15.06.2017

Zeitsouveränität für alle

Meine Rede zur Zeitsouveränität im WZB Berlin

Die Rede hielt ich anlässlich der Veröffentlichung der Studie "Gesetzlich garantierte 'Sabbaticals' - ein Modell für Deutschland?" des WZB Berlin und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Die Ergebniss der Studie sind hier zu finden:
https://www.rosalux.de/publikation/id/37446/gesetzlich-garantierte-sabbaticals-ein-modell-fuer-deutschland-2/

Es gilt das gesprochene Wort

Vielen Dank für die Einladung. Die Themen Kämpfe um Zeit und Zeitsouveränität beschäftigen mich schon eine ganze Weile. Und es ist für mich eine Ehre, hier im WZB dazu mit Ihnen diskutieren zu können. Schließlich haben das WZB und Sie, Frau Allmendinger, ganz persönlich viel dazu beigetragen, dass dieses Thema aus dem Schattendasein heraus und ins Rampenlicht kommt.

Und genau da gehört das Thema Zeitsouveränität hin – in den Fokus der öffentlichen Debatte.

Nun ist diese wichtige Erkenntnis noch nicht überall angekommen. Insofern möchte ich im Folgenden einige Argumente anführen, wie wichtig die Auseinandersetzungen um Zeitsouveränität sind. Auch um uns zu wappnen, für anstehende Auseinandersetzungen und um uns zu wappnen, gegen eine ganz spezielle Form der Abwehr neuer wichtiger Erkenntnisse.

Ich rede von dem Lächerlichmachen, dem Herunterspielen der Bedeutung – das tritt übrigens besonders gerne in männlicher, belehrender Pose auf.

Früher hab ich mich über sowas geärgert. Heute weiß ich, das ist meist ein Vorbote dafür, dass neue Zugänge kurz davor sind, erfolgreich zu sein.

Wie heißt es doch so treffend bei Mahatma Gandhi: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Wer es ernst meint mit der Zeitsouveränität für alle, der muss sich auf einige Auseinandersetzungen einstellen.

Denn:

1. An der Verteilung der Tätigkeiten und der Zeit wird die grundlegende Verteilungsungerechtigkeit dieser Gesellschaft deutlich. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Zum einen, ist die Erwerbsarbeit auf eine Art verteilt, die für beide Seiten Stress bedeutet. Die einen kommen gar nicht erst auf einen Arbeitsvertrag, der ein existenzsicheres Einkommen garantiert.

Gerade im Einzelhandel sind Arbeitsverträge von 10, maximal 20 Stunden die Regel. Das aktuell so heiß diskutierte Rückkehrrecht auf Vollzeit, nützt diesen Frauen gar nichts, weil sie gar nicht erst in den Genuss eines Vollzeitvertrages kommen.

Die anderen hingegen, die eine Vollzeitstelle haben, stehen viel zu oft unter dem Druck, Überstunden machen zu müssen, dem Druck der ständigen Erreichbarkeit und dem Druck, dass sich die Arbeit immer mehr verdichtet. Irgendwie muss immer mehr Output in den immer noch gleich langen Tag gepresst werden.

2. Die Verteilung der Arbeiten und Tätigkeiten befördert also Stress. Es gibt ja immer noch Leute, die meinen Stress, das sei was für Frauen, die halt mal wieder einen Yoga-Kurs nötig hätten. Ihnen sei gesagt, stressbedingte Erkrankungen führen zu großen Schäden - sowohl im Leben der Betroffenen und ihrer Familien als auch in der Volkswirtschaft.

Eigentlich sagt einem das schon der gesunde Alltagsverstand. Aber es lässt sich auch statistisch nachweisen an Zahlen zum Anstieg der stressbedingten Arbeitsunfähigkeitstage[1] oder der steigenden Zahl der Rentenzugänge zur Erwerbsminderungsrente in Folge von stressbedingten Erkrankungen[2].

Meine Fraktion hatte mal mit Kleinen Anfragen die Krankheitskostenrechnung allein für die direkten Kosten (Krankheitsbehandlung, Prävention, Rehabilitation, etc.) für psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen erfragt: Sie lag bei 29 Milliarden Euro in einem Jahr. Tendenz steigend.

