteuern kann.

Da kostet es Überwindungen sich, lediglich mit einem Kompass ausgestattet, auf Erkundungen einzulassen. Doch der Kompass ist mehr als nur eine ungefähre Ahnung, er ist zugleich Ausgangspunkt und Vision für unsere politische Praxis.

An Widerständen durch deren Studieren wachsen

Die linke Geschichte ist nicht allein eine Geschichte von Erfolgen und Siegen. Ganz im Gegenteil. Und auch die aktuelle linke Politik ist weniger von heroischen Momenten als mehr von Herausforderungen, gelegentlichen Rückschlägen unsererseits und hegemonialen Landgewinnen der Rechten im Kampf um die Deutungshoheit geprägt.

Darüber verzweifelt so mancher, darüber werden einige zynisch, darüber wenden einige ihre negative Energie gegeneinander oder treten nach unten.

Frigga Haugs Lektüre legt einem einen anderen Umgang damit nahe: Auch im Scheitern und im Moment des Rückschlages zu studieren und daraus im Studieren der Ereignisse noch etwas zu gewinnen und sei es schlichtweg Erkenntnis.

Als Frigga Professorin in Hamburg  war, erlebte sie die Neoliberalisierung der Hochschulen. Und wie verarbeitet sie das? Nun, sie schrieb zwei Krimis: Jedem nach seinen Leistungen Jedem nach seinen Bedürfnissen (erschienen in der Ariadne-Krimi-Reihe)

Übrigens wirklich packende Krimis. Und da Krimis zu meiner bevorzugten Urlaubseinstiegslektüre gehören, meine ich mir da ein Urteil anmaßen zu können.

Wer eigentlich genau für die Leiche im Uniklo verantwortlich war, habe ich inzwischen vergessen. Unvergessen bleibt mir aber die Szene einer Kollegiumsbesprechung, in der sich hochbezahlte Professor*innen stundenlang über die Vergabe finanzieller Mittel streiten.

Im Sinne der angeblichen Partizipation debattieren sie darüber, ob das kleine Budget eher für Dienstreisen oder eher für Publikationen verwendet werden soll und verlieren darüber völlig aus den Augen, dass es eine generelle Mittelkürzung gibt.

Von Frigga habe ich auch gelernt, dass schon bei der Fragestellung, die Weichen in die falsche Richtung gestellt werden können. Es reicht nicht allein zu fragen Was ist? Sind die Menschen dafür oder dagegen?

Eingreifendes Denken und Handeln beginnt mit den Fragen: Was soll sein und was können wir tun, damit es so wird. In ihrem 2015 erschienenen Werk „Der im Gehen erkundete Weg“ heißt es: „Hier lässt sich nämlich studieren, gegen welche Barrikaden und sichere Festungen sich die kleine feministische Pflanze auch im Marxismus herausarbeiten musste.“ (Der im Gehen erkundete Weg, S.4)

Mit diesem Studieren ist das wirklich so eine Sache in Friggas Texten und Friggas Sprechen. Nachdem ich dies einmal verinnerlicht hatte, kann ich manchmal auch Widerständen und Angriffen etwas Produktives abgewinnen: etwas, das es zu studieren gilt – nicht im Studierzimmerchen, sondern in direkter Auseinandersetzung, um daran zu wachsen und zu reifen.

Marxismus und Feminismus vereint

Anlässlich eines früheren runden Geburtstages von Frigga schrieb ich: „Sie war Feministin und Marxistin in einer Zeit, wo sich beide oft misstrauisch bis ablehnend gegenüberstanden und sie ist es heute in einer Zeit, wo es schon ein Verdienst wäre, nur eines davon geblieben zu sein.“

Das Verhältnis von Marxismus und Feminismus war lange Zeit sehr konfliktreich. Frigga Haug hat es vielen ermöglicht, sich nichtsdestotrotz als marxistische Feministinnen bzw.  feministische Marxistinnen, kurz Fem-mas, zu verstehen.

Die Zeitschrift Luxemburg hat einen Artikel von mir zu dem Thema mit der prägnanten Überschrift versehen: Femma statt Emma.

Und diese Vereinigung von marxistischen und feministischen Ansätzen ist ausdrücklich nicht als ideologisch verordnete Zwangsheirat vonstattengegangen. Vielmehr hat sie uns gelehrt, die Widersprüche zwischen beiden produktiv zu machen.

Zusammen haben wir herausgearbeitet, wo wir bei Marx und Engels anknüpfen können: Bei der Methode der Dialektik, dem schonungslosen Analysieren des Bestehenden. An Aussagen, wie dass der  »[…] Grad der weiblichen Emanzipation […] das natürliche Maß an allgemeiner Emanzipation« sei. (Heilige Familie)

Wie bedauerlich, dass Marx diese Spur nicht weiterverfolgte. Ich sprach beim Auftaktpodium darüber. Übrigens: auch die Ökologiebewegung, kann bei Marx fündig werden. So heißt es doch im Kapitel: niemand sei – „Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer … und haben sie den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“ (MEW 25, 784).

