05.10.2017

Katalonien: Die Demokratie in Europa ist in Gefahr

Barcelona en Comú (katalanisch für Barcelona Gemeinsam) ist eine kommunale Plattform. Ihre bekannteste Sprecherin ist Ada Colau, die aktuelle Bürgermeisterin von Barcelona.

English version below

In diesen Stunden schaut Europa mit gemischten Gefühlen nach Katalonien. Wir sind sehr besorgt, dass die spanische Regierung die Situation eskalieren lässt. Polizeiliche Repressionen und Gewalt sind niemals die Lösung für einen politischen Konflikt, ganz unabhängig von der Einschätzung der Rechtslage. Doch durch sie ist der Konflikt unweigerlich zu mehr geworden als nur "einer inneren Angelegenheit Spaniens", wie der Präsident der EU-Kommission Juncker nicht müde wird zu behaupten. Wir sind stattdessen überzeugt, dass es hier um Europa und die Europäische Union als Ganzes geht. Dies gilt umso mehr, da europäische Institutionen in den vergangenen Jahren mit der berüchtigten Troika-Politik einer ganzen Reihe von europäischen Ländern ihre Sparpolitik aufgezwungen haben. Interventionen in die "inneren Angelegenheiten" einzelner Mitgliedsländer sind insofern keine Ausnahmen, sondern eher eine Frage des Interesses, wie der soziale Albtraum der griechischen Krise anschaulich zeigt.

Eine politische Initiative der Europäischen Union könnte jetzt zusammen mit anderen neutralen Verhandlungsführern eine positive Vermittlerrolle spielen. Denn wir benötigen eine sofortige Wiederaufnahme des Dialogs mit allen beteiligten Akteuren und lösungsorientierte Verhandlungen.

Aber die jüngsten Entwicklungen der katalanischen Krise sind trotz der historischen Besonderheiten dieses Konflikts nur das Symptom einer tieferen Regression Europas: einer Krise der Demokratie in den etablierten Staatsformen, wie sie uns bislang geläufig waren. Die Bilder vom letzten Sonntag zeigten Zehntausende von Menschen, Frauen und Männer, Jung und Alt, die sich dem Druck der Gewalt mit zivilem Ungehorsam widersetzten. Die sich das Recht, ihre Meinung zu äußern, das Recht, frei zu entscheiden und über ihre Zukunft zu bestimmen, mit Protesten erkämpften. Hier wurde ein starkes Bedürfnis nach Demokratie und Selbstbestimmung deutlich, das weit über die klassische Definition von nationaler Unabhängigkeit hinausgeht.

Angesichts der zunehmenden Gewalt des ökonomischen Globalisierungsprozesses, des katastrophalen Ausmaßes der ökologischen Krise, des exponentiellen Wachstums sozialer Ungleichheit, hat die klassische Nationalstaaten-Politik schon seit mindestens zwei Jahrzehnten ihre Unzulänglichkeit unter Beweis gestellt. Sie ist nicht mehr in der Lage, Antworten auf die neuen Herausforderungen unserer Zeit zu liefern. Zehn Jahre Wirtschaftskrise in Spanien und anderen Teilen Europas, haben diese Krisen verschärft. Und wenn schon die repräsentative Demokratie nicht in der Lage war, dem Finanzkapitalismus her zu werden, so wird das eine Neuauflage der Nationalstaaten in der vervielfachten Form der „Kleinen Vaterländer“ sicher nicht leisten können.

Wir glauben daher, dass es in der katalanischen Krise falsch wäre, zwischen einer autoritären Verteidigung des zentralisierten, spanischen Staates und der unilateralen Proklamation der Unabhängigkeit eines katalonischen Staates entscheiden zu müssen. Gleichzeitig glauben wir aber, dass die katalonische Bevölkerung in der Lage sein sollte, über ihr Schicksal auf demokratische Weise – und unter Berücksichtigung einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dort – zu entscheiden.

Auf lange Sicht brauchen wir daher eine dritte Option, einen Ansatz, der radikal anders ist – der ausgeht vom Prinzip der „Nähe“ als dem Ort politischer Entscheidungsfindung. Das heißt: der Ort der Entscheidungsfindung sollte so nah wie möglich an die Bürgerinnen und Bürger und ihre Gemeinden gebracht werden, ausgehend vom Grundsatz eigenständiger Verwaltungen, wie er bereits in transnationalen Kooperationen von europäischen Großstädten besteht. In diesem Sinne gewissermaßen autonome und selbständige Regionen könnten dann im größeren Maßstab, über die traditionellen Nationalstaatengrenzen hinaus und jenseits eines nationalistischen Chauvinismus, in einer erneuerten föderalen Union der Koexistenz und des Teilens begründet werden. Die katalanische Krise sollten wir deswegen als Gelegenheit begreifen, endlich eine transnationale Debatte über die Demokratie in Europa zu eröffnen.

Wir können das Europa der Zukunft und einen dazugehörigen, konstituierenden Prozess definieren, der den neuen Herausforderungen und Risiken adäquat begegnet. Aber um dies zu tun, ist es jetzt entscheidend, dass wir den Weg – den die kommunalen Vereinigungen und die Linke in Spanien und Katalonien mit so viel Mut und Klarheit beschreiten – gemeinsam gehen. Mit Ada Colau und Pablo Iglesias, mit Manuela Carmena und Alberto Garzon an der Spitze, ist nun die Zeit gekommen, um Repression und unilaterale Aktionen zu beenden. Es ist an der Zeit, einen Dialog für die Koexistenz zu beginnen. Eine friedliche Lösung ist immer noch möglich.

Es ist Zeit für eine laute europäische Stimme und eine entsprechende Mobilisierung, um den Geist der Saragossa Deklaration zu unterstützen. Wir bieten dabei unsere Hilfe an – wir und viele andere. Denn die republikanischen Werte und Bürger*innenrechte der Europäischen Union sind in Gefahr. In diesen Tagen wird in Spanien wie in Katalonien auch über die Zukunft der Demokratie in Europa entschieden.

Katja Kipping, Vorsitzende der Partei DIE LINKE
Nicola Fratoianni, 1. Sekretär der Partei Sinistra Italiana

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Catalonia: Democracy in Europe is at stake

In these hours, Europe and the world are looking to Catalonia with very mixed feelings. First of all, we are in deep concern about the escalation of situation by the Spanish government.

Police repression and violence are never a solution for a political conflict, no matter how we assess the legal situation. This makes the conflict something more than just “an internal matter of Spain”, as President Juncker has reiterated several times.

We think instead that this issue is about Europe and the European Union as a whole.

Not only because in recent years the European Institutions, with the notorious Troika action imposing austerity policies on national level, have shown quite another attitude to brutally intervene in the “internal affairs” of individual member countries, as we have seen in the social nightmare of the Greek crisis.

And not only because a political initiative of the European Union – be it together with other, more neutral negotiators – could play a positive mediation role at this moment, favoring a reopening of dialogue between the various actors involved and seeking a negotiated solution to the crisis.

There is more.

Recent developments of the “Catalan crisis”, despite the historical specificities of this affair, are symptom of a deeper disease in Europe: the crisis of democracy in established State forms as we have known it so far.

Pictures of last Sunday, with tens of thousands of people – women and men, young and old – actively committed to disobey the imposition of force, to guarantee the right to express, the “right to decide”, to vote on their own future, are talking exactly about this: a strong demand for democracy and self-determination, that goes far beyond the classic issue of “national independence”.

Faced with the uprooting violence of economic globalization processes, with the disastrous proportions of ecological crisis, and with the exponential growth of social inequalities, over the last two decades the classic nation-states-politics has shown its inadequacy to address the major challenges of our time.

Ten years of economic crisis exacerbated all this. Plus, if the national space – and the exercise of representative democracy within national borders – was not capable by itself of counteracting the flows of financial capitalism, it seems to us unlikely or unrealistic that a smaller-scale replication of the nation, i.e a multiplication of “Kleinen Vaterländer”, will do it.

We think that in the “Catalan crisis” it would be wrong to be forced to choose between the authoritarian defense of the centralised Spanish State and the unilateral proclamation of the independence of a “State of Catalonia”.

But at the same time we think that the population of those territories must be in a position to freely decide their destiny in a democratic way and in respect of the majority of its people .

From a strategic point of view, we need a third option, a radically different approach: to consider the principle of “proximity”, and thus to bring the place of political decision-making as close as possible to the people and their communities, starting from a principle of “self-government” that rises from cities, bottom-up.

We have to think and imagine that such autonomous territories can be federated on a wider scale, beyond the traditional nation-state limits and nationalistic chauvinism, in a renewed pact of coexistence and sharing.

The “Catalan crisis” should therefore be an opportunity to finally open a transnational debate about democracy in Europe, about the kind of Europe we want in the present and in the future, about the need for a constituent process that meets the challenges and the risks that we are facing.

But in order to do this, it is crucial to follow right now the road pointed out with clarity and courage by the municipal platforms, the confluences and the left in Spain and Catalonia. With Ada Colau and Pablo Iglesias, with Manuela Carmena and Alberto Garzon, this is the time to stop repression and unilateral acts, it is time to restore politics against the use of force, it is time to set up dialogue for coexistence.

It is always the time for a peaceful solution. It is now the time for a wide European mobilization in support of the spirit and letter of the Zaragoza Declaration.

We are available to do our part. Together with many others.

Because today, in Spain and Catalonia, the present and future of democracy in Europe and the republican values and citizen rights of the European Union are at stake.

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