22.08.2017

Immer mal die Perspektive wechseln

Ein Tag bei der AWO-Tagespflege

Setzen Sie den Herrn Fischer* im Bus ruhig neben mich. Wenn ihn die Traurigkeit überkommt, lenke ich ihn ab, meint eine der betagten Frauen, die selber nur mit Mühe aufrecht geht, als sich die Gruppe in der Garderobe sammelt. Hier achten die Gäste auf einander und greifen sich gegenseitig auch mal unter die Arme – so gut es eben geht. Es ist Dienstag und dienstags steht immer ein Ausflug auf dem Programm. Heute geht es auf die Hauptstraße.

Seit vielen Jahren laden Sozialverbände Politiker*innen ein, an einem Tag im Jahr sich auf einen Perspektivwechsel einzulassen und in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten. Es geht dabei auch darum, sich in der Praxis anzuschauen, wie sich politische Regelungen im Alltag auswirken. Ich habe an dieser Aktion schon oft teilgenommen und in Altenheimen, Unterkünften für Menschen mit Behinderungen oder in einem Krankenhaus für einen Tag gearbeitet. Dieses Jahr bin ich bei der AWO-Tagespflege in Dresden-Prohlis.

Der Arbeitstag beginnt hier um 8, wenn die allerersten Tagesgäste kommen und das Frühstück vorbereitet wird. Die meisten Gäste werden um 9 Uhr zu Hause vom Fahrdienst abgeholt und nachmittags zurückgebracht

Ziel der Tagespflege ist es, älteren Menschen und Menschen mit Demenzerkrankungen einen schönen Tag zu bereiten, der Vereinsamung entgegenzuwirken, Angehörige zu unterstützen, Tagesstruktur zu bieten, und Häuslichkeit weiterhin zu ermöglichen.

Nach dem Frühstück versammeln sich alle im Gruppenraum, wo der Tagesplan an einer Tafel durchgegangen wird. Orientierung, was wann ansteht, ist wichtig. Ich komme mit einem Gast ins Gespräch, der früher als Dozent gearbeitet hat. Er spricht von der Tagespflege als „Lehrgang“ und spricht darüber, dass „gewonnene Erkenntnisse verdichtet werden, aber noch nicht alle verarbeitet werden“. Allein an seinen Formulierungen wird deutlich, was die Beschäftigten hier leisten. Es geht eben nicht nur darum, dass die Gäste der Tagespflege satt und sauber sind. Es geht darum, zusammen trotz aller alters- und krankheitsbedingten Probleme den Tag so gut wie möglich zu bewerkstelligen, auch das ist Tagwerk. Und wenn z.B. die gemeinsamen Beschäftigungen oder die tägliche Zeitungsschau an Lehrgänge erinnern, dann zeigt das, dass hier Menschen auch im hohen Alter noch Fähigkeiten zeigen können. Und sei es die Fähigkeit einem Altersgenossen, den die Trauer übermannt, beizustehen und aufzuheitern.

Hier würde ich ja gerne mal rein! Aber dort muss man Eintritt bezahlen - meint eine der Frauen, als wir am Japanischen Palais vorbeifahren. Sie hat 7 Kinder groß gezogen und als Telefonistin gearbeitet. Ja, das mit dem Eintritt ist generell ein Problem. Das Budget ist so knapp bemessen, dass höhere Eintrittspreise nicht möglich sind. Die Orte, wo wir hinkönnen, werden weniger, nehmen Sie nur den Eintritt für den Park in Pillnitz – fasst es eine der Mitarbeiterinnen zusammen. Was für ein eindrückliches Plädoyer gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums, denke ich so bei mir. So geht der Ausflug bevorzugt an Orte, die nichts kosten, wie zu den Geranien im Großen Garten oder den Park in Kreischa. Und die drei Frauen, die diese Tagespflege schmeißen, sind erfinderisch. Sie telefonieren rum, handeln Rabatte für die Gruppe aus, fahren auch mal auf den Flughafen, um das Laden und Starten der Flugzeuge zu beobachten.

Nicht immer braucht es viel. Als wir langsam über die Hauptstraße bummeln, sehe ich diese Straße, über die ich sonst oft schnell laufe, mit einem erweiterten Blick. Die Platanen sind wirklich eine Pracht. Und die tapsigen Gehversuche eines Kleinkindes auf dem Rasen lassen die Frau, die sich zum Gehen bei mir eingehängt hat, schmunzeln. Zwischen den beiden liegen viele Jahrzehnte und doch gibt es plötzlich eine Gemeinsamkeit. Jeder Schritt ist ein kleines Abenteuer.

Spätestens beim Ausflug wird noch einmal deutlich, wie wichtig flächendeckende Barrierefreiheit ist. Wir haben eine Frau im Rollstuhl und zwei Frauen mit Rollatoren dabei. Einige müssen sich an den Betreuerinnen festhalten beim Laufen. Heute ist das Verhältnis von Personal zu Gästen in Ordnung, auch weil ich mit dabei bin. Aber insgesamt werden hier bis zu16 Leute betreut, darunter mehrere im Rollstuhl und wenn von den Mitarbeiterinnen eine krank oder im Urlaub ist müssen 2 Frauen die Gruppe zusammenhalten. Schon eine kleinere Treppe oder ein hoher Absatz kann da zum unüberwindbaren Hindernis werden und die ganze Gruppe zum Umkehren zwingen.

Am Ende des Tages versammeln sich alle im Gruppenraum. „Das war wieder ein schöner Tag“ meint eine der Frauen. Und diese Rückmeldung - das ist das Schönste an unserem Beruf, meint eine der Pflegerinnen.

Am Fuße vom Goldenen Reiter erkundige ich mich bei den Beschäftigten bezüglich ihrer zu erwartenden Rente. Die ist nicht so goldig, auch wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben: Zum Glück haben ihre Männer später mal eine gute Rente. Denn wenn sie allein von ihrer Rente leben müssten, wären Abstriche zu machen. Auch so eine Ungerechtigkeit, die wir dringend ändern müssen, denke ich. Wer solch wichtige Arbeit am Menschen leistet, verdient einfach deutlich mehr

*Name wegen Datenschutz geändert

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