04.11.2013

Feminismus kann Leben retten

Rede bei der Bundesfrauenkonferenz am 2. November 2013 in Berlin

Liebe Genossinnen, liebe Teilnehmende – um mal das Partizip zu verwenden, das sich so wunderbar der Zwei-Geschlechterordnung entzieht – also liebe Teilnehmende der Bundesfrauenkonferenz, liebe Mitstreitende,

Feminismus rettet Leben.

Bei der Recherche für unsere diesjährige Konferenz stieß ich darauf, dass morgen einer von diesen vielen Gedenk- und Aktionstagen ist. Die sind ja nicht weniger geworden: Früher gab’s den „Tag der Volkspolizei“ und den „Tag des Metallurgen“. Heute gibt es eigentlich jeden Tag etwas zu feiern: vom „Welttag der Feuchtgebiete“ (am 2. Februar) – im Übrigen kein Tag zu Ehren von Charlotte Roche, sondern es geht um Wattvögel — bis zum „Tag der offenen Töpferei“. Allerdings passt der morgige Aktionstag auch thematisch zu unserer Konferenz: Morgen ist tatsächlich „Weltmännertag“.

Der Weltmännertag ist unter anderem von Ärzt*innen ausgerufen worden, weil in vielen Ländern die Lebenserwartung von Männern geringer ausfällt als die von Frauen. Ein ehrenwertes Anliegen, würde das dahinter stehende Problem nicht ständig von launigen Leitartiklern missbraucht, um daraus eine Diskriminierung von Männern abzuleiten. Und wer ist schuld? Na klar, die angeblich männerhassenden Feministinnen. Dass zum Beispiel Jungs in der Schule vermeintlich schlechter abschneiden, gilt selbsternannten Männerrechtlern als das böse Werk von Feministinnen, die es mit der Emanzipation zu weit getrieben haben.

In den Kolumnen von Jan Fleischhauer beim Spiegel oder von Harald Martenstein wird immer wieder — meist ironisch verbrämt — die alte Mär aufgewärmt: Feminismus richtet sich gegen Männer. Das Gegenteil ist der Fall. Betrachten wir die Frage der unterschiedlichen Lebenserwartung. Schnell stellt man fest: Alles, wofür wir als Feministinnen kämpfen, würde auch zu einer höheren statistischen Lebenserwartung von Männern führen. Ausgerechnet an der katholischen Kirche lässt sich das gut beobachten.

Gesundheitswissenschaftler*innen kennen vielleicht die deutsch-österreichische Klosterstudie – da hat man die Lebenserwartung und das Gesundheitsverhalten von Nonnen und Mönchen in Beziehung gesetzt. Das Ergebnis: Mönche und Nonnen leben gleich lang und vor allem leben Mönche deutlich länger als – ich sag mal: Normalsterbliche — also Männer, die nicht im Kloster leben.

Jetzt will ich keiner von Euch empfehlen, ins Kloster zu gehen. Denn natürlich ist Emanzipation nicht gottgegeben und die längere Lebenserwartung wahrscheinlich kein Geschenk des Allmächtigen. Ob die Unterdrückung der eigenen Sexualität sich positiv auf die Lebensqualität auswirkt, kann zudem getrost in Frage gestellt werden.

Die Klosterstudie und andere Studien zeigen aber eins: Die Lebenserwartung hängt ganz stark vom Lebensstil ab. Wer Vollzeit arbeitet, wer Stress im Berufsalltag hat, wer viele Überstunden macht, dessen Lebenserwartung sinkt. Das ist aber nun mal ein altes Leitbild männlicher Erwerbsbiografien.

Was heißt das also für uns?

Der Kampf gegen Überstunden, gegen die Verdichtung von Arbeit, gegen Stress erhöht offensichtlich sowohl die Lebensqualität wie auch die Lebenserwartung – übrigens von Männern und Frauen gleichermaßen.Wir sollten jedoch nicht nur bei den Abwehrkämpfen gegen Stress und Überstunden stehen bleiben, so wichtig sie auch sind.

