05.08.2009

Wenn Kinder nur zusehen dürfen

Ferienlager sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr

„Die Zahl der Kleeblattkinder hat dieses Jahr zugenommen“ erzählt mir Anne, als wir beim Ferienlager des Vereins Roter Baum in Bad Sonnenland ankommen. (Dort beginnt gerade die Spaßolympiade mit Disziplinen wie Teebeutelweitwurf.) Kleeblatt ist ein besonders günstiges Angebot des Vereins. Bei den Ferien des Kindes auf jeden Euro schauen zu müssen, war für einige eine neue Erfahrung. Mancher hatte bis vor kurzem noch einen Job. Die Wirtschaftskrise, die Pleite von Quimonda – das ging nicht spurlos an Dresden vorbei.

„Viele sind froh, wenn sie wenigstens das Kleeblattangebot bezahlen können“ berichtet Anne weiter. Generell können es sich immer weniger Eltern leisten, ihren Kindern eine Fahrt mit Gleichaltrigen zu finanzieren. Die Förderung der früheren Jahre gehört längst der Vergangenheit an. Zwar können Eltern individuelle Unterstützung bei Bedürftigkeit beantragen, dies jedoch hilft bei der Umsetzung der pädagogischen und sozialen Standards der freien Träger nicht viel – sie sind der Konkurrenz von kommerziellen Anbietern ausgesetzt.

Nicht nur beim Buchen der Fahrten wird der Mangel, der in manchen Familien herrscht, deutlich. Kinderarmut hat verschiedene Gesichter. „Sie bedeutet das Gefühl, ausgeschlossen, abgehängt zu sein.“ erzählt mir eine Betreuerin, während die Kinder mit verbunden Augen malen. Wenn z.B. zu Hause das Geld für ein Kinderfahrrad fehlt und man nur zusehen kann, wie Gleichaltrige mit dem Rad davon radeln. Bei einem Ferienlager standen Radtouren auf dem Programm. Viele Eltern, die auf Hartz IV angewiesen sind, mussten einen Bogen um dieses Angebot machen. Ihre Kinder haben kein Fahrrad.

In Talkshows ist öfters von der Polarisierung der Gesellschaft die Rede. Gisela und all die anderen ehrenamtlichen Betreuer/-innen erleben dies hautnah. Schon bei Neunjährigen wird eine Polarisierung der Gespräche deutlich. Es gibt Kinder, die Konflikte nicht mit Worten klären können. „Da merkt man geradezu körperlich, wie sich das Gefühl ihrer Eltern, ständig drangsaliert zu werden, auf sie überträgt.“

Kinder bekommen von ihren Familien unterschiedliches Kapital mit auf dem Weg. Aufgabe des Bildungssystems wäre es, auszugleichen. Doch dabei versagt die Schule. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus der oberen Dienstklasse ein Gymnasium besucht, ist dreimal höher als die Wahrscheinlichkeit, für ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie.

Nicht nur die frühe Aufgliederung benachteiligt Kinder aus ärmeren Familien. Auch das Sozialgesetzbuch sorgt dafür, dass sie es schwerer haben. So weist der Hartz-IV-Satz für den Bereich BILDUNG null Euro aus. Für Schreibwaren und Zeichenmaterial sieht der Regelsatz für ein zehnjähriges Kind 1,98 Euro im Monat vor. Doch der Schulalltag kostet Geld für Kopien, Zeichenmaterial, Hefte und Bücher.

Glaubt man der Bundesregierung, existieren diese Probleme nicht. In einer Antwort schreibt sie: „Die Bundesregierung teilt nicht die Auffassung, dass Kinder aus sozial schwachen Familien aufgrund der leistungsrechtlichen Regelung des SGB II nicht die gleichen Bildungsmöglichkeiten wie anderen Kindern offenstehen.“ Im Klartext: Sie behauptet, Kinder aus Hartz-IV-Familien hätten die gleichen Bildungsmöglichkeiten wie andere.

Die Sonne und der Spaß, den die Kinder bei der Olympiade hatten, sorgen dafür, dass wir letztlich mit guter Laune zurückfahren – angespornt, auch in Zukunft voll Einsatz für eine Kindergrundsicherung, die alle vor Armut bewahrt und eine Schule, in der Kinder länger gemeinsam lernen, zu kämpfen.

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