Die Erde, die Natur den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen. – Wie wenig wurde dieser Grundsatz im Staatssozialismus beachtet. Wie sehr hart er seiner Verwirklichung. Dazu gehört auch, laut Frigga, die Sichtung aller Tätigkeiten darauf hin, welche überhaupt notwendig sind.

Die Vier-in-Einem-Perspektive

Dieses Zusammendenken von Marxismus und Feminismus mündete bei Frigga Haug in die Entwicklung der 4in1-Perspektive. Diese zielt darauf ab, dass im Leben von Frauen und Männern und allen, die nicht in die Zwei-Geschlechter-Ordnung passen gleichermaßen Zeit ist für die vier gleichberechtigten Tätigkeitsbereiche: 1. Erwerbsarbeit; 2. Sorgearbeit bzw. Familienarbeit 3. Politische Einmischung bzw. gesellschaftliches Engagement 4. Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Muße oder Weiterbildung.

Oh wie hat mich diese Perspektive begeistert. Und oh wie hat diese Perspektive Genossen und auch so manche Genossin in der Partei aufgeregt. Umverteilung von Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern – ja wo kommen wir denn dahin? Das müssen die Leute doch unter sich regeln! Was für ein esoterischer Kram – gehörte zu den eher freundlichen Einwänden.

Einer der Höhepunkte in der Debatte bestand darin, dass ein männliches Mitglied des Parteivorstandes im Brustton der Überzeugung erklärte: Er wisse gar nicht, wie man pro Tag so viele Stunden mit Haus- und Familienarbeit zubringen könne. Ausräumen von Spülmaschine und Waschmaschine anstellen, das sei doch in wenigen Minuten erledigt.

Nun hätte man entnervt darüber verzweifeln können, dass Familienarbeit oder Carearbeit auf das An- und Abstellen von Maschinen reduziert wird. Geschult an Frigga nahmen wir Frauen von der Dialektikgruppe es mit Humor.

Wir wissen, dass Sorgearbeit so viel mehr ist: Nicht nur das Wechseln von Windeln und Füttern von Kindern, sondern auch auf einander achten, Familienfeste durchführen, für Nachbarn da sein, einander zuhören, kurzum: der Wärme zwischen den Menschen im Alltag Raum geben.

Für mich war und ist diese Perspektive ein wunderbares Leitbild, ein Kompass für ein gutes Leben, gleichermaßen für Frauen und Männer.

  • Die real existierende Arbeitswelt,
  • das auf Profit und Konkurrenz ausgerichtete Wirtschaftssystem,
  • die real existierende politische Praxis und ja
  • kulturelle Prägungen wie Geschlechterrollen und
  • der Topos der affektiven Überarbeitung

stehen dem noch im Wege.

Jede Woche gleich viel Zeit zu haben – nicht nur im Job oder für die Familie, sondern auch für politische Einmischung und Muße – das erscheint vielen noch illusionär.

Und zugleich begeistert es, macht Appetit auf grundlegende Veränderung, letztlich geht es am Ende um ein gutes Leben für alle und das erfordert, dass wir uns mit all den Unterdrückungsverhältnissen anlegen müssen.

Einige in unserer Partei meinen, mit sowas (sie sprechen das mit sehr spitzen Fingern aus) ließen sich keine Wahlen gewinnen. Ich möchte deshalb mit Euch eine Beobachtung teilen. Bei sehr vielen Kundgebungen in großen Städten vor Hunderten bis tausenden Leuten so wie in kleinen Städten in Einkaufspassagen mit viel Laufpublikum, habe ich im Wahlkampf 2017 immer wieder darüber gesprochen, wie wichtig die Umverteilung der Tätigkeiten ist. Auch die zwischen den Geschlechtern.

Ich sagte dann oft: Als Mutter einer kleinen Tochter weiß ich sehr genau, wie wunderbar, wie sinnstiftend diese liebevolle Familienarbeit ist. Und ich meine, liebe Frauen, wir dürfen diese tolle Arbeit nicht weiter den Männern vorenthalten. Auch Väter sollten das Recht haben, jede zweite Windel zu wechseln, jeden zweiten Tag das Kind aus der Kita abzuholen, jeden zweiten Abend vor dem Einschlafen vorzulesen.

Da gab es fast immer spontan begeisterten Applaus, gerade auch von Männern, dem ein Innehalten, ein Aha-Effekt vorrausging. Sicherlich es wird auch weiterhin Menschen geben, die sich darüber verächtlich äußern. Ich meine jedoch, in den Herzen und Sehnsüchten der Menschen gibt es Ankerpunkte für die Kämpfe um Zeit.

Ich danke Frigga für die beständige Ermutigung diese Kämpfe um Zeit zu führen – ganz im Sinne eines guten Lebens für Männer und Frauen gleichermaßen und in dem Wissen, dass wir dafür vieles grundlegend verändern, ja, die Verhältnisse zum Tanzen bringen müssen. Fangen wir damit an!

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