05.04.2016

Auf der Suche nach den richtigen Fragen

Zum 80. Geburtstag von Wolfgang Fritz Haug

Wolfgang Fritz Haug

Vor wenigen Tagen ist Wolfgang Fritz Haug 80 Jahre alt geworden. Ein Grund ihm von Herzen zu gratulieren, aber auch, um einmal zurückzublicken auf das Leben eines Menschen, ohne den die marxistische Linke in Deutschland, ja die Linke insgesamt, ein ganzes Stück ärmer dastehen würde.

Er hat in der Linie Luxemburg-Gramsci den Marxismus entscheidend geprägt und weiterentwickelt. Seine Auseinandersetzungen mit dem High-Tech-Kapitalismus sind maßgebend für die Analyse des Kapitalismus unserer Zeit. Als organischer Intellektueller im gramscianischen Sinne, gehören für Wolf Theorie und Praxis ganz selbstverständlich und untrennbar zusammen. Mit dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus hat er sich zusammen mit anderen ein Projekt vorgenommen, das schon längst zu einer Lebensaufgabe geworden ist. Von seinen Kapitallesekreisen und Vorlesungen während der Lehrtätigkeit als Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin zehren noch heute unzählige ehemalige Studierende. Der Argument-Verlag, die Zeitschrift das Argument, dessen Gründer und Herausgeber er ist, und das Institut für kritische Theorie Berlin, das er ins Leben gerufen hat, sind Archive und Labore für die intellektuelle Linke – und das international.

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Polarisierung der Gesellschaft immer weiter zunimmt und in deren Entwicklung uns die Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ wieder erschreckend aktuell erscheint, sind linke Analysen und Antworten wie Wolfgang Fritz Haug sie gibt, wichtiger denn je.

Nirgendwo vermitteln die Herrschenden noch den Eindruck, dass es im Bestehenden eine Zukunft gibt, an die man glauben kann. Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen und guten Jobs, die Reduktion der Demokratie auf die Verwaltung von Sachzwängen sind der Nährboden, auf dem – nicht erst seit heute, aber dennoch in diesen Tagen immer stärker spürbar – Entsolidarisierung, autoritäre Einstellungen und Rassismus gedeihen. Die hohen Wahlergebnisse der rechtspopulistischen AfD sind kein isoliertes Ereignis. Sie fallen zusammen mit einer zunehmenden Verrohung der Sprache. Nicht nur im Netz nehmen Äußerungen zu, die anderen Menschen das Menschsein absprechen. Und sie fallen zusammen mit einer explosionsartigen Zunahme von rassistischen Angriffen auf Leib und Leben. Diese Entwicklungen sind nicht einfach ein Betriebsunfall. Es handelt sich vielmehr um das Symptom einer grundlegenden Krise des neoliberalen Kapitalismus. Und so mancher von uns stellt sich inzwischen die Frage, ob sich Geschichte nicht womöglich doch wiederholt.

Doch statt in Hysterie zu verfallen, braucht es manchmal einen Moment der Besinnung und der ruhigen Analyse. Und so griff auch ich in mein Bücherregal und zog einen Band des Arguments heraus, um in einem Aufsatz von Wolf zu lesen. In „Zur Dialektik des Antirassismus“ las ich folgenden Satz: „Der moralische (für andere eintretende) Antirassismus erliegt allzu oft der Gefahr, ein gutes Gewissen einem genauen Wissen über die Wirkungszusammenhänge, in denen er agiert, vorzuziehen. Daraus resultiert in der Agitation oft ein hilfloser Antirassismus der Phrase“. Kaum zu Ende gelesen, wollte ich widersprechen. Als Dresdnerin, die montäglich Pegida-Aufmärsche erlebt, bin ich froh über jeden, der hier Flagge gegen Rassismus zeigt. Jede abfällige Bemerkung gegenüber Antirassismus erscheint mir insofern befremdlich und merkwürdig an den Erfordernissen der aktuellen Situation vorbei geschrieben. Jedoch blieb mir das groß ausholende widersprechende ABER im Halse stecken. Denn zu der inneren Rebellion gesellt sich schnell eine erkennende Ahnung. Mir schwante, dass diese Zeilen zu etwas Dringenderem auffordern. Zu etwas, das wichtiger ist als das plakative, vordergründige Widersprechen, namentlich die Auseinandersetzung mit der Widersprüchlichkeit der Situation. Ich erinnere mich an eine Erkenntnis bei der Lektüre von Christa Wolfs Buch Kindheitsmuster: Etwas verstehen bzw. erklären heißt nicht, es zu entschuldigen. An sich eine Selbstverständlichkeit. Doch in der politischen Kommunikation alles andere als selbstverständlich. Es tut not, sich diese entscheidende Unterscheidung zwischen Erklären und Entschuldigen zu vergegenwärtigen. Entscheidend ist demnach das Erkenntnisziel. Mein Verstehen-wollen der Wirkungszusammenhänge erfolgte nicht in der Absicht, sich anschließend Verständnis heischend zu äußern. Es ging nicht darum, mildernde Umstände für Rassismus zu finden. Der Versuch des Verstehens zielte vielmehr darauf ab, besser gewappnet zu sein für die Auseinandersetzung mit dem Rassismus. Und so studierte ich noch einmal Unmengen von hasserfüllten oder besorgten Kommentaren im Netz, ließ Aussagen aus Gesprächen in Dresden - aus Bürgerinnengesprächen oder in der Straßenbahn aufgeschnappte - Revue passieren. Auffällig an vielen Wortmeldungen ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie von WIR Deutsche und DEN anderen sprechen. Diese Konstruktion von WIR und DIE ist mir normativ und sozio-kulturell zutiefst fremd. Doch womöglich muss ich im Sinne der eigenen Handlungsfähigkeit, auch hier die Fragestellung verschieben. Die Frage lautet also nicht: Warum beziehen sich Menschen auf das WIR DEUTSCHE gegen die anderen. Womöglich muss die Fragestellung vielmehr heißen: Wie kann das Bedürfnis nach einem Wir auf emanzipatorische auf menschliche Weise gefüllt werden. Was ist zu tun, um das Bedürfnis nach einem Wir, nach Zugehörigkeit so benennen und zu füllen, dass es Empathie zulässt? Die Kunst der Politik besteht gerade darin, Ansätze für ein WIR jenseits der Konstruktion des Nationalem zu finden. Die Solidarität der vielen. Oder anders gesprochen, eine Solidarität zwischen all jenen, die nur ihre Arbeitskraft zum Verkauf anbieten können. Das umfasst: Erwerbslose, Prekäre, Illegalisierte, Soloselbstständige und Kernbelegschaft gleichermaßen. Ein solches Verständnis von Solidarität müsste anknüpfen an der traditionsreichen Losung „Proletarier, aller Länder vereinigt Euch.“ Aber über sie hinausweisen, um sie zeitgemäß fassen.

