04.05.2018

Grad der weiblichen Emanzipation als Gradmesser allgemeiner Emanzipation

Rede zum Auftaktpodium der Konferenz marx200 "Warum Marxist_in sein / werden?

[Es gilt das gesprochene Wort]

Was heißt es eigentlich ein Marxist oder eine Marxistin zu sein? Es heißt vieles, aber es heißt vor allem nicht nur zu wissen, zitieren zu können, sondern zu denken und frei und unbefangen eine Sache zu durchdringen. Ich würde sagen, die Marxologen operieren mit theologischen Wahrheitsätzen, die sie dem MEW entnommen haben, die Marxisten bemühen sich um Offenheit und eine immerwährende Reflexion ihrer Annahmen in den gesellschaftlichen Realitäten. Oder wie es der am 1. Mai verstorbene große Linke Elmar Altvater in einem noch immer sehr lesenswerten Interview in der ZEIT vor ein paar Jahren sagte: „Ich habe meine Positionen stets überprüft und geändert. Ich habe es immer richtig gefunden, radikal zu denken – im guten Sinne. Also an die Wurzel des Problems zu gehen.“ Radikal, auf den Grund gehen, offen für Irrtümer und Neues. Das ist für mich Marxismus.

Und für mich gehört zum Marxismus immer ein weiteres Herangehen dazu. Das ist für mich der Feminismus. Für mich stellt sich die Frage über das Marxist-Sein also auch als Frage nach dem feministische Marxistin zu sein. Und das heißt auch, sich ständig im Widerspruch zu befinden, diese Widersprüche aber nicht einfach glatt zu bügeln, sondern mit ihnen zu arbeiten. Und das war für mich nicht von Anfang an so.

Ich selber bemerkte beim Nachdenken über mein erstes Outing als Feministin und Marxistin, um wie viel zaghafter mein Bekenntnis ausfiel, Marxistin zu sein und wie viel leichter es mir fiel, mich als Feministin zu bezeichnen.
Nicht nur ich war konfrontiert mit den Fragen, voller Selbstzweifel, wie viel Seiten Marx man studiert haben muss, wie viele Textstellen man beständig abrufbar zitieren können muss, um würdig zu sein, sich als Marxistin bezeichnen zu können.

Nicht nur ich war letztlich begeistert über die Formulierung „Marxistin im Werden“. Eine Marxistin im Werden muss nicht fürchten, irgendwann mal wegen mangelnder Textkenntnis als Aufschneiderin überführt zu werden.

Zudem drückt diese Formulierung „im Werden“ so trefflich aus, dass alles im Fluss ist. Welche feine Absage ans Metaphysische!

Und in der Tat, auch das Denken war weiter im Fluss. Beim weiteren Nachdenken fiel mir dann auf, dass sich beim Bekenntnis, Feministin zu sein, ich mir nie die Frage gestellt hatte nach einem Text-Kanon, den es galt vorher zu verinnerlichen.

Bei Lichte betrachtet, eine fragwürdige Hierarchisierung, die ich da unbewusst vorgenommen hatte. Der nach einem Manne benannten Weltanschauung musste man sich durch entsprechendes Studium würdig erweisen. Beim Feminismus reichte die Einstellung?

Eine wirklich fragwürdige Hierarchisierung! Hatten da etwa patriarchale Vorprägungen meine innere Zensorin subtil beeinflusst?

Und ich kam auch nicht umhin, mich zu fragen: Ob wir jeweils ein Doppelleben im Feminismus und Marxismus führten. Unser Kampf gegen die herrschenden Produktions- wie Reproduktionsverhältnisse als Multitasking, als Hin-und Her-Switchen zwischen verschiedenen Akteurinnenrollen?

Heute sitze ich hier und kann voller Überzeugung sagen: „Ich verstehe mich als marxistische Feministin bzw. feministische Marxistin im Werden.“

Im 200. Jahr von Karl Marx‘ Geburtstag wird in Deutschland und auf dem ganzen Globus über diesen Begründer einer Theorie, Aktivisten und Vordenker einer ganzen Bewegung – der internationalen Arbeiterbewegung – geredet, geschrieben und gestritten.

