04.03.2016

Laudatio auf die Initiative #ausnahmslos

Rede zur Clara-Zetkin-Preis-Verleihung

Ich habe heute die Ehre, den Initiator*innen des Aufrufs #ausnahmslos den Clara-Zetkin-Ehrenpreis zu überreichen.

Ein Schulterschluss zwischen Feminismus und Anti-Rassismus

#ausnahmslos steht für den Schulterschluss von Feminismus und Antirassismus. Dieser Schulterschluss war gerade nach den Ereignissen in der Silvesternacht von besonderer Bedeutung.

Feminist*innen unterschiedlicher Prägung schlossen sich zusammen und machten deutlich: Der rassistischen Diskurs findet NICHT in unserem Namen statt.

Insofern steht #ausnahmslos auch für den Schulterschluss verschiedener feministischer Ansätze.

Antje Schrupp, eine der Verfasser*innen, schrieb neulich in einem Zeitungsartikel: #ausnahmslos hat deutlich gemacht, dass es in der feministischen Bewegung nicht um eine einheitliche feministische Position geht. Vielmehr geht es darum, „für die zu diskutierenden Differenzen eine gemeinsame Grundlage zu setzen“1.

Wir Feministinnen müssen nicht in allem einig sein, um zu sagen, Feminismus muss antirassistisch sein. Das ist die Basis, auf der wir unsere Differenzen austragen möchten.

Um die Bedeutung dieser gesellschaftlichen Intervention zu ermessen, lohnt es, sich noch einmal die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Monate zu vergegenwärtigen.

Von der Quotengegnerin zur Instantfeministin

Mit dem Anstieg der Geflüchteten-zahlen tauchte ein neues Phänomen auf: Politiker und Politikerinnen, die jahrelang erbittert jeden feministischen Fortschritt bekämpft hatten, zeigten sich auf einmal in großer Sorge um die Frauenrechte.

So sprach sich Julia Klöckner noch 2013 gegen die Einführung einer verbindlichen gesetzlichen Quote für Aufsichtsräte aus.2 Offensichtlich wollte sie der Wirtschaft keine Vorgaben in punkto Gleichstellung machen. Seitdem medial über den Anstieg der Geflüchtetenzahlen berichtet wird, äußert sie sich häufig in Sorge um die Gleichstellung der Frauen:

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau dürfe nicht in Frage gestellt werden – „weder von den Muslimen, die bereits hier lebten noch von denen, die derzeit als Flüchtlinge nach Deutschland kämen.“

Auch Erika Steinbach twitterte: "Bei mir hat eine Frauenquote keine Chance!" Während sie angesichts von Geflüchteten mit muslimischen Glauben nun in großer Sorge um Frauenrechte ist.

Es ist auffällig, dass diejenigen, die bisher zu christlich-fundamentalen Eiferern gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch schwiegen nun angesichts von Geflüchteten muslimischen Glaubens sich plötzlich berufen fühlen, die Gleichstellung der Geschlechter zu verteidigen.

Oder anders ausgedrückt. Konservative, die noch bis vor kurzem die Frauenquote bekämpften, als stünde sie für das Ende des Abendlandes, meinten auf einmal die Gleichstellung der Geschlechter gegen die vermeintlichen Machos aus dem sogenannten Morgenlande verteidigen zu müssen.

Ich nenne dieses Phänomen: Instantfeminismus. In Anlehnung an Instantkaffee, der sich schnell auflöst und in der Regel nicht hält, was er verspricht.

Das ärgerliche an diesem Instantfeminstinnen ist, dass sie Fortschritte, die die Frauenbewegung hart erkämpft hat, missbrauchen um rassistische Deutungsmuster zu verbreiten.

Gerade nach Köln brach sich diese Herangehensweise in den öffentlichen Debatten Bahn.

Nun war die massenhafte sexuelle Belästigung, die Frauen in der Silvesternacht, nicht nur in Köln angetan wurde, ein übler männerbündischer Exzess. Da gibt es nichts zu relativieren. Die Täter müssen nach den Regeln der Gesetze verfolgt werden. Dafür darf es weder einen Bonus noch einen Malus für die Herkunft geben.

Keine Importware

Doch Sexismus ist keine Importware aus dem Ausland, sondern leider fester Bestandteil dieser Gesellschaft..

  • Die Hälfte aller Frauen in Europa wurde in ihrem Leben schon sexuell belästigt. – so eine Erhebung der Agentur für Europäische Grundrechte

  • Jeden Tag werden durchschnittlich – der Kriminalstatistik zufolge - in Deutschland 20 Vergewaltigungen angezeigt. Die Dunkelziffer liegt viel höher.

