16.06.2017

Wer bestimmt über uns - und unsere Zeit?

Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau

Quelle. Frankfurter Rundschau vom 15. Juni 2017

In unserer Gesellschaft stellen sich immer mehr Menschen folgende Fragen: Wofür gebe ich meine Lebenszeit aus, was tue ich in einer bestimmten Zeit? Wie lange, wie oft gebe ich sie für etwas Bestimmtes aus?

Damit sind zwei grundlegende Dimensionen der auf Emanzipation zielenden Zeitpolitik aufgezeigt: Wer bestimmt über die Zeitverwendung im Laufe eines Lebens eines Menschen in ihrer qualitativen und ihrer quantitativen Dimension?

Wir leben in einer Gesellschaft, die die Zeitverwendung der Menschen vom Standpunkt der Profitabilität und des Kosten-Nutzen-Kalküls bewertet. Dass dabei die notwendige Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen allzu oft unter die Räder kommt, wissen wir alle – die Zeit für Zuwendung zu anderen, die Zeit für die Entwicklung und Pflege des eigenen Körpers, der Seele und des Geistes, die Zeit, um das Gemeinwesen gemeinsam mit anderen zu gestalten. Das alles quetscht sich irgendwie zwischen abgeforderter Zeitverwendung, um eine gesellschaftliche Produktions- und Konsumtionsmaschine aufrecht zu erhalten, die viel Schädliches als Notwendiges deklariert.

Mit dem Konzept der Zeitsouveränität für alle geht es also darum, jedem Menschen Autonomie über sein Leben und seine Lebenszeit zu ermöglichen. Eckpunkte einer emanzipatorischen Zeitpolitik, die diese Autonomie ermöglichen sind: demokratische Verfügung über Produktions-, Lern- und Lebensmittel, radikale kollektive Arbeitszeitverkürzung, individuelle Auszeiten, bedingungslose materielle Absicherung der Existenz und Ermöglichung der gesellschaftlichen Teilhabe jedes Menschen, zum Beispiel durch ein Grundeinkommen.

Eine zukunftsfähige Zeitpolitik ist angesichts der Schäden, die die kapitalistische Produktion anrichtet, und angesichts der immensen Produktivität kein Wunschdenken, sondern eine notwendige Gestaltungsaufgabe. Auch der Produktivitätsschub durch die fortschreitende digitalisierte Produktion soll allen soziale Sicherheit und mehr freie Zeit ermöglichen, statt zu materieller Prekarisierung, zum verstärkten Zeitdruck und zum Burn-out zu führen.

Ich möchte mich mit meinen Vorschlägen an dieser Stelle auf den Aspekt der quantitativen Zeitsouveränität für alle beziehen. Erstens brauchen wir eine umfassende gesellschaftliche Debatte und machbare Konzepte für eine „kurze Vollzeit“. Kurze Vollzeit meint eine radikale Arbeitszeitverkürzung, die um eine 30-Stunden-Woche kreist, das neue durchschnittliche Maß der Vollzeit. Es kann zum Beispiel durch eine Tagesarbeitszeit von fünf Stunden, eine Vier-Tage-Arbeitswoche oder ein Dreiviertel-Arbeitsjahr erreicht werden.

Dort, wo es gesellschaftlich sinnvoll ist, muss die freiwerdende Arbeitszeit durch einen Personalausgleich abgesichert werden. Erwerbslosigkeit und Unterbeschäftigung ließe sich so in Verbindung mit beruflichen Qualifizierungsangeboten reduzieren. Ein Lohnausgleich muss aus den Produktivitätsgewinnen der Unternehmen finanziert werden.

Zweitens brauchen wir machbare Ansätze für eine Entprivilegierung von Auszeiten, auch Sabbatical genannt: Je nach eigener Bedürfnislage sollen Erwerbstätige die Möglichkeit haben, für eine längere Zeit aus der Erwerbsarbeit auszusteigen. Die Verwendung der freien Zeit ist wie bei der kurzen Vollzeit ins Belieben jeder und jedes Einzelnen gestellt. Es gibt ein großes Interesse der Erwerbstätigen an Sabbaticals. Allerdings werden vorhandene Regelungen nur selten genutzt – fehlende finanzielle Absicherungen, die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust sind nur zwei Gründe dafür. Entprivilegierung meint also, Sabbatical-Konzepte zu entwickeln, die jeder und jedem sozial abgesichert und angstfrei die Möglichkeit geben, während des Berufslebens eine bestimmte Anzahl von Sabbatjahren und -monaten zu nehmen.

Frauen leisten doppelt so viel unbezahlte Arbeit in Erziehung und Pflege wie Männer. Bei Paaren mit Kindern ist das Missverhältnis noch größer. Wenn Konzepte für eine kurze Vollzeit und für Sabbaticals entwickelt werden, muss darüber nachgedacht werden, wie die positiven Effekte der frei werdenden Zeit nicht zur Verfestigung dieser geschlechtsspezifischen Ungerechtigkeit führen. Dabei hat die permanente gesellschaftlich-kulturelle Infragestellung von geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen eine wichtige Funktion.

Aber auch politische Maßnahmen, wie der Ausbau und die nutzer*innenfreundliche Ausgestaltung sozialer Infrastruktur und Dienstleistung für Kinder, zu Pflegende usw., sind notwendig. Ebenso die Förderung gemeinschaftlich organisierter Betreuungsmöglichkeiten im sozialen Umfeld der Menschen.

Genannte Eckpunkte und Vorschläge befördern die Möglichkeit selbstbestimmter Verfügung über das eigene Leben und eine lebenswerte Gesellschaft für alle.

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