3. Zu den großen Verteilungsungerechtigkeiten gehört auch die Verteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern. Wie groß dieses Gender Care Gap ausfällt, wissen wir ja auch dank Untersuchungen aus diesem Haus.

Auf den Hinweis, dass Frauen im Durchschnitt doppelt so viel unbezahlte Arbeit in Pflege und Erziehung und im Haushalt leisten, wenden Konservative gerne ein, das sei ja reine Wahlfreiheit.

Ich bezweifle, dass die Aufteilung der Tätigkeiten zwischen Mann und Frau das Ergebnis einer gleichberechtigten Abwägung der Wünsche sind. Vielmehr werden äußere Faktoren wirken, wie etwa immer noch überlieferte Rollenmuster, geschlechterspezifisch anerzogene Erwartungen, aber auch ökonomische Zwänge in einer Arbeitswelt, in der Männern im Schnitt immer noch höhere Einkommen haben.

4. Inzwischen wissen wir ja auch dank verschiedener Untersuchungen, dass die Wünsche der Menschen in eine andere Richtung gehen, als die bisherige Praxis. Viele Frauen möchten aktive Elternschaft und beruflichen Erfolg als Selbstverständlichkeit vereinbaren. Viele junge Väter wünschen sich von ganzen Herzen mehr Zeit für die Familie.

In Kult-Serien wie Mad Men, die im New York der 50er und 60er Jahre spielen, schauen wir uns solche Szenen vielleicht noch gerne an, wo Papa spät am Abend (unterlegt mit kitschiger Filmmusik) einen liebevollen Blick ins Kinderzimmer wirft, wenn alles schon schläft. Im wirklichen Leben ist das Modell des Alleinernährers, der höchstens mal am späten Abend im Kinderzimmer vorbeischaut, ein Auslaufmodel – zumindest in den Herzen der Menschen.

5. Und es gibt noch einen zentralen Unterschied zwischen Filmen bzw. Serien und unserem Leben. Serien und Filme können wir nach Belieben vor- und zurückspulen. Wenn man mal einen Dialog verpasst hat, ist es ein leichtes auf den Knopf zu drücken. Im wirklichen Leben gibt es kein Zurückspulen. Vergangene Lebenszeit ist unwiderruflich vergangen. Ein vergangener Lebensabschnitt lässt sich nicht zurückdrehen.

Besonders deutlich wird das in der Zeit, wenn die Kinder klein sind. Die Woche lässt sich zwar mit vielen Terminen vollpacken und mit Zeitmanagement und Effizienz lässt sich viel erledigen, aber auch das beste Zeitmanagement bringt Dir vergangene Zeit nicht zurück.

Diese Erkenntnis verdanke ich meiner kleinen Tochter. Sie hat mir vor Augen geführt, wie schnell die Kleinen größer werden. Gerade noch freuten wir uns über ihre ersten Worte, notierten stolz, dass aus Zwei-Wort-Sätzen nun Drei-Wort-Sätze werden und schon ist sie groß genug, um sich wortreich zu beschweren, wenn ich sie vor anderen „meine Kleine“ nenne.

Auch deshalb sollte die Arbeitswelt nicht so organisiert sein, dass wir unser Leben ständig im Vorspulmodus absolvieren müssen.
Wirkliche familienfreundliche Politik ist also undenkbar ohne Einsatz für Zeitsouveränität.

6. Gerade in Zeiten von Digitalisierung und Robotorisierung sind die Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung aktueller denn je. Technischer Fortschritt gehört zur Menschheitsgeschichte. Dass technischer Fortschritt uns Arbeit abnimmt ist doch an sich etwas Großartiges.

Doch wenn über die Umbrüche im Zuge von Industrie 4.0 oder im Zuge der Digitalisierung gesprochen wird, ist da oft viel Zukunftsangst im Spiel.

Ja es stehen Umbrüche an und die Prognosen, wie viel Prozent der heute existierenden Arbeitsplätze in Kürze hinfällig sind, gehen auseinander.

Aber dass diese Entlastung von vielen als Bedrohung erlebt wird, offenbart doch, dass da etwas grundlegend falsch organisiert ist in unserer Gesellschaft. Nicht der technische Fortschritt, sondern die Verteilung seiner Früchte ist das Problem.