  • 25% der in Deutschland lebenden Frauen haben Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner erlebt (Studie des BMFFS seit 2004)

Ein großer Teil der Gewalt findet also in den Familien statt. Es sind in der Regel nicht Unbekannte, sondern Männer, die den Frauen nahe stehen, die an ihnen Gewalt üben.

Nun mag die alltägliche häusliche Gewalt aus medialer Sicht nicht so spektakulär sein. Aus Sicht der Betroffenen ist sie gleichermaßen belastend.

Die #ausnahmlos-Initiative hat eine schlichte Tatsache auf den Punkt gebracht: „Sexualisierte Gewalt gehört nicht nur dann thematisiert, wenn die Täter die vermeintlich Fremden sind.“

Das ist ein einfacher Satz, der den meisten Kommentaren und Medienberichten nach Köln treffend einen Spiegel vorhält.

Frage verschieben: Was tun gegen sexualisierte Gewalt?

Auffällig an den Debatten nach Köln ist auch folgendes: Bei fast allen lautete die Fragestellung: Wie können wir noch entschiedener Geflüchtete abschieben?

Wem es wirklich um die Frauen geht, der müsste die Frage doch anders formulieren: Wie können wir in diesem Land generell Frauen und Kinder und auch Männer vor sexualisierter Gewalt schützen?

Der Rassismus entlarvt sich auch in den blinden Flecken, die er hinterlässt. In der öffentlichen Diskussion ist die kaum die Rede von sexualisierter Gewalt, die nicht-weißen Frauen widerfährt.

Sei es auf der lebensgefährlichen Flucht nach Europa, sei es in den Unterkünften für Geflüchtete oder auch auf den Straßen deutscher Städte. Der Rassismus siebt aus, wen es vor sexualisierter Gewalt zu schützen gilt und wen nicht.

Dem setzten die Preisträger*innen ein entschlossenes Ausnahmslos entgegen. Sie treten für einen gemeinsamen Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus ein.

Immer. Überall. #ausnahmslos


Die Sorge um Töchter

In den Debatten nach Köln führte so mancher die Sorge um seine Töchter an.

Ich bin auch Mutter einer kleinen Tochter und weiß aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass Eltern, wenn es um ihre Kinder geht, unglaublich besorgt sein können.

Doch gerade mit Blick auf die Generation meiner Tochter sage ich: Ich möchte, dass alle Töchter in einer Gesellschaft aufwachsen, in der sie generell vor sexueller Gewalt geschützt werden, ganz gleich ob es sich Gewalt im öffentlichen Raum oder um häusliche Gewalt handelt – ausnahmslos.

Ich möchte, dass alle Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die Rassismus eine rote Karte zeigt - ausnahmslos.

Täter sollen bestraft werden unabhängig woher sie kommen.

Alles andere ist einem bürgerlichen Rechtsstaat unwürdig.

Betroffene sollen geschützt und unterstützt werden – unabhängig davon, woher sie kommen.

Alles andere ist einer solidarischen Gesellschaft unwürdig.

Mutige gesellschaftliche Intervention

Der Aufruf #ausnahmslos ist eine mutige gesellschaftliche Intervention im besten Sinne.

Mutig auch deshalb, weil wir schon seit der Twitter-Kampagne #aufschrei wissen, dass sich viel zu viele Menschen ungern mit dem eigenen Sexismus auseinandersetzen.

Die Initiatorinnen von #ausnahmslos wurden zur Adresse für mehrere shitstorms und mediale Hass-Attacken.

So mancher, der den Sexismus der Flüchtlinge scharf kritisierte, lies in Kommentaren über diese Initiative dem Sexisten in sich freien Lauf.

Dennoch haben die Initiatorinnen den Mut gehabt, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Sie gaben damit vielen anderen Mut. Vielen die in kurzer Zeit den Aufruf unterschrieben. Oder wie z.B. in Mainz sich durch den Aufruf inspiriert fühlten zu einer Demonstration gegen Rassismus und gegen Sexismus aufzurufen.

Sie haben der populistischen Debatte nach Silvester ein Zeichen der Solidarität zwischen Geflüchteten und den Opfern sexualisierter Gewalt gegenüber gestellt.

Sie haben klar gemacht, dass die falsche Frage gestellt wird: die Frage ist nicht, woher die Täter kommen, sondern wieso sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft immer noch Normalzustand ist und was dagegen zu tun ist.

Und dafür möchten wir ihnen heute Danke sagen.

1https://www.akweb.de/ak_s/ak613/08.htm

2http://www.deutschlandfunk.de/kloeckner-ich-bin-ein-fan-von-quoten-aber-nicht-von-starren.694.de.html?dram:article_id=243539. vom 15.04.2013.

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