09.03.2018

Man muss sich halt die Zeit nehmen, mit den Menschen zu reden

Besuch der Dresdner Tafel im März 2018

„So ziemlich jeder hier hat seine Macke. Aber wir haben für jede Macke eine Aufgabe.“ So bringt es einer der Ehrenamtlichen bei der Dresdner Tafel auf den Punkt. Er, der von den anderen liebevoll „Hausi“ genannt wird, kam einst über einen Ein-Euro-Job für hausmeisternahe Dienstleistungen zur Tafel. Als die Maßnahme auslief, ist er geblieben.

Seit vielen Jahren stehe ich in einem Austausch mit der Tafel in Dresden und habe über die Jahre verschiedene Ausgabestellen besucht. Mein heutiger Tafel-Besuch stand auch im Zeichen der Debatte um die Ereignisse bei der Essener Tafel. Der Leiter in Essen hatte entschiedenen, vorerst nur noch deutsche Bedürftige anzunehmen. Plötzlich war die Situation an den Tafel in allen Medien präsent. Genaugenommen schaffte es das Thema Tafel erst prominent in eine der großen Talkshows, als es ein Flüchtlingsthema wurde. Allein dieser Umstand sagt viel aus über die Situation in Deutschland im Jahr 2018.

Kennt Ihr die Probleme, die der Essener Tafelchef beschreibt, will ich wissen und erfahre, mit wie viel Einsatz und wie viel Empathie die Ehrenamtlichen in Dresden die Ausgabe organisieren. In Dresden hat man sich für ein anderes Vergabesystem entschieden. Es gibt keine fertigen Pakete für die Tafelgäste, vielmehr können die Bedürftigen wie durch einen Laden laufen und selber entscheiden, welche Produkte sie mitnehmen. „Wäre doch Verschwendung, wenn wir Vegetariern Wurst einpacken“, meint einer der Freiwilligen. Jeder soll selbst entscheiden, welche Produkte er will. Am Ende wird für jedes Produkt ein kleiner symbolischer Preis erhoben. Und wenn es mal beispielsweise weniger Käse gibt, stehen ein bis zwei Freiwillige daneben und orientieren darauf, dass jeder Tafel-Gast nur ein Stück nimmt. Zu den Ausgabezeiten stehen zwei Ehrenamtliche am Eingang, so kommt es nicht zu Schubsereien. Und wenn mal einer wirklich Ärger macht, wird für die konkrete Person Hausverbot verhangen. Aber das hat nichts mit der Herkunft zu tun. Ganz im Gegenteil, unter den Freiwilligen sind auch Migrantinnen und Flüchtlinge. Von Anfang an hat die Dresdner Tafel gezielt Menschen als Freiwillige herangezogen, die auch andere Sprachen sprechen. „Wir integrieren die Leute besser als so manch andere Stelle. Man muss sich halt die Zeit nehmen, mit den Menschen zu reden“, meint einer der Freiwilligen und in diesem Satz schwingt ganz leise etwas Stolz mit.

Und sie können wirklich stolz sein, auf das, was sie angeschoben haben in Dresden. Als mit den Geflüchteten die Nachfrage stieg, hat man die Ausgabezeiten verdoppelt. Wer die Tafel betritt, geht durch einen Raum, in dem mit wenigen Mitteln eine kleine Cafeteria eingerichtet wurde. Sie wollen auch ein Ort sein, an dem Menschen nach dem Einkauf verweilen, noch einen Kaffee oder Tee trinken und miteinander ins Gespräch kommen – sagt einer der Ehrenamtlichen. Wie er zur Tafel kam? Er ging regelmäßig zu Anti-Pegida-Protesten. Irgendwann reichte ihm das nicht, er wollte konkret was machen und landete auf der Webseite der Tafel. Seitdem verbringt er hier viel Zeit als Ehrenamtlicher. Die Latenight-Ausgabe ist eines der Projekte, die ihm besonders am Herzen liegen. An einigen Abenden wird zwischen 19 bis 20 Uhr das verteilt, was nach den üblichen Ausgabezeiten übrig blieb. Diese Zeiten sind besonders für junge Azubis und Studies gedacht, die dann den Kühlschrank der WG-Küche auffüllen wollen oder einfach im Sinne der Nachhaltigkeit Foodsharing betreiben.

Neulich in einer Talkshow sagte ich: Dass es die Tafeln gibt, ist ein Verdienst der Ehrenamtlichen. Dass es die Tafel braucht, ist ein Versagen der Bunderegierungen. Zwischen Regalen voller Marmelade wiederhole ich dies. Daraufhin meint einer der Freiwilligen, ihn begeistere an der Tafel nicht nur die soziale Seite, sondern auch die nachhaltige. Essen sollte einfach nicht weggeworfen werden. Aber na klar, wir haben es hier mit einem Systemproblem zu tun. In der Tat. Zu diesem Systemproblem gehört zum einen, dass Menschen auf Tafelleistungen angewiesen sind, um über die Runden zu kommen. Zum anderen gehört dazu, dass Lebensmittelproduzenten 20 bis 40 Prozent über den Bedarf produzieren.

Dazu kommt, erfahre ich, „das Job-Center schickt regelmäßig Leute zu uns. Die Politik verlässt sich auf uns und lässt uns doch allein“. Miete und Nebenkosten müssen sie bezahlen, als seien sie normale Gewerbetreibende. Die Transporter für die Spenden, die Stromkosten für die Kühlung, die Miete - all das können sie nur bezahlen, weil es zum Glück Spenden gibt.

Wer die Tafel unterstützen will, kann das tun: Zum einen durch Geldspenden.

Und wer erwägt als Freiwilliger dem Projekt unter die Arme zu greifen, kann donnerstags um 10 und 17 Uhr zu Einführungsrunden vorbeischauen.

Sicherlich, nicht alles läuft perfekt. Doch hier bei der Dresdner Tafel versuchen die Freiwilligen alle Bedürftigen unabhängig vom Pass zu unterstützen, hier wird Soziales und Ökologisches zusammengedacht. Hier wird versucht, unter schwierigen Umständen einen Ort der Vernetzung und Integration zu schaffen. Ich wünschte mir, dass über solche Beispiele bundesweit gesprochen würde.

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