Es gibt viel Lob, viel Anerkennung, aber auch Kritik bis hin zu dem Wunsch der ewigen Verbannung seiner Ideen. So titelte die BILD-Zeitung vor wenigen Wochen „Warum herrscht in Deutschland wieder Marx-Mania?“. Der Titel erinnerte ein bisschen an den ersten Satz des Kommunistischen Manifests „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“. Jenes Manifest, das bis heute eines der meist gelesenen politischen Schriften weltweit ist. Wenn Karl Marx den Redakteuren einer Boulevard-Zeitung immer noch Angst macht, dann kann er nicht alles falsch gemacht haben.

Auf dieser Konferenz geht es uns darum, zu schauen, wie wir an den Erkenntnissen und Errungenschaften von Karl Marx anknüpfen können. Auf diesem Podium möchte ich den Spieß umdrehen und über das sprechen, worüber Karl Marx wenig geschrieben hat. Aber keine Angst. Als marxistische Feministin bin ich weit davon entfernt die Ideen von Karl Marx zu verwerfen.

Vielmehr geht es mir darum, seine Ideen für die Anliegen feministischer Theorien und Bewegungen nutzbar zu machen. Und dieses Anliegen eint viele feministischen Marxistinnen, kurz die Bewegung der Fem-mas. Worüber Marx nämlich sehr wenige Zeilen verloren hat, ist die Perspektive der Geschlechterverhältnisse.

Auch wenn sein Freund und Weggefährte, Friedrich Engels, im „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ versucht, die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau über die Entstehung von Eigentum zu erklären, spielte die geschlechtliche Arbeitsteilung bei Marx eine untergeordnete Rolle.

Und auch bei Engels führte die Verknüpfung der marginalisierten Stellung der Frau mit der Entstehung von Eigentum zu der Annahme, dass sich im Proletariat demnach die Frauenunterdrückung auflösen würde. Denn dem Proletariat würde es ja an Privateigentum und an den Produktionsmitteln fehlen. Wie wir heute wissen, eine dramatische Fehleinschätzung.

Nichtsdestotrotz hat Engels Analyse einen wichtigen Forschungsansatz stark gemacht. Nämlich die Entwicklung der Gesellschaft mit den materiellen und sozialen Entwicklungen zu verbinden.

Bei Marx bzw. in gemeinsamen Texten von Marx und Engels finden sich nur wenige Sätze zur Perspektive der Geschlechterverhältnisse. Dafür aber umso prägnantere. So schreiben sie in der „Deutschen Ideologie“, dass das Verhältnis der Frauen und Kinder zum Mann im Grunde das erste Sklavenverhältnis ist, in dem der Mann über fremde Arbeitskraft verfügt.

Ebenso beziehen sich beide in „Die heilige Familie“ positiv auf den sehr starken Satz von Charles Fourier wonach der »[…] Grad der weiblichen Emanzipation […] das natürliche Maß an allgemeiner Emanzipation« sei.

Ein kategorischer Imperativ. Einer von vieren. Ich komme später gern auch auf die anderen zurück. Schade eigentlich, dass weder Marx noch Engels diesem Verhältnis in ihrer Theorie und Praxis mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es hätte womöglich viele Auseinandersetzungen und Kämpfe um Anerkennung der Frauen in der Arbeiterbewegung und ihren Parteien erspart.

Warum wir Frauen Marx trotzdem unsere Aufmerksamkeit schenken sollten, haben zum Glück viele engagierte Feministinnen in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet. Vielleicht auch nicht immer freiwillig. Denn das Bedürfnis, die vorherrschende Marx-Rezeption zu hinterfragen, sie auseinanderzunehmen und wieder neu zusammenzusetzen, kam nicht allein aus einem rein theoretischen Interesse.

Die vertiefte Auseinandersetzung entstand aus den vielen schmerzhaften Erfahrungen, die Frauen in der Arbeiter- und später der Studierendenbewegung der 1968er machen mussten. Denn innerhalb ihrer Organisationen, stellten sie fest, dass ihre Politik für sie ohne Folgen bleiben würde, wenn sie die männlich dominierte Politik nicht in Frage stellen würden. Während die Männer Wortführer auf den Versammlungen waren, die Tagesordnung und die Aktionen bestimmten, kümmerten sich die Frauen weiterhin mehrheitlich um organisatorische Aufgaben wie das Schreiben der Protokolle, die Hausarbeit und die Versorgung der Kinder.