Letztlich geht es uns um mehr, um die Verfügungsgewalt über das Leben. Ja, es geht um ein gutes Leben, zu dem meiner Meinung nach Zeit für Familie und Freunde, für politische Einmischung und für Muße gehören.

Übrigens: In historischer Perspektive bestand der ausschlaggebende Faktor für die statistisch niedrigere Lebenserwartung von Männern darin, dass junge Männer in Kriegen als Erste und vor allem massenhaft gestorben sind, verheizt als Kanonenfutter.

Ganz ähnlich wie beim Kloster gibt es hier wieder zwei Strategien: Entweder man sagt, naja, müssen halt mehr Frauen ins Militär, dann gleicht sich der Effekt statistisch wieder aus.

Ich würde mich allerdings eher an feministischen Pazifistinnen à la Bertha von Suttner oder Charlotte Perkins Gilman orientieren. Und wer immer auch meint, heutzutage Kriegseinsätze mit der notwendigen Durchsetzung von Frauenrechten zu begründen – wie einst geschehen von Joschka Fischer bei der Begründung des Afghanistankrieges – dem sei gesagt: Krieg ist eine auf Dauer gestellte Verletzung von Frauen- und Menschenrechten! Und deswegen sagen wir als Feministinnen verlässlich Nein zum Krieg!

Also, falls Ihr mal wieder solche absurden antifeministischen Vorwürfe hört, der Feminismus sei schuld daran, dass es Männern schlecht gehe, ja womöglich sogar an der geringeren Lebenserwartung, könnt Ihr getrost sagen: Hört mal, Jungs, der Feminismus rettet Leben – und zwar auch Deins.

Liebe Frauen, liebe Teilnehmende, feministische Solidarität bedeutet eine Haltung der Verbundenheit und den Anspruch einer gegenseitigen Unterstützung aller, die aufgrund ihres Geschlechts von Diskriminierung, von Erniedrigung und Unterdrückung betroffen sind. Ein bekanntes Beispiel für solcherart Solidarität ist Alice Schwarzers verdienstvolle und mittlerweile zur Legende gewordene Kampagne „Ich habe abgetrieben“.

Für diese Kampagne gaben viele Frauen und einige wenige Männer 1971 dem Widerstand gegen den Zugriff auf den weiblichen Körper ihre Stimmen und ihre Gesichter. Im Übrigen unabhängig davon, ob sie „wirklich“ selbst schon einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hatten. So stelle ich mir Solidarität vor.

Vor einigen Wochen nun hat Alice Schwarzer mich und andere Frauen gefragt, ob ich mich an einem Appell gegen Prostitution beteiligen will. Alice Schwarzer sagt: „Prostitution ist Sklaverei, sie muss und kann abgeschafft werden.“

Sie wirft dem vor etwas mehr als zehn Jahren geschaffenen Prostitutionsgesetz vor, dass es zu Menschenhandel führt und letztlich abgeschafft werden sollte. Ich habe nicht unterschrieben.

Keine Frage: Prostitution hängt eng mit unserer patriarchalen Kultur zusammen. Ich finde es beschissen, wenn der Eindruck vermittelt wird, in männerdominierten Branchen sei es normal, dass der Betriebsausflug im Puff endet. Es ist schrecklich, wenn Frauen auf Grund von persönlichen oder strukturellen Notlagen in die Prostitution gedrängt werden. Aber: Schauen wir uns doch einmal an, wie es vor dem Prostitutionsgesetz aussah.

Prostitution galt als „sittenwidrig“ und „gemeinschaftsschädlich“. Das Bundesverfassungsgericht hat Prostituierte noch in einem Urteil von 1965 mit „Berufsverbrechern“ gleichgestellt. Die Opfer dieser Stigmatisierung waren jedoch ausschließlich die Frauen: Sie konnten ihren Lohn nicht einklagen. Diese Frauen konnten sich nicht organisieren, hatten keinen Zugang zu Sozialversicherung. Bordellbetreiber konnten nicht für die Arbeitsbedingungen im Puff verantwortlich gemacht werden. Das hat sich zumindest für einen Teil der Frauen geändert.

