30.04.2018

Erster Mai: Für mehr Zeit zum Leben

Her mit dem schönen Leben. Anlegestelle von Prora.

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit oder besser: der internationale Kampftag der Arbeiterklasse. Kampftag, Arbeiterklasse - das klingt heutzutage für viele Ohren ungewohnt martialisch. Doch nur, weil sich die Arbeitswelt in den vergangenen 150 Jahren stark verändert hat, heißt das nicht, dass die Arbeiterklasse verschwunden ist. Sie hat sich eben auch verändert. Aus vielen Arbeitern wurden Angestellte. Die Arbeit am Fließband wurde nach und nach in andere Länder verlagert oder aufgrund technischen Fortschritts durch Computer und Maschinen ersetzt. Bedient werden sie von Menschen.

Noch immer ist der Großteil der Bevölkerung dazu gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können. Sicher, so wie zu Zeiten Karl Marx', dessen 200. Geburtstag wir am 5. Mai feiern, sieht die Arbeiterklasse nicht mehr aus. Sie ist weiblicher, sie ist migrantischer. Man findet sie nicht nur in der Automobilfabrik oder im Tagebau, sondern auch im Krankenhaus, an der Kasse im Supermarkt oder auf dem Fahrrad mit einem Rucksack voll Sushi.

Doch auch, wenn die Arbeiterklasse heute anders aussieht, ihre Kämpfe sind doch grundlegend die selben geblieben. Das zentrale Ansinnen der Arbeiter, zur der Zeit als der 1. Mai als Internationaler Kampftag ausgerufen wurde, war die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag. In Deutschland wurde er 1918 eingeführt. Heute haben wir trotz der 40-Stunden-Woche als Normalarbeitsverhältnis ein ziemliches Ungleichgewicht in der Verteilung von Arbeit. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Zum einen, ist die Erwerbsarbeit auf eine Art verteilt, die für alle Seiten Stress bedeutet. Die einen kommen gar nicht erst auf einen Arbeitsvertrag, der ein existenzsicheres Einkommen garantiert. Gerade im Einzelhandel sind Arbeitsverträge von 10, maximal 20 Stunden die Woche die Regel. Die anderen hingegen, die eine Vollzeitstelle haben, stehen viel zu oft unter dem Druck, Überstunden machen zu müssen, unter dem Druck der ständigen Erreichbarkeit und dem Druck, dass sich die Arbeit immer mehr verdichtet. Irgendwie muss immer mehr Output in den immer noch gleich langen Tag gepresst werden.

Als LINKE fordern wir deshalb ein neues Arbeitszeitmodell, das um die 30-Stunden-Woche kreist. Die Arbeitszeit soll also je nach Lebensphase, gekürzt und wieder verlängert werden können. Wer kleine Kinder hat, möchte seine Arbeitszeit vielleicht gern reduzieren. Insgesamt ist es heute längst möglich, die Arbeitszeit für alle Menschen drastisch zu verkürzen. Die IG Metall hatte in ihrer letzten Tarifauseinandersetzung eine flexible Arbeitszeitreduzierung auf 28 Stunden gefordert. Arbeitnehmer, die Kinder erziehen oder kranke Angehörige pflegen müssen, sollten einen Lohnausgleich bekommen. Eine wichtige Forderung, denn sie erkennt auch die notwendige Arbeit am und mit dem Menschen als Arbeit an. Am Ende ist es nicht so weit gekommen. Die sogenannte Arbeitgeberseite hatte nur wenig Spielraum zugelassen. Aber dennoch hat dieser Arbeitskampf gezeigt, dass der Wunsch nach einer Arbeitszeitreduzierung da ist.

Ich selbst verfolge eine Utopie. Es ist die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug. Sie sieht vor, dass alle Menschen, Frauen wie Männer, gleich viel Zeit haben für die vier wichtigen Bereiche des Lebens: die Lohnarbeit, die Sorge- und Erziehungsarbeit, die politische Mitbestimmung und die Muße, also Zeit für die eigene Kreativität und Entfaltung. Rechnet man Pi mal Daumen 8 Stunden Schlaf dazu, wären das am Tag vier Stunden für jede Tätigkeit. Diese Perspektive dient mir als Kompass. Sie könnte eine Perspektive für die heutige Arbeiter*innenklasse werden. Der morgige Tag der Arbeit ist insofern auch ein Tag des Kampfes für mehr Zeit zum Leben.

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