Eine besonders gute Form, alle am technischen Fortschritt zu beteiligen, ist in Form von Zeitwohlstand, von Zeitsouveränität.

7. Zeitsouveränität für alle ist auch eine wichtige Voraussetzung dafür, die Demokratie mit Leben zu erfüllen. Ich selber bin Anhänger der 4-in-einem Perspektive, die von der feministischen Marxistin Frigga Haug entwickelt wurde.

Sie besagt, dass im Leben von Männern und Frauen gleichermaßen Zeit sein sollte für die vier gleichberechtigten Tätigkeitsbereiche: 1. Erwerbsarbeit 2. Familienarbeit bzw. Reproduktionsarbeit 3. Politische Eimischung bzw. gesellschaftliches Engagement und 4. Zeit für Weiterbildung, für Arbeit an sich selber. Ich spreche hier lieber von Zeit für Muße.

Nun muss man sich das nicht so schematisch vorstellen, dass jeder jeden Tag 4 Stunden politisch aktiv ist. Keine Sorge, niemand muss, aber alle müssen es können, wenn sie wollen.

In einer Demokratie muss jeder und jede die Möglichkeit haben, sich politisch einzumischen. Denn es tut der Demokratie nicht gut, wenn sie allein in den Händen von Berufspolitikerinnen liegt. Das setzt aber sowohl ein Mindestmaß an materieller Absicherung für alle voraus als auch ein Mindestmaß an Zeit für politisches Engagement.

Und jeder, der mal einen Studierendenprotest miterlebt hat, weiß, wenn die Proteste erst mal losgehen, braucht man dafür Zeit.

Oder um es mit anderen Worten zu sagen, bei Arbeitszeitverkürzung, bei Zeitsouveränität geht es sowohl um Zeit dafür, die Welt kennenzulernen als auch um Zeit, sie zu verändern.

Wie heißt es doch so treffend im dem Brecht‘schen Theaterstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe: „Ändere die Welt, sie braucht es.“

Auch wenn große Bereiche der Erwerbsarbeitswelt noch von ungerechter Verteilung und Stress geprägt sind, so ist doch auch einiges im Umbruch zum Guten: Ich spreche von den um sich greifenden, vermeintlich unverschämten Ansprüchen vieler junger Menschen an ein gutes Leben. Nicht alle sind darüber so begeistert wie ich.

Ein Artikel im Berliner Tagesspiegel zeigt sich ernsthaft darüber enttäuscht, dass die junge Generation in diesem Land kein – Zitat- „Interesse mehr an Konkurrenz, Leistungsdenken und Eroberung“ habe, ihr – so wörtlich – die „Angriffslust“ für den weltweiten Wettbewerb fehle und sie stattdessen lieber auf eine „ausgewogene Work-Life-Balance“ setze.

Ich sage hingegen: richtig so! Denn offenbar hat sich bei immer mehr jungen Menschen herum gesprochen, dass es sich nicht lohnt, das eigene Leben auf dem Altar der Standortkonkurrenz zu opfern. Anstatt also die Menschen weiter fit zu machen für die Konkurrenz, sollten wir uns freuen, wenn eine junge Generation von diesem sinnlosen Wirtschaftskrieg zu desertieren beginnt. Wir haben mehr vom Leben, als von der Arbeit.

Sinnstiftende Tätigkeiten auch in Form von Erwerbsarbeit sind nicht nur für mich ein wichtiger Bestandteil eines erfüllten Lebens, doch ein erfülltes Leben lässt sich nicht darauf reduzieren, im Hamsterlaufrad zu funktionieren.

Wir müssen also ran an das Thema Arbeitszeitverkürzung, allerdings immer in Verbindung mit der Umverteilung der Tätigkeiten. Zum einen zwischen denen, die zu viel Erwerbsarbeit wegtragen müssen und denen, die gerne einige Stunden länger arbeiten würden. Und zum anderen in Verbindung mit der Umverteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern.

Also die Quote in Aufsichtsräten ist da nur eine Seite der Medaille. Es geht zwar auch darum, dass mehr einflussreiche Positionen von Männer- in Frauenhand wandern. Im Gegenzug muss aber auch mehr von der wundervollen, liebevollen Familien und Hausarbeit von Frauen- in Männerhand wandern.