Ja, und es stimmt auch: Das Prostitutionsgesetz hat Ausbeutung von Frauen nicht abgeschafft. Illegalisierte oder drogenabhängige Frauen, die zu Beschaffungszwecken anschaffen, Frauen in ökonomischen oder psychischen Zwangslagen sind heute genauso rechtlos wie zuvor.

Das aber zu vermischen und zu suggerieren, man könne das lösen, in dem man Prostitution stigmatisiert und das Gewerbe kriminalisiert, halte ich für einen Fehler.

Ich meine, nicht die Sexarbeiter*innen gilt es zu kriminalisieren. Ganz im Gegenteil, ihre Rechte gilt es zu stärken. Kriminalisiert und verfolgt gehören hingegen jene Männer, die die Not von Zwangsprostituierten ausnutzen; jene Männer, die vom Frauenhandeln profitieren oder ihn billigend in Kauf nehmen.

Wie schreiben Conni Möhring und Ulla Jelpke doch so treffend in ihrer Erklärung zum von Schwarz-Gelb geplanten Prostitutionsgesetz: „Anstatt über die Köpfe der als Sexarbeiter*innen Tätigen zu entscheiden, wollen wir mit ihnen gemeinsam für ihren Schutz und ihre Rechte eintreten. Dazu gehören auch die Absicherung bei Krankheit und Berufsunfähigkeit sowie Maßnahmen zur Vorbeugung von Altersarmut.“

Nun ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Prostitution auch in der linken Geschichte nicht immer unstrittig gewesen. Das musste auch Ketty Guttmann erfahren. Diese Kommunistin unterstützte in Hamburg in den 1920er Jahren die quasi gewerkschaftliche Selbstorganisation der Kontrollmädchen – heute würden diese sich als Sexarbeiter*innen bezeichnen.

Guttman war der Meinung, solange es patriarchale Machtasymmetrien gibt, wird es, Verbot hin oder her, Formen des sexuellen Tausches geben — als sexuelle Dienstleistung oder eben als Form von unregulierter Ausbeutung.

Aus diesem Grund forderte sie: „Kontrollmädchen sollen sich nicht auf jene verlassen, die Prostitution abschaffen wollen.“

Es gibt Überlieferungen, wie Lenin auf diese Form der gewerkschaftlichen Selbstorganisierung reagierte. So berichtete Clara Zetkin: Lenin hatte „Sonderbares gehört.“ Ihm sei erzählt worden, „daß eine begabte Kommunistin in Hamburg eine Zeitung für die Prostituierten herausgibt und diese für den revolutionären Kampf organisieren will“. Was Lenin von ihrer Tätigkeit hielt, ist gleichermaßen unschwer zu enträtseln.

„Gibt es in Deutschland wirklich keine Industriearbeiterinnen mehr, die zu organisieren sind?“, fragte er rhetorisch, um dann festzustellen: „Hier handelt es sich um einen krankhaften Auswuchs.“ Lenin warf Zetkin vor, sie habe gegen diese Aktivitäten zu wenig unternommen. Die Revolution fordere „Disziplin“ und „Selbstzucht“ und keine orgiastischen Zustände. Es sei nicht die richtige Zeit, die von Guttmann aufgeworfenen Fragen zu stellen. So lange die Rätefrage ungelöst, Bürgerkrieg und Arbeitslosigkeit herrschten. – so weit Lenin dazu.

Nun, soweit ein kleiner historischer Ausflug, der uns vielleicht ermuntert und hoffentlich zudem bestärkt gegen die Nebenwiderspruchsfalle:

Liebe Genossinnen, liebe Freundinnen und Freunde, ein thematischer Schwerpunkt dieser Konferenz liegt auf dem Kampf gegen Sexismus und gegen sexuelle Ausbeutung.

Mit dem Patriarchat ist es gewissermaßen wie mit dem Kapitalismus: Seine Unterdrückungsformen sind vielfältig. Insofern reicht dieses Thema von den Grauen der Zwangsprostitution bis hin zum Alltagssexismus.

