01.03.2018

Equal Care Day | Brief an mein Enkelkind

Anlässlich des #EqualCareDay 2018, der auf die immer noch mangelnde Wertschätzung für Sorgearbeit aufmerksam macht, habe ich einen Brief an die übernächste Generation geschrieben:

Mein liebes Enkelkind,

ich bin schon ganz neugierig, wie es Dir in Deinem Leben so ergehen wird. Ich hoffe sehr, dass Du einmal selbst darüber entscheiden kannst, wie Du Deine Zeit einteilst. Für mich war es manchmal ganz schön schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Als Deine Mutter klein war, war ich Abgeordnete im Bundestag und Parteivorsitzende.

Solch ein Amt bedeutete damals, am besten an drei Orten gleichzeitig zu sein. Und Frauen, die Kinder und Führungsverantwortung hatten, mussten damit rechnen, entweder als Rabenmütter oder als faul im Job angesehen zu werden. Ich hoffe sehr, dass so was für Deine Generation in Kategorie fällt: Oma erzählt von komischen Dingen aus der Vergangenheit. Ich habe damals einfach gesagt, ich drehe den Spieß um. Nicht ich muss mich verteidigen, dass ich beides unter einen Hut bringe. Vielmehr müssen sich diejenigen erklären, die es für die Politik zum Standard erheben, dass man 7 Tage die Woche rund um die Uhr arbeitet. Denn wer 7 Tage die Wochen von früh bis abends im Job ist, dem bleibt keine Zeit für Familie, Freunde oder dafür, mal ein gutes Buch zu lesen.

Dein Großvater und ich, wir haben uns von Anfang an die Familienarbeit zu gleichen Teilen aufgeteilt. Aber für viele Familien war das damals, als Deine Mutter noch klein war, nur schwer möglich. Oft hat ein Elternteil ganz viel Zeit im Job verbracht und das andere Elternteil hat den Großteil der Kindererziehung und später dann der Pflege der Eltern übernommen. Ja, damals waren es überwiegend Frauen, die sich um die Kinder oder die anderen Verwandten gekümmert haben. Aber viele Frauen und Männer wollten das gar nicht. Sie hätten es sich lieber gerecht aufgeteilt, aber vieles stand diesen Wünschen im Wege. Damals waren zum Beispiel im Durchschnitt die Löhne in typischen Männerberufen höher als in Berufen, die eher Frauen ausgeführt haben. Verrückt, nicht wahr? Deshalb konnten es sich Eltern, die nicht so viel Geld hatten, nicht leisten, dass beide Elternteile gleichviel ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Und dann gab es natürlich auch noch sowas wie gesellschaftliche Gewohnheiten und Muster, wonach das Kümmern um andere weniger als Männeraufgabe galt. Als ich zum Beispiel Parteivorsitzende wurde, fragte mich jemand, ob er jetzt das Jugendamt informieren muss wegen zu erwartender Vernachlässigung des Kindeswohls. Ein Vater musste niemals mit solchen Fragen rechnen. Naja, und wie Du siehst, ist Deine Mutter ja auch ganz gut geraten. Falls sie Dir manchmal zu streng ist wenn es um Süßigkeiten geht, nimm es ihr nicht übel, das hat sie von uns. Inzwischen, so als Großmutter, sehe ich das etwas entspannter. Eltern sind halt fürs Erziehen zuständig, Großeltern können sich aufs Verwöhnen konzentrieren.

Ich hoffe sehr, dass Du einmal genug Zeit für Deine Familie und Deine Freundinnen hast. Wenn Du mal Kinder haben solltest, wünsche ich mir, dass Du liebe Menschen an Deiner Seite hast, die sie mit Dir zusammen aufziehen. Ich hoffe, dass Pflege einen anderen Stellenwert in Eurer Gesellschaft haben wird: dass die Menschen anständig bezahlt werden; dass ihre Arbeit als wertvoll und notwendig anerkannt wird; dass genug Leute eingestellt werden; und dass sich alle auch gute Pflege leisten können.

Für Dein Leben wünsche ich Dir, dass Du Dich politisch einmischen kannst. Dass Du gegen all die Missstände kämpfst, die bei Euch vielleicht auch noch nicht abgeschafft sind. Dass Du Spaß daran hast, zusammen mit anderen etwas zu verändern und dass Du Dich dabei nicht unterkriegen lässt.

Naja, und ich wünsche Dir natürlich, dass Du auch Zeit für Dich und für die Muße hast. Dass Du zum Beispiel einfach auf dem Sofa in einem tollen Buch schmökern kannst, ohne dass Dir vor Müdigkeit sofort die Augen zufallen. Du weißt ja, bei Deinen Großeltern zu Hause gibt es nicht nur Süßigkeiten für Dich, sondern auch Regale voller toller Bücher. Und wenn Du etwas älter bist, leihe ich Dir gerne ein Buch aus, das mich sehr inspiriert hat und das mir gerade, wenn es sehr stressig wurde, geholfen hat: Die Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug. Deine Mutter durfte als Mädchen diese tolle Frau noch persönlich kennenlernen. Frigga hat sich dafür eingesetzt, dass im Leben von Männern und Frauen gleichermaßen Platz ist für vier gleichwertige Tätigkeitsbereiche: erstens Erwerbsarbeit, zweitens politische Einmischung, drittens Familien- bzw. Sorgearbeit und viertens Muße bzw. die Beschäftigung mit Kunst.

Sei im Gedanken umarmt,
Katja

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