Ich sage immer, Mädels diese so wunderbare, Herz erwärmenden, zusammenhaltstiftenden Tätigkeiten dürfen wir den Männern nicht länger vorenthalten. Auch Väter haben ein Recht darauf, im Schnitt jede 2. Windel zu wechseln.

Um das zu ermöglichen brauchen wir ein neues Leitbild. Die Arbeitswoche der Zukunft sollte also maximal um die 30 Stunden Erwerbsarbeit kreisen. In fortschrittlichen Gewerkschafterkreisen heißt das kurze Vollzeit für alle. Ich persönlich nenne es lieber etwas provokanter: lange Teilzeit für alle.

Gemeint ist, es gibt weniger Erwerbsarbeit für den einzelnen, dafür genügend für alle, plus mehr Zeit für Familie, Freunde und Gesellschaft.

Doch die Reduzierung der allgemeinen Erwerbsarbeitszeit ist nur eine Form von Zeitsouveränität. Wie konkret das ausgestaltet wird, ob mit sechs-Stunden-Arbeitstagen, einer Vier-Tages-Woche oder längeren Urlauben – das wiederum muss sich an der konkreten Lebens- und Arbeitssituation der Menschen orientieren.

Fakt ist, dass es über die allgemeine Arbeitszeitverkürzung hinaus, individuelle Modelle für Zeitsouveränität geben muss. Mir ist es deshalb ein politisches Herzensanliegen, das Recht auf Sabbaticals, auf Auszeiten, auf längere Mußezeiten zu stärken.

Deshalb habe ich ins Wahlprogramm meiner Partei geschrieben, dass jede und jeder in seinem Arbeitsleben das Recht auf mindestens zwei Sabbathjahre hat.

Wir wissen, dass diese Form der Zeitsouveränität, die große Pause, bisher von nur wenigen Institutionen genutzt wird. Am ehesten noch in der Wissenschaft.

Dass es dieses Modell überhaupt gibt, ist jedoch schon mal ein enormer Fortschritt. Ja auch ein Ankerpunkt in der Wirklichkeit für die Vorstellungskraft. Das Recht auf Auszeiten, auf eine längere Pause, gibt es also nicht nur in utopischen Romanen, sondern auch in der Wirklichkeit.

Daran gilt es anzuknüpfen. Um es auszubauen stehen wir nun vor der Frage: Was sollte passieren, damit mehr Menschen in den Genuss dieser großen Pause kommen können, es geht letztlich um die Entprivilegierung des Rechts auf eine längere Auszeit. Ich bin sehr gespannt auf die Studie und daruf, wie gesetzlich garantierte Sabbaticals funktionieren könnten.

Ist das doch ein wichtiger Baustein für wirkliche Zeitsouveränität. Und hierbei geht es um die kostbarste Ressource in unser aller Leben, denn Zeit ist für alle begrenzt. Es geht um nichts Geringeres als unser Leben.

[1] Hier eine Grafik zur Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von psychischen und Verhaltensstörungen einfügen, in Millionen (Quelle: Antwort auf eine Kleine Anfrage der LINKEN, Drs. 17/9487): 2001: 33,6; 2002: 34,4; 2003: 45,5; 2004: 46,3; 2005: 44,1; 2006: 42,6; 2007: 47,9; 2008: 41,0; 2009: 52,4; 2010: 53,5

[2] Grafik zur Entwicklung der Zahl der Rentenzugänge in eine Erwerbsminderungsrente aufgrund psychischer Erkrankungen (Quelle: Antwort auf eine Kleine Anfrage der LINKEN, Drs. 17/9487):

Männer: 2000 19.087, 2001 25.097, 2002 23.784, 2003 24.498, 2004 25.551, 2005 25.132, 2006 24.453, 2007 25.256, 2008 26.286, 2009 29.006, 2010 31.698

Frauen: 2000 19.950, 2001 27.021, 2002 26.036, 2003 26.212, 2004 27.117, 2005 27.842, 2006 26.979, 2007 28.631, 2008 31.123, 2009 35.463, 2010 39.248

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