11.04.2018

„Aufrecht gehen zu lernen ist nicht leicht“

Rudi Dutschkes Fahrrad nach dem Anschlag

Am 11. April 1968, es war ein Gründonnerstag, fuhr Rudi Dutschke mit dem Fahrrad zu einer Apotheke am Kurfürstendamm. Er wollte Nasentropfen für seinen Sohn kaufen. Ein 23-jähriger Mann trat auf ihn zu, zog eine Pistole, beschimpfte Dutschke als „dreckiges Kommunistenschwein“ und drückte dreimal ab. Rudi Dutschke wurde zweimal in den Kopf und einmal in die Schulter getroffen. Er überlebte knapp. Der Täter, Josef Bachmann, war ein organisierter Nazi. In seinem Münchner Zimmer hing ein selbstgemaltes Porträt von Adolf Hitler und er soll an Anschlägen an der damaligen deutsch-deutschen Grenze beteiligt gewesen sein. In seiner Tasche fand die Polizei eine Ausgabe der „Deutschen National-Zeitung“, in der fünf Fotos von Rudi Dutschke in Form eines Steckbriefs mit der Überschrift „Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg!“, gedruckt waren. Bei seiner Vernehmung sagte Bachmann: „Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt. Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke zersägt.“

Die Rechten und Konservativen verabscheuten Rudi Dutschke, der damals der bekannteste Vertreter der Studentenproteste war. Rudi Dutschke konnte, auch wenn er sehr verschachtelt formulierte und im Reden dachte, quasi druckreif sprechen. Er war der bekannteste und charismatischste Redner der 1968er-Bewegung im damaligen Westdeutschland. Dutschke sprach auf Teach-Ins, in Hörsälen, auf der Straße oder auch im Fernsehen. Ich empfehle hier einmal das berühmte Interview, dass Günter Gaus mit dem Studentenführer machte und das mühelos im Internet zu finden ist. Dutschke redete über damals wirklich unerhörte Dinge: Die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft durch eine „Weltrevolution“, den Faschismus im System der alten Bundesrepublik und warum die damaligen Parteien nicht in der Lage gewesen seien, die wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu repräsentieren. Er sann darüber nach, wie eine Revolution in Westeuropa möglich wäre und wie in Westberlin ein Rätesystem funktionieren könnte, er mobilisierte gegen den Vietnamkrieg und verurteilte zugleich die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in der Tschechoslowakei durch die damalige Sowjetunion. Dutschke verehrte Jesus Christus und Che Guevara gleichermaßen, er war ein internationalistischer Sozialist, aber auch ein linker gesamtdeutscher Patriot, der die Meinung vertrat, dass nur eine Wiedervereinigung den Emanzipationskampf in beiden Hälften Deutschland weiterbringen könnte. Rudi Dutschke war Antifaschist und Antistalinist. Er traf in den 1970er Jahren Dissidenten aus der DDR und der Sowjetunion, beteiligte sich an Großdemonstrationen gegen Atomkraftwerke und an der Gründung der Grünen.

Den Anschlag auf Rudi Dutschke darf man nicht nur als die Einzeltat eines Nazis verstehen, sondern er fand in einem gesellschaftlichen Klima statt, in dem ein Großteil der damals in Westberlin meinungsbildenden Zeitungen den prominentesten Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt hatten. Immer wieder waren Dutschke und andere prominente Köpfe der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in Zeitungen auf das Übelste beschimpft worden. Die Überschriften lauteten: „Stoppt den Terror der Jung-Roten!“, „Kein Geld für langbehaarte Affen!“, oder gleich ganz direkt: „Unruhestifter unter Studenten ausmerzen!“

Wenn wir heute, 50 Jahre später, von führenden AfD-Vertretern immer wieder zu hören bekommen, dass „die links-rot-grün-versifften 68er“ dieses Land ruinieren würden und Geflüchtete „muslimische, gruppenvergewaltigende Männerhorden“ seien, sollten wir nie vergessen, wo diese Verrohung der Sprache, diese Missachtung der Menschenwürde und offene Hetze eben auch enden kann.

Rudi Dutschke verlor nach den Kopfschüssen für eine Zeitlang seine Sprach- und Lesefähigkeit. „Aufrecht gehen zu lernen ist nicht leicht“, sagte er über sein neues Leben nach dem Attentat. Am 24. Dezember 1979 erlitt er im dänischen Aarhus als Spätfolge des Anschlags einen epileptischen Anfall und ertrank in seiner Badewanne. Am 2. Januar 1980 wurde er in Berlin beerdigt. 6.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit.

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