14.02.2017

Marx und Grundeinkommen – Vier Zugänge für heute und später

Karl Marx und Friedrich Engels haben sich nicht mit der Idee des Grundeinkommens beschäftigt.

Aber erstens gilt für Marx - Aufhebung des Zwangs zum Verkauf der Arbeitskraft:

Die Aufhebung entfremdeter Arbeit, also der Arbeit zwecks Erlangung einer individuellen Existenzsicherung durch Lohn, ist Wesenszug einer Abschaffung der kapitalistischen Gesellschaft. Es wird damit das Lohnarbeit-Kapital-Verhältnis aufgebrochen. Der doppelt freie Lohnarbeiter muss sich verkaufen, muss somit Kapital reproduzieren, um seine Existenz zu sichern. Mit Grundeinkommen muss er dies nicht. Sondern das Grundeinkommen befördert, dass "Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis" (Marx 1982, 21) werden kann, "indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird." (Engels) Friedrich Engels bemerkt zu Charles Fouriers Vision einer Gesellschaft mit freier, genossenschaftlicher Arbeit und bedingungslos abgesicherter Existenz: "wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet. […] Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, daß absolute Untätigkeit Unsinn ist, etwas, was es nie gegeben hat und nicht geben kann, daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein und den Körper in Tätigkeit zu bringen, und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken." (Engels)

Für Marx galt zweitens - Jede/r nach seinen Bedürfnissen:

In einer entwickelten kommunistische Gesellschaft gilt das Verteilungsprinzip: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" (Marx) – ohne den Zwang zu Arbeit: Dies ist Grundvoraussetzung einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". (Marx/Engels)

Drittens - Digitalisierung und Automatisation:

Das Grundeinkommen wäre eine der Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus gemäße Verteilungsform – eine Idee, die sich heute bei vielen Linken wiederfindet: Denn mit der Entwicklung der Produktivkräfte, so Marx, wird "die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder […] in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet […]." (Marx) Diese "Agentien" sind der allgemeinen Stand der Wissenschaft und der Anwendung dieser auf die Produktion, das "allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge (Kenntnisse)" und der "kooperative Charakter des Arbeitsprozesses" als auch in der "wissenschaftliche[n] Arbeit" selbst: "alle Entdeckung, alle Erfindung […] ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbeiten Früherer" (Marx). Damit wird die über abgeleistete Arbeitszeit erfasste gesellschaftliche Reichtumsschöpfung und die über Arbeitszeit legitimierte individuelle Leistungszuschreibung und Existenzsicherung immer problematischer. Es bedarf einer ergänzenden, komplementären – und wie wir oben sahen – die alte, lohnabhängige, bürgerliche Form letztlich überwindenden Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Auch dafür steht ein Grundeinkommen in der heutigen linken Debatte.

Viertens - Arbeitszeitverkürzung und individuelle Fähigkeitsentwicklung:

Grundeinkommen ist eine Möglichkeit für alle zur "free activity, die nicht wie die labour durch den Zwang eines äußren Zwecks bestimmt ist, der erfüllt werden muß, dessen Erfüllung Naturnotwendigkeit oder soziale Pflicht ist" (Marx). Die freie Aktivität ist erst in der "freien Zeit" möglich, "die sowohl Mußezeit als Zeit für höhre Tätigkeiten" und "Zeit für die volle Entwicklung des Individuums" (Marx) ist, "die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern zum enjoyment * (*Genießen), zur Muße, (so) daß sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt. Die Zeit ist der Raum für die Entwicklung der faculties* (*Fähigkeiten) etc." (Marx, Marx/Engels). Ziel ist daher die "Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffenen Mittel entspricht" (Marx). Die Verkürzung des Arbeitstags ist Grundbedingung der Erweiterung des wahren Reichs der Freiheit jenseits der Naturnotwendigkeit, in der die menschliche Kraftentwicklung stattfindet, die sich als Selbstzweck gilt (vgl. Marx).

Das Grundeinkommen kann mit den Gedanken von Marx (und Engels) als ein Bestandteil der Überwindung des Kapitalismus und als Bestandteil einer postkapitalistischen Gesellschaft verstanden werden.

Und noch etwas, was zum Film über den jungen Karl Marx hinführt: Marx wären ohne die bedingungslose Absicherung seiner und seiner Familie Existenz durch Friedrich Engels viele seiner Werke und politischen Aktivitäten gar nicht möglich gewesen.

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