Manchmal sind auch wir nicht frei davon, die verschiedenen Erscheinungsformen des Patriarchats zu hierarchisieren in ihrer Schrecklichkeit. Erscheint der Kampf gegen den Alltagssexismus nicht angesichts der Grausamkeiten, die Zwangsprostituierte ertragen müssen, als tolerabel? Der Kampf dagegen als reiner Mittelstandsfeminismus?

Ich meine nein. Wir sind gut beraten, beides zu bekämpfen - sexuelle Ausbeutung genauso wie Sexismus.

Der alltägliche Sexismus in der Politik, ja auch in unserer eigenen Partei, zeigt sich zum Beispiel darin, dass Frauen häufig in einem Maße die eigene Selbstständigkeit abgesprochen wird, wie es einem Mann nie passieren würde. Oder dadurch, dass Frauen im Durchschnitt öfter in ihrer Rede unterbrochen werden oder in Form von hate-speeches im Netz.

Wie damit umgehen? Nicht immer haben wir die perfekte schlagfertige Antwort parat. Insofern hilft gelegentlich auch einfach: Das Kind beim Namen zu nennen.

Und antipatriarchale Aktion erfordert nicht immer die große heroische Tat, manchmal reicht schon das Benennen oder das Aufzeigen von Grenzen: Wenn zum Beispiel in einer politischen Kontroverse die argumentativen Ausführungen einer Frau mit einer inhaltsfremden Anmerkung unterbrochen werden (So in der Art „Deine Augen leuchten so schön, wenn du dich aufregst,“ oder „Woher hast du nur diese schönen Ohrringe?“), dann handelt es sich um Gender-Rising.

Nichts gegen einen netten modepolitischen Talk über Accessoires, aber in solch einem Setting wird das Äußere angeführt, um – wahrscheinlich unbewusst – frau an ihren Platz zu verweisen. Und dies lenkt den Fokus weg von ihren inhaltlichen Ausführungen, nimmt ihnen damit an Stärke. In solchen Situationen bleibt uns manchmal nur übrig, darauf hinzuweisen, dass diese Methode weder charmant noch originell ist, sondern schlichtweg eine Form von Gender-Rising und damit auf verstaubte und tief verinnerlichte patriarchale Muster zurückgeht.

Und schließlich gilt auch beim Alltagssexismus: Du bist damit nicht allein. Das zeigen die große Aufmerksamkeit und die vielen Kommentare, die auf die Aufschrei-Debatte folgten.

Wenn wir Alltagssexismus zurück weisen, tun wir letztlich auch uns selbst einen Gefallen. Denn dieser ist wahrscheinlich mit dafür verantwortlich, dass sich leider deutlich weniger Frauen als Männer entscheiden, aktiv in einer Partei zu werden. Feministische Solidarität kann uns also helfen, noch mehr Mitstreitende zu gewinnen.

Liebe Frauen, liebe Teilnehmende, diese Frauenkonferenz sieht neben dem thematischen Schwerpunkt Raum und Zeit für verschiedene Initiativen vor. Dies ist wichtig, denn es geht uns sowohl um Theorie und Strategie, die wir nicht einfach den Männern überlassen dürfen, als auch um Praxis beziehungsweise Aktionen. Konkret sollten wir die gemeinsame Zeit auch nutzen, um uns auf eine feministische Mobilisierung zum nächsten Blockupy zu verständigen.

Die feministische Tanzblockade und der Caremob haben schon dieses Jahr dazu beigetragen, Blockupy thematisch zu bereichern. Gern zitiere ich den Slogan des Caremobs: „Feierabend gibt es für mich nicht: Nach der Arbeit – Reproschicht.“

Wobei Reproschicht Reproduktionsarbeit meint. Zudem gibt es den Anspruch, den Frauentag wieder kämpferischer und politischer ausgestalten zu können. Das ist mehr als angebracht.

Nichts gegen Blumen, aber der Frauentag ist nun mal nicht beim Kaffekränzchen entstanden oder aus Blumenrabatten entsprungen, sondern aus konkreten Kämpfen gegen üble Arbeitsbedingungen und gegen Krieg. Wir haben also einiges vor. Ich wünsche uns eine geistig anregende und konkrete Vereinbarungen treffende Frauenkonferenz!

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