Sie stellten fest, dass ihre Arbeit im Kapitalismus nicht als Arbeit anerkannt wurde. Arbeit, die nicht entlohnt würde, war demnach keine Arbeit. Marx selbst schrieb in seinen Ökonomisch-Philosophischen Schriften über den Arbeiter: „Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hans.“ Ein Zitat, das viele Feministinnen erzürnte, weil Marx in ihren Augen eben genau jene Ignoranz gegenüber ihren eigenen Tätigkeiten zeigte, wie die meisten Männer um sie herum. Doch meinte Marx hier nicht, dass zu Hause nicht auch gearbeitet wird, sondern, dass der Mensch in der kapitalistischen Produktionsweise von seiner Arbeit entfremdet wird, sich in der Lohnarbeit nicht bei sich fühlt.

Dass das Private auch politisch ist und es im Widerspruch zueinander stehe, wenn die Männer im SDS zwar die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung einforderten, zu Hause aber ihre Freundinnen schlugen, war eine der weitreichenden Erkenntnisse der Frauen der 1968er-Bewegung. Aufgrund der Ignoranz ihrer Männer und den Leerstellen in den Schriften wendeten sich viele Frauen vom Marxismus ab. Doch einige von ihnen, diese mutigen feministischen Marxistinnen, nahmen sich Marx und machten sich seine wissenschaftliche Methode und seine Erkenntnisse zu Eigen.

So arbeiteten sie beispielsweise entlang von Marx Arbeitswertthorie heraus, dass der Wert der Ware Arbeitskraft sich auch nach Kosten entwickle, die für die Reproduktion der Arbeitskraft nötig wären. Das meint also die Kosten für Nahrung, Kleidung, Erholung, Sorge. Deshalb sei es im Interesse des Kapitalisten, jene Kosten möglichst gering zu halten. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung sind es die Frauen, die in entlohnter und nicht entlohnter Sorgearbeit zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft sorgen.

Ihre Arbeiten als möglichst gering zu entlohnen oder gar ganz in den unentlohnten Privatbereich zu verlagern, ist im Sinne er profitorientierten kapitalistischen Produktionsweise. Patriarchat und kapitalistische Ausbeutung wirken hier Hand in Hand. Es ist also kein Zufall, dass die so wertvolle Arbeit am und mit dem Menschen noch heute so schlecht bezahlt wird oder versucht wird, über die Einsparung von Personal Kosten zu reduzieren.

Ein aktuelles Beispiel: Wir erleben gerade in Deutschland einen Pflegenotstand, der nicht nur die Krankenpflegerinnen an den Rand ihrer Belastbarkeit bringt, sondern auch die Gesundheit der Patientinnen aufs Spiel setzt. 100.000 Pflegekräfte fehlen in deutschen Krankenhäusern. Als LINKE haben wir uns die Forderung nach mehr Personal in der Pflege und besseren Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit gemacht.

Ein anderer marxistisch-feministischer Zugang entsteht über die Bedeutung der Produktionssphären im Kapitalismus. Während im Produktionsbereich über die Ausbeutung der Arbeitenden, Profit geschaffen wird, dient der Reproduktionsbereich wie eben beschrieben, lediglich der „Instandsetzung“ der Arbeitenden. So entsteht eine Hierarchisierung der Tätigkeiten und eine gesellschaftliche Abwertung reproduktiver Tätigkeiten wie Kindererziehung, Pflege von Alten oder die Organisation des Haushalts. Damit verbunden, ist also auch eine Abwertung von Arbeiten, die historisch gewachsen, mehrheitlich von Frauen geleistet wird. Ihre Arbeit gilt als selbstverständliche Leistung an die Gesellschaft.

Hinzu kommt, dass die Lohnarbeit einen großen Teil der täglichen Zeit in Anspruch nimmt. Die Debatte um bezahlte Hausarbeit, die in den 1970er Jahren u.a. um Silvia Federici entstand, folgte dem Gedanken, dass im Kapitalismus Anerkennung über Lohn ausgedrückt und auch in der Haus- und Sorgearbeit indirekt Mehrwert produziert würde. Doch die Bezahlung von Hausarbeit allein, würde die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern nicht auflösen, die Stellung der Frau in der Gesellschaft womöglich noch manifestieren.

Dies allein konnte also nicht die Lösung sein. Wenn wir die gesellschaftliche, geschlechtliche Zuordnung und Arbeitsteilung auflösen wollen, müssen wir überhaupt erst die Herausforderungen schaffen, dass sich alle gleichsam in den verschiedenen Tätigkeiten einbringen können.

Es geht also darum, die dominante und zeitintensive Stellung der kapitalistischen Produktion der Lebensmittel anzugehen und Zeit zu schaffen für alle wichtigen Bereiche des Lebens. Dazu gehöre nämlich neben der Produktion der Lebensmittel und der Produktion des Lebens selbst auch noch Zeit für die politische Einmischung, denn wir wollen Schluss machen mit der Stellvertreterinnenpolitik, in der einige wenige über das Leben der Vielen entscheiden. Und nicht zuletzt geht es auch darum, Zeit zu schaffen für die eigene Weiterentwicklung – Zeit zu haben für Muße, Kunst und Bildung.

Diese Perspektive – die 4-in-1-Perspektive wurde entwickelt von jener Frau, die auch heute Abend hier ist und die wir heute im Anschluss an dieses Podium noch gebührend zu ihrem 80. Geburtstag feiern wollen: Frigga Haug.

Allen vier Bereichen menschlicher Tätigkeiten gleich viel Raum zu geben, heißt auch die Verteilung der Zeit für alle Bereiche grundlegend umzukrempeln. Durch die Produktivkraftentwicklung und der gesellschaftlichen Notwendigkeit, wäre es bereits heute möglich die Lohnarbeitszeit auf 4 Stunden zu reduzieren und dafür Zeit zu schaffen, für jeweils 4 Stunden für die anderen drei Bereiche. Es geht also darum, überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen, dass Frauen wie Männer gleich viel Zeit für die vier Bereiche des Lebens haben können. Der Kampf um Arbeitszeitverkürzung ist dabei ein zentraler Kampf, wenn auch nicht der einzige. Bereits Marx schrieb in seinen Grundrissen „Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf.“

Und es wird wieder für Arbeitszeitverkürzung gekämpft. Und das in einer Branche, in der über zwei Drittel Männer arbeiten. Die IG Metall fordert zu Beginn des Jahres die Möglichkeit der Stundenreduzierung auf 28 Stunden für zwei Jahre. Wer für die Erziehung der Kinder oder die Pflege von kranken Angehörigen reduzierte, sollte sogar einen Lohnausgleich bekommen. Rainer Dulger, Gesamtmetall-Präsident kommentierte die Forderung nach einem Lohnausgleich so: »Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben.« Dass der Chef der Arbeitgeberseite,  die Pflege von Angehörigen oder die Erziehung von Kindern als »Nichtstun« bezeichnet, zeugt nur von seiner eigenen Beschränktheit.

Dass aber in einer Branche, in der mehrheitlich Männer arbeiten, der Wunsch, mehr Zeit für die Familie zu haben, lauter wird, zeugt auch davon, dass etwas in Bewegung ist. Jetzt habe ich doch ziemlich viel über das gesprochen, was Karl Marx geschrieben und gedacht hat.

Auch das Leben und Wirken von Marx selbst, bietet Anlass über die Bedingungen freier Entfaltung und Arbeitsteilung, über die Situation von politischen Flüchtlingen zu reflektieren. Als politischer Flüchtling war die Not ständiger Begleiter. Und Schließlich konnte er auch nur so viel Zeit in seine Schriften stecken, weil er von seinem Freund Friedrich Engels regelmäßig vor dem finanziellen Ruin bewahrt wurde und weil seine Frau Jenny Marx zusammen mit der Haushälterin Helene Demuth vollständig die Erziehung der Kinder und die Organisierung des Haushalts wegtrug.

Was Marx wohl zur 4-in-1-Perspektive gesagt hätte? Hätte er mit spitzer Feder als Mann seiner Zeit dagegen polemisiert. Hätte er darin die dialektische Auflösung seiner Arbeiten zur Arbeitsteilung erkannt? Wir werden es nie erfahren.

Aber was wir können, ist mit seinen Erkenntnissen im Gepäck weiter daran zu arbeiten – nicht nur in der Theorie, sondern auch in unserer politischen Praxis – „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

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