Erklären heißt nicht entschuldigen. Egal ob Bänkerin, Bäcker oder Bettlerin, es gibt keine mildernden Umstände dafür, zum Rassisten zu werden. Doch beim Beraten über mögliche Ansatzpunkte müssen wir über Ängste reden. Wobei ich dafür plädiere, Ängste zu nehmen, anstatt sie durch nachplappern noch zu verstärken. Eine Gesellschaft, die alle auf einen Dauerkontest trimmt, die alle in den Wettbewerbsmodus bringen will, in der gilt jeder gegen jeden, befördert solch einen Dauertinitus. Diese daraus resultierenden diffusen Ängste basieren weniger auf einer nüchternen Analyse, als der tatsächlichen sozialen Gefährdungslage. Sie speisen sich aus realen sozialen Nöten oder drohenden Nöten. Und dieser Facette der Angst kann politisch begegnet werden. Abstiegs- und Existenzängsten können durch politische Maßnahmen gemildert und abgebaut werden. Ich kam zu dem Schluss, dass die Solidarität mit Geflüchteten, die sozialen Garantien des Lebens für alle und die Stärkung des Öffentlichen sind, eine Trias bilden, die zusammengehört. Auf eines davon zu verzichten, erwiese sich entweder als unmenschlich oder als fahrlässig in Zeiten des wachsenden Rassismus.

Es ist genau dieses dialektische Denken, das mir nicht nur eine differenzierte Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Entwicklungen erlaubt, sondern mich auch immer wieder zu Erkenntnissen führt, die mir Mut machen, mich an die (politische) Arbeit zu machen. Dieses Denken habe ich auch Wolfgang zu verdanken.

Aber es war und ist auch nicht immer einfach, von Wolf zu lernen. Wolfgang ist ein unglaublich engagierter, aber auch strenger Lehrer. Manchmal so streng, dass so mancher ehemalige Weggefährte sich verabschiedet hat. Doch beide, Wolfgang Fritz Haug und seine Frau, die Soziologin und feministische Marxistin Frigga Haug, haben nicht nur mich immer wieder ermutigt, in Zeiten, in denen ich zweifelte, weiterzumachen. Sie haben mich dazu ermutigt, die Fragestellungen, mit denen wir konfrontiert sind, zu hinterfragen. Sie haben nicht nur mich darin geschult, die Fragestellung im Sinne unserer Handlungsfähigkeit zu verschieben. Das hat vielleicht nicht in jedem Interview oder jeder Talkshow geklappt, doch es hat mich gewappnet für die verschiedensten Auseinandersetzungen. Und besonders hilfreich war diese Herangehensweise in den aktuellen Debatten nach Köln. Sie hat mich bewahrt vor dem Versuch im Rahmen der Fragestellung: Müssen wir angesichts der sexualisierten Gewalt in der Silvesternacht Ausländer nicht schneller Abschieben? Eine redliche Antwort zu finden. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Im Zwangskorsett dieser Fragestellung, die so viele falsche Grundannahmen transportiert, gibt es keine Antwort im Sinne unserer Handlungsfähigkeit. Hier kann man sich nur zwischen zwei Fehlern entscheiden. Der Relativierung der sexuellen Belästigung oder dem Einstimmen in einen Chor, der sich - unabhängig vom Wollen der einzelnen Stimmen - zum Dröhnen der rassistischen Mobilmachung verdichtet. Einmal befreit von dem Dilemma einer falschen Fragestellung, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wem es wirklich um den Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt geht, der stellt eine andere Frage: was ist zu tun, um Frauen und Kinder generell vor sexualisierter Gewalt zu schützen? Und auf diese Frage gibt es viele gute Antworten.

Für seine analytische Klarheit, für sein dialektischen Denken, für seinen Mut und seine Herzlichkeit, für seine Wärme und für seine unermüdliche Suche, nicht nur nach den richtigen Antworten, sondern auch nach den richtigen Fragen – dafür möchte ich mich bei Wolf bedanken.

Katja Kipping

Ausdrucken | Versenden | Seitenanfang

Termine

Community

Wer flüchtet schon freiwillig
Manifest LWdZ
Dassmussdrinsein
Mitmachen

Freunde

Institut Solidarische Moderne