29.11.2016 / Interview: Marie Illner

"Es geht nicht um Neid" - Interview auf mitmischen.de am 29.November 2016

Das Interview führte: Marie Illner.

Frau Kipping, die Linke fordert, dass die Gesamtbezüge eines Vorstandsmitgliedes nicht mehr als das Zwanzigfache eines sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der untersten Lohngruppe betragen dürfen. Worauf beruht der Faktor 20?

Der Faktor 20 ist ein Diskussionsvorschlag für die Debatte. Die Schere zwischen den oberen und den unteren Einkommensgruppen in einem Unternehmen geht weit auseinander, bei den DAX-Unternehmen, also börsennotierten Unternehmen, beträgt der Faktor etwa 57. Wir als Linke haben gesagt, dass man sich darüber verständigen muss, denn es gibt bisher keinen Indikator, wie man das Gefälle zwischen den obersten und den untersten Einkommen gerecht berechnet.

Wenn jemand in der Debatte begründet darlegt, warum der Faktor 1:12 oder 1:30 sein müsste, dann sind wir offen für Argumente. Ich lasse mich jedoch nicht davon überzeugen, dass man gegen dieses Missverhältnis nichts machen muss, und die Schere munter weiter auseinanderdriftet.

Wie antworten Sie, wenn man Ihnen vorwirft, die Forderung nach Gehaltsbegrenzungen geschehe aus Neid und Missgunst?

Wir sagen darauf, dass wir generell nichts gegen Reichtum und Wohlstand von einigen wenigen haben, wohl aber ein Problem damit, wenn dieser einhergeht mit Armut und materieller Ausgrenzung anderer Gruppen. Das Auseinanderklaffen, welches es derzeit gibt, lässt sich nicht mehr mit Leistungsgerechtigkeit erklären.

Um ein Beispiel zu zitieren: Der Vorstandsvorsitzende eines privaten Krankenhauskonzernes bekommt 4,4 Millionen Euro – das ist mehr als das 200-fache dessen, was ein Krankenpfleger mit Tariflohn (nicht jeder Pflegende bekommt Tariflohn) mit Nachtschichten bekommt. Und mir kann niemand erklären, dass dieses Vorstandsmitglied mehr als das 200-fache eines Krankenpflegers leistet. Deshalb würden wir sagen, es geht nicht um Neid, sondern darum, geradezurücken, wer eigentlich wirklich die Werte und Gewinne in einem Unternehmen erarbeitet.

Der Professor für Wirtschaftspolitik Andreas Freytag begründet seine Haltung gegen eine Deckelung damit, dass die Gesellschaft "insgesamt mehr an Wohlstand verliert, als sie an Fairness gewinnen könnte", da kreative Köpfe abwandern würden. Was sagen Sie zu diesem Einwand?

Ob die Personen, die VW in die Krise geritten haben oder die Investmentbanker, die die Banken fast an den Rand des Ruins gebracht haben, wirklich so kreative Köpfe sind, deren Leistung unverzichtbar ist, halte ich für fraglich. Es gibt zudem keinen Beweis, dass diejenigen, die die höchsten Millionenboni bekommen, auch wirklich die kreativsten und besten Köpfe sind. Vor diesem Hintergrund überzeugt mich der Einwand nicht.

Eine Deckelung von Managergehältern bedeutet, in die Unternehmensfreiheit einzugreifen. Denken Sie, dass eine Obergrenze bei Gehältern mit einer offenen und freien Gesellschaft vereinbar ist?

Ja, das denke ich. Zu einer Demokratie gehört, dass man sich in demokratischen Prozessen gemeinsam Regeln gibt. In unserer Gesellschaft gehören alle zusammen, daher geht es nicht nur um das Einkommen der Manager. Auch sie profitieren von Leistungen, die von der Gesellschaft kommen – wie beispielsweise der Ausbildung von Beschäftigten oder der Infrastruktur, auf der Güter angeliefert werden. Ich denke zudem, dass offene Gesellschaft nicht heißen kann, dass diejenigen, die das meiste Geld haben, mit dem Gesetz des Stärkeren agieren können.

Wie schätzen Sie die Reaktionen der Bürger auf den Vorschlag der Linken ein?

Ich habe zu diesem Thema im Bundestag geredet und wie immer meine Rede bei Facebook eingestellt. Der Post erzielte überdurchschnittlich hohe Zugriffszahlen, daraus und aus mehreren Reaktionen auf diesen Vorstoß schließe ich: Es gibt ein großes Interesse. Das ist natürlich nur ein Indikator von vielen. Selbstverständlich ist es ein Thema, bei dem es nicht nur viel Zuspruch, sondern auch viel Gegenwehr gibt. Auf jeden Fall ist es mit diesem Vorstoß gelungen, eine Debatte darüber, was Leistungsgerechtigkeit heißt, zu starten.

Sie sagten unlängst in einer Rede zu dem Thema "Es ist für die Mittelschicht wahrscheinlicher geworden abzusteigen". Woran machen Sie das fest?

Der Verteilungsreport des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) belegt statistisch, dass die soziale Mobilität abnimmt, die Einkommensverteilung undurchlässiger wird und es für die Mitte wahrscheinlicher geworden ist, abzusteigen, als aufzusteigen. Außerdem habe ich diesen Eindruck in vielen Gesprächen mit Menschen auf der Straße und in den Vierteln gewonnen. Dabei spiegeln die Leute mir immer wider, dass sie hoffen, dass es den eigenen Kindern wenigstens nicht schlechter geht, als es ihnen selbst gegangen ist.

Hier können Sie das Interview auf mitmischen